Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 36 (4.9.1931)
- Date
- 1931-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Dg WAHRHEIT JTJTÜ* Seite 7 Polizei war jedoch nicht pünktlich zur Stelle, sondern ließ es zu, daß die Huligan-Bande über eine Stunde lang ihr Zerstörungswerk vollführe. Von den mißhandelten Juden trugen mehr als 20 blutige Verletzungen davon und mußten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Erst dann schritt die Polizei ein und vertrieb die Huligans, ohne eine Verhaftung vorzunehmen. Öie jüdische Bevölkerung von Jesziorno lebt in Panik, da angesichts der lauen Haltung der Polizei eine Wiederholung der Exzesse befürchtet wird. Eigenartige Justiz. Im Monat April zog ein Trupp Nationalsozialisten von etwa 100 Mann durch den Ort Dexheim bei Oppenheim und sang dabei Kampflieder, die eine Herausforderung der jüdischen Bevölkerung waren. So kam in einem Lied der Refrain vor: „So stehen die Sturmkolonnen zum Klassenkampf bereit, Erst wenn die Juden bluten, dann ist das Volk befreit," Es wurde Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Mainz erhoben, da die Tendenz des Liedes offen den Judenmord ausspricht. Grund zu der Anzeige lag.um so mehr vor, als" wenige Tage vorher Dr. Goebbels, der im „Angriff" dieses Lied abgedruckt hatte, vom Berliner Gericht wegen Aufreizung zum Klassenhaß zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt worden war. Die Staatsanwaltschaft in Mainz jedoch sah in dem Lied keinerlei Aufreizung zum Klasserihaß und Gefährdung des öffentlichen Friedens. Sie begründete diesen merkwürdigen Beschluß wie folgt: „Eine Gefährdung des öffentlichen Friedens ist nicht erweislich. Durch das Singen des Liedes kann feststellbar nicht die Gefahr begründet werden, daß, wenn auch nicht sofort, so doch bei einer sich bietenden Gelegenheit, es zu Gewalttätigkeiten zwischen Bevölkerungsklassen kommen, zumal Angehörige jüdischer Konfession in Dexheim nicht wohnen.(l) Aber abgesehen hiervon, läßt sich nicht beweisen, daß eine vorsätzliche Anreizung geschah und darüber hinaus ist nicht erweislich, daß das Wollen des Beschuldigten die Begehung von Gewalttätigkeiten und die Gefährdung des öffentlichen Friedens mit umfaßte." Gemeinde - "Chronik Ein Weltkongreß des Keren Hathorah geplant. Dr. S. D e u t s c h 1 ä n d e r, der bekannte Führer der Keren Hathorah- und der Beth Jaakob-Bewegung, gab einem Mitarbeiter des Warschauer orthodoxen „Jüdischen T a g b 1 a 11 s" ein Interview über den Erfolg der Keren Hathorah-Studienreise nach den Thora- Zentren des Ostens und die weiteren Pläne des Keren Hathora. Es sind, sagte er, Studienreisen in umgekehrter Richtung, von Osten nach Westen, über Berlin, Frankfurt, Hamburg geplant mit Ausflügen nach den historischen Stätten, wie Worms. Mainz usw. Der wichtigste Plan des Keren Hathorah, fuhr Dr. Deutschländer fort, ist die Einberufung! eines allweltlichen _Thora-Kongresses aller religiösen Erziehungsanstalten der Welt für den nächsten Winter, der erstens die Lebensfähigkeit der religiösen jüdischen Erziehung beweisen soll und zweitens auch einen Rettungsanker für die schwerbedrängten Thora-Institutionen des Ostens werden kann. Die Thora-Autoritäten im Osten haben ihr Einverständnis mit einem solchen Kongreß erklärt. Ort und Tagung ist noch nicht bestimmt, als Zeit ist die C h a n u k k a h - W o c h e vorgesehen. Berlin. Vor einigen Monaten wurde der Rabbiner des ältesten und angesehensten Synagogenvereines des Berliner Westens, in der Passauerstraße, Dr. Hartwig Carlebach, zum Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde in Baden bei Wien gewählt. Mit dem Rabbinat in der Passauerstraße ist die Leitung einer bedeutenden Religionsschule und die Erledigung zahlreicher auch der Gesamtgemeinde zugute kommender jüdischsozialer und -kultureller Aufgaben verknüpft. Es lagen zahlreiche Bewerbungen auch von Seiten angesehener rabbinischer Persönlichkeiten um diesen Posten vor. Vor einigen Tagen wählte der Synagogenverein Dr. Alexander Altmann unter dem frischen Eindruck einer Gastpredigt einmütig zu seinem rabbinischen Führer. Dr. Altmann steht erst im 26. Lebensjahre. Er ist der älteste Sohn des Oberrabbiners Dr. Altmann- Trier, besuchte kurze Zeit eine ungarische Jeschiwah - und studierte dann mehrere Jahre in Berlin. Im Jahre 1930 promovierte er hier Schüler Heinrich Maiers, Dessoirs und Sprangers mit einer grundlegenden Arbeit über Max Schelers Religionsphilosophie summa cum laude zum Dr. phil. und wurde im letzten Frühjahr vom Hildesheimer'schen Rabbinerseminar mit der Rabbinatsautorisation entlassen. Sein halachischer Abschiedsvortrag hatte damals auf die zahlreich versammelten wissenschaftlichen und talmudischen Autoritäten tiefen Eindruck gemacht. Schon als Student war Dr. Altmann akademischer Religionslehrer der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Leopoldstädter Tempelverein Aeschel Awrohom, IL, Pazmanitengasse 6. Anläßlich des Ein- 1 M^yiNjÄ^JAHMiirryCHTER gf im Glas und ohne Glas, ununterbrochene 30stündige Brenndauer ■ Zi babei ii illn BiisBklqtiM Bmiiftei ■ „MANN A" FABRIK CHEMISCHER PRÄPARATE m WIEN IL» TABORSTRASSE 32 TELEPHON R 40-6-1« Professorswitwe nimmt Mädchen oder jungen Mann in ihrem rituellen Haushalt in Pension. Eigenes Zimmer, erstklassige Verpflegung. Bad-, Telephon- und Klavierbenützung. Telephonische Anfragen zwischen 10 und 3 Uhr unter R12-8-47 erbeten. weihungstages des Tempels (1. Selichot) findet am Freitag, den 4. September d. J., um 6 Uhr 20, ein Gottesdienst mit Festpredigt des Herrn Rabbiners Dr. Zwi Taubes statt. Am Fünfhauser Gemeindetempel tritt am Freitag, den 4. d. M. abends der neugewählte Oberkantor Moses Taschlitzky sein Amt an. Ihm geht ein besonders guter Ruf voraus. Schon in jungen Jahren war er an der Budapest er Gemeindesynagoge tätig, nachher wurde er als Nachfolger des bekannten Musikdirektors Oberkantor Aron Friedmann nach Berlin in die alte Synagoge berufen, hierauf ging er nach Amerika, wo er gleich wie an seinen früheren Wirkungsstätten große Erfolge erzielte. In Amerika verglich man z. B. in zahlreichen Rezensionen seine klangvolle Stimme mit der des berühmten Oberkantors 0 u a r t i n. Die schönen Leistungen des neugewählten Oberkantors berechtigen zu der Hoffnung, daß Moses Taschlitzky auch in Fünfhaus seinen Mann stellen wird und daß der dortige Gemeindetempel mit seiner Berufung eine gute Wahl getroffen hat. Bethausvorstand XVI/XVn. Herr Leopold L ö w i n g e r wurde in der letzten Sitzung des Bethausvorstandes für den XVI. und XVII. Bezirk zum Obmannstellvertreter gewählt. „Chewra Kadlscha" für den 16. und 17. Bezirk in Wien. In der kürzlich stattgefundenen Vorstandssitzung wurde an Stelle des verstorbenen Vize-Präses Ottomar Katz das langjährige Vorstandsmitglied Herr Samuel Fischer zum Vize- Präses gewählt. Verlobung. Am vergangenen Sonntag hat sich Fräulein Grete Schulz, Tochter des bekannten Vizepräsidenten des Tempelvereines „Emunas Awes" (Storchenschul), Herrn Emanuel Schulz und Frau, mit dem Hotelier des Excelsior-Hotel in Bad Pistyan, Herrn Alexander Just, verlobt. Fräulein Grete Schulz ist Vizepräsidentin der Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden". Todesfälle. Am 9. August verschied nach schwerem Leiden der Mistelbacher Rechtsanwalt Herr Dr. Franz Schmitz im 74. Lebensjahre. Der Verstorbene war mehrere Jahrzehnte hindurch ein vielgesuchter Rechtsanwalt in dieser Stadt und zählte einen großen Kreis zu seinen Klienten, da man ihn als tüchtigen Rechtsvertreter sehr schätzte. Als Mensch zeichnete sich Herr Dr. Schmitz durch humane Auffassung, stete Hilfsbereitschaft und große Güte aus. Die Wohlfahrtseinrichtungen fanden in ihm jederzeit einen warmen Förderer. Die Mistelbacher Spar- und Vorschußkasse verliert in Herrn Dr. Schmitz ihren langjährigen Rechtskonsulenten und Obmann des Aufsichtsrates. Der Verstorbene war eine Reihe von Jahren hindurch hingebungsvoller Vorsteher der dortigen israelitischen Kultusgemeinde und auch deren Rechtsvertreter. Am 11. August nachmittags fand unter zahlreicher Beteiligung das Begräbnis des Dahingeschiedenen statt. Die Vertreter der Behörden und Aemter mit Herrn Bezirkshauptmann Dr. K w i z d a und des Bezirksgerichtes mit Herrn Amtsleiter Landesgerichtsrat Dr. A d a m e k, Vertreter der Stadtgemeinde mit Herrn Bürgermeister Kommerzialrat Dunkl, die Standeskollegen, die Mitglieder des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, Abordnungen der freiwilligen Feuerwehr sowie des Kameradschaftsvereines und sehr viele Leidtragende aus allen Bevölkerungskreisen der Stadt und aus der Umgebung folgten dem Sarge auf dem Wege zum israelitischen Friedhof, woselbst die irdische Hülle des Verstorbenen zur letzten Ruhe beigesetzt wurde. Alle, welche Herrn Dr. Schmitz, der stets ein aufrechter Jude gewesen, kannten, werden ihm gewiß ein ehrendes Gedenken bewahren. — Die 19jährige Tochter des bekannten volkswirtschaftlichen Schriftstellers Eugen Benzion, Fräulein Lisi Benzion, wurde am 2. d. M. unter zahlreicher Beteiligung am Zentralfriedhof beerdigt Das schöne junge Mädchen, dem als Modezeichnerin eine erfolgreiche Karriere offenstand, wurde innerhalb weniger Tage von den Folgeerscheinungen einer eitrigen Angina hinweggerafft Den schwergeprüften Eltern wendet sich allgemeine Teilnahme zu. Richtigstellung. In dem vorwöchentlichen Berichte über das Leichenbegängnis des Herrn Oberverwalters Hugo Weiß ist uns ein unliebsamer Irrtum unterlaufen. In diesem Berichte war nämlich die Person des funktionierenden Kantors falsch angegeben. Ueber ausdrücklichen Wunsch der Witwe des Heimgegangenen versah Oberkantor G. M a r g u 1 i e s bei dem Leichenbegängnis seines guten Freundes Weiß die kantorale Funktion. In pietätvoller Erinnerung an diese langjährige herzliche Freundschaft unterzog sich Oberkantor G. Margulies seiner Aufgabe in besonders ergreifender Weise. Judisches Heim. Im Hause des Ausspeisungsvereines für die Bezirke XII—XV, XV.. Herklotzgasse 21 das ausschließlich jüdischen Zwecken dienen soll, werden an jüdische,' alteinstehende, erwerbende Frauen oder Mädchen möblierte Zimmer oder Kabinette mit Bedienung und Beheizung vermietet Ferner stehen Lese-, Musik-, Gesellschaftsräume und Badezimmer zur Verfügung. Auf Verlangen wird auch Frühstück und einlaches Mittagessen zu billigen Preisen verabreicht Die in den Bezirken XII—XV Wohnenden werden bevorzugt Schriftliche oder persönliche Anmeldung im Sekretariat XV., Herklotzgasse Nr. 21, von 9—5 Uhr. Das Genesungsheim des Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten" in Meran wird, wie alljährlich, auch heuer am 15. Oktober eröffnet Aufnahmesuchende wollen sich mit der Bitte um Zusendung der Aufnahmebedingungen an das „Asllo Israelitlco" in Merano (Italien) wenden. Gottesdienste. Der Leopoldstädter Krankenuntershitzungsvereia „Nächstenliebe" veranstaltet wie alljährlich auch heuer anläßlich der hohen Feiertage im Bayrischen Hof, Wien IL, Obere Augartenstraße 5, feierliche Gottes« dlenste mit erstklassigen Kantoren und Predigt Der Kartenverkauf findet an Wochentagen zwischen 3 bis 6 Uhr im Bayrischen Hof statt und am Sonntag von 9 bis 12 Uhr. In den renovierten Sälen der Israelitischen Kinderbewahr anstatt. Wien IL, Schiffamtsgasse 15, findet anläßlich der hohen Feiertage ein lelerllcher Gottesdienst unter Mitwirkung erstklassiger Vorbeter statt Restliche Karten im Sekretariat II- Schiffamtsgasse 15 (täglich von 9—15 Uhr; Samstag geschlossen; Sonntag 9—12 Uhr) erhältlich. Bethaus in der Mensa academica judaica. Der Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica judaica errichtet auch heuer anläßlich der hohen Feiertage im Lokale der Mensa, IX., Zimmermannplatz 8, ein Bethaus (Minjan). Das Reinerträgnis wird zur Gänze für Freitische an arme Studenten verwendet werden. Der Kartenverkauf findet täglich von 9 bis 4 Uhr im Sekretariate der Mensa, IX., Zimmermannplatz 8, Telephon A 25-2-28, statt._ An unsere Glaubensgenossen! Ein harter, grausamer Winter naht und soweit nur möglich, denkt schon heute jeder daran, sich gegen die Unbilden der Kälte zu schützen und sich und seinen Lieben ein behagliches, wärmendes Heim für die rauhe Jahreszeit zu bereiten. Mit Schrecken und Grauen aber gedenken wir der vielen Unglücklichen unter unseren Glaubensbrüdern, der frierenden Kinder, der Kranken, der arbeitslos Umherirrenden, die keine warme Stube zu Hause finden, die den Geiahren der kalten Jahreszelt täglich und stündlich ausgesetzt sind. Der Jüdische Frauenverein Leopoldstadt leitet soeben eine Kohlenaktion für diese Aermsten in die Wege. Er will Kohle lür sie beschaffen, und zwar sogleich, wo sie noch zu erschwinglichen Preisen zu haben ist Für bilUges Geld möglichst viel Kohle! Er bittet Jeden, ein Scherflein zu dieser Aktion beizutragen! Auch die kleinste Gabe ist willkommen. Wer rechtzeitig gibt gibt doppelt und dreifach. Mit wärmsten Danke F. d. Vorstand des Jüdischen Frauenvereines Leopoldstadt Margarete Grunwald, Präsidentin. Spenden sind zu richten an Frau Regine Oppenheim, Wien IL, Praterstraße 30, und werden dieselben in der Zeitschrift „Die Wahrheit" ausgewiesen. Ttanksaqmup. Außerstande, jedem Einzelnen für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme anläßlich des allzu frühen Ablebens meines geliebten Gatten OAeatecwaiiex, <Kuqa Weiß zu danken, bitte ich auf diesem Wege meinen innigsten Dank entgegennehmen zu wollen. Valty Weifi XMUl., Währingerstraße 121