Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 32 (7.8.1931)
- Date
- 1931-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Sehe 7 jedoch die Veröffentlichung nicht selbst bewirkt. Er bedauere die Publikation, weil er den Artikel weder seinem Inhalt, noch seiner Form nach billigen könne. Nach Einvernahme eines sachverständigen Zeugen über die Frage, welche Bedeutung der Talmud und der Schulchan Aruch für die jüdische Gemeinschaft haben, schloß sich das Gericht der in einem Reichsgerichtsurteil ausgesprochenen Ansicht an, daß zwar Talmud und Schulchan Aruch keine Einrichtungen der jüdischen Religionsgesellschaften seien, daß aber deren Beschimpfung gleichzeitig eine Verunglimpfung der jüdischen Religion darstelle. Der erste Staatsanwalt Ludwig erklärte in seinem Plädoyer, der Angeklagte habe sich durch die Bezeichnung des jüdischen Gottes als Oberjude der Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellochaft schuldig gemacht Er beantragte die Verurteilung des Angeklagten zu vier Monaten Gefängnis mit der Begründung, daß es dem Angeklagten durch Verhängung einer Freiheitsstrafe zu Bewußtsein gebracht werden müsse, daß der politische Gegner vor der Religion Halt zu machen habe und daß auch im politischen Kampf auf das religiöse Empfinden Rücksicht zu nehmen sei. Das Gericht verurteilte Bergemann zu zwei Monaten Gefängnis und Ersatz der Kosten des Verfahrens. In der Urteilsbegründung wird hervorgehoben, •daß die Veröffentlichung des Artikels eine Aergernis erregende Gotteslästerung und eine schwere Beschimpfung der j ü dj sehen Religion darstellt und daß deshalb auf eine Freiheitsstrafe zu erkennen sei. Neue Ghetti in Polen? In Kielce wurde vor kurzem ein neues, aus .zwei langen Straßenzügen mit imposanten modernen Wohnbauten bestehendes Stadtviertel fertiggestellt. Das neue Viertel wird hauptsächlich von Regierungsbeamten bewohnt. Die Genossenschaft, die das neue Viertel errichtete, mußte .sich beim Ankauf des Bodens gegenüber dem früheren Eigentümer verpflichten, daß sie die auf dem Grundstück zu errichtenden Gebäude innerhalb der nächsten sieben Generationen an Juden weder verkaufen noch vermieten werde. Im Zentrum des neuen Viertels wurde «in großes Kreuz aufgestellt, das folgende Inschrift enthält: „Betet zum Herrn, daß polnisches Land nicht in jüdische Hände übergeht!" Diese Inschrift wird täglich von Tausenden von Schulkindern und Hunderten Beamten, die an dem Kreuz vorbeigehen, gelesen und trägt so dazu bei, die antisemitische Stimmung der Bevölkerung zu verstärken. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde von Kielce hat eine außerordentliche Sitzung des Rates der Jüdischen Gemeinde einberufen, in der ein Protestmemorandum an die Behörde gegen die Anbringung der verhetzenden Inschrift an öffentlicher Stelle entworfen werden soll. Angesichts der Errichtung dieses „judenreinen" Viertels in Kielce muß man sich wirklich fragen, ob Polen beabsichtigt, neue Ghetti für die Juden einzuführen. Polnische Fußballhelden. Im Hinblick darauf, daß sich in letzter Zeit die Fälle antisemitischer Exzesse im Anschluß an Fußballwettspiele in Polen sehr stark gehäuft haben, wurde in der letzten Sitzung der obersten polnischen Sportbehörden beschlossen, gegen die Schuldigen mit aller Strenge vorzugehen und alle Maßnahmen zu treffen, um die Wiederholung von Vorfällen, wie sie sich in Radom, Lublin und Sosnovice ereignet haben, in Zukunft zu verhindern. In den nächsten Tagen wird ein Zirkular an alle Sportklubs in Polen versandt -werden, in dem detaillierte Vorschriften zur Sicherung ruhigen Sportbetriebes in Zukunft enthalten sind. Pogromhetze der bulgarischen Heimwehr. Der Vorsitzende des jüdischen Zentralkonsistoriums in Bulgarien. Oberst a. D. Taggeir. veröffentlicht in der führenden bulgarischen Tageszeitung „M i r" einen Artikel, in dem er sich scharf gegen die in letzter Zeit von der bulgarischen Heimwehrorganisation getriebene Judenhetze wendet. Im Organ der bulgarischen Heimwehrorganisation war vor kurzem ein Aufsatz erschienen, in dem der Pogrom von Saloniki gebilligt und den bulgarischen nationalen Kreisen eine ähnliche Haltung den Juden gegenüber empfohlen worden war. Oberst Tagger weist darauf hin, daß die antisemitische Propaganda bei der übergroßen Mehrheit des bulgarischen Volkes, darunter auch in den Kreisen der bulgarischen Reserveoffiziere, an die das Antisemitenorgan besonders appelliert, keinen Widerhall findet. Sämtliche Parfümerie-, Rasler- und Haushaltungsartikel durch Max FeEdsberg I., Sterngasse 3 Telephon U 21-2-77 Billigste Preise — Bestellungen telephonisch. — Zustellung ins Haus Gemeinde - thxomft Das Begräbnis des Abgeordneten Dr. Ludwig Singer. Am 28. Juli wurde auf dem Friedhof von Straßnitz bei Prag in einem Ehrengrab der jüdischen Gemeinde der kürzlich, verstorbene erste jüdische Abgeordnete im Prager Parlament und Präsident der Prager jüdischen Gemeinde Dr. Ludwig Singer bestattet. Am Leichenbegängnis beteiligten sich mehr als 2000 Personen. Aus allen Teilen der tschechoslowakischen Republik waren Delegationen der jüdischen und zionistischen Körperschaften und Institutionen erschienen. Der Wiener Kultusvorstand war durch sein Mitglied Med.-Rat Dr. Jakob Deutsch vertreten. Am Grabe sprachen unter anderen in Vertretung des Oberrabbiners von Prag Rabbiner Dr. J. Deutsch, ferner Dr. Ottokar Krauß, namens der zionistischen Landesorganisation der Präsident ihres Zentralkomitees Norbert Adler, namens der Stadt Prag der Vizebürgermeister Hadrbolec, namens der Mandatare in der Stadtgemeinde Gemeinderat Dr. Kafka und der jüdische Abgeordnete Dr. Julius R e i s z. Die Reden der jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten brachten die allgemeine Achtung und Wertschätzung zum Ausdruck, deren sich Abgeordneter Dr. Singer in allen Kreisen der jüdischen und tschechoslowakischen Oeffentlichkeit erfreute. Die durch den Tod Dr. Ludwig Singers freigewordene Präsidentenstelle der Jüdischen Gemeinde Prag wird, wie die JTA. von informierter Seite erfährt, voraussichtlich mit Dr. Josef Popper, Großpräsident der tschechoslowakischen Bnei Brith-Logen und Mitglied des Council der Jewish Agency, besetzt werden. Prag. Der Oberste Rat des jüdischen Gemeindeverbandes in der tschechoslowakischen Republik hat den ehemaligen Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Prag, Dr. August Stein, in Ansehung seiner Verdienste um die jüdische Gemeinschaft in einer 50jährigen Arbeitsperiode zu seinem Ehrenpräsidenten ernannt. Auszeichnung. Der Bundespräsident hat dem Bundesstaatlichen Fürsorgerat Ella K r e i s 1 e r das Goldene Verdienstzeichen verliehen. Trauung. Dienstag, den 11. August, %2 Uhr nachmittags, findet im Tempel der Adas Jisroel, IL, Große Schiffsgasse 8, die Trauung des Fräulein Edith Leitner, Tochter des Herrn Kultusvorsteher Kommerzialrat Moriz Leitner und Frau, mit Herrn Ernst Breuer-Weil statt. Oberkantor Josef Schlesinger — zu seinem 35. Amtsjubiläum. Wieder einmal weilte mein Freund und Berufsgenosse, Oberkantor Josef Schlesinger (Wien X.), in Franzensbad zur Kur und wir hatten häufig Gelegenheit, von den alten guten Zeiten, von der Studferzeit in Wien, zu sprechen, von der BKitezeib des Kantorates zu erzählen, Meditationen und Vergleiche anzustellen, und so ergab es sich, daß mein Freund am 1. August des Jahres 1894 — also vor 35 Jahren — den Oberkantorposten in Marienbad aufgegeben hatte, um dem Rufe des Vorstandes des Bethausvereines im X. Bezirke in Wien in gleicher Eigenschaft zu folgen. Es IDegt mir fern, in dieser knappen Widmung ein Fachurteil über die Qualität des Kantorates der altert und der neuen Schule zu fällen und Vergleich© zu ziehen. Es ist eben auch Geschmacksache, über die man bekanntlich nicht streitet. Ich will bloß feststellen, daß zu Ende des verflossenen Säkulums in Wien der Kantorenstil, präziser ausgedrückt: „Chasanus", konkrete Formen angenommen hatte. Formen, die der Altmeister Prof. Salamon Sulzer in genialer und schöpferischer Weise vorgezeichnet hatte. Es war damals der Schir Zion ein heiliges Vermächtnis, das kein Patrizier-Kantor zu ignorieren wagte. Wien war Zentrum für allgemeine Kunstmusik und auch für das moderne Chasanus. Ein 48er Bürgergardist behauptete mir gegenüber, daß „Ki mi-Zion tezeh Thora" — aus Zion kommt die Lehre Gottes hervor — auf Wien zu übertragen ist Wien sei Mittelpunkt jüdischer Geistigkeit, insbesondere der Kunst. Josef Schlesinger hat ein Menschenalter jenen Sulzerstil gegen andere Einflüsse der „Moderne" verteidigt Er, der Pionier des Schir Zion, bedauert zuweilen, daß das neuzeitliche Kantorat jenen Musentempet im Heiligtum verlassen, neue Wege, die so mannigfach in ihren Kunstwerten sind, zu wandeln. Schlesinger kehrte vom langen und aufreibenden Militärdienste nach dem Kriege halb gebrochen zurück. Die Zeit aber, die alle Wunden heilt Keß auch ihn genesen, so daß seine Stimme so hell und so voll klingt wie in den jungen Jahren, als er mit Begeisterung seinen heiligen Schebach-Zibburdienst angetreten hatte. Der Psalmspruch: ,Jch will singen meinem Gotte, so lange ich währe!" finde bei dem Jubilar volle Erfüllung! Od jenuwun bessewoh! Oberkantor Armin Wilkowitsch, Eger. Linz. Herr Richard Pick, Inhaber der Papiergroßhandlung J. Pick, Linz, hat sich am 2. August 1. J. mit Fräulein Grete Plaschkes, Tochter des Herrn Jakob Plaschkes, Linz, vermählt 5 Knndmodiuiitf. ■ ■ In der heute abgehaltenen 75. ordentlichen ■ 5 Generalversammlung wurden folgende Beschlüsse 5 5 gefaßt: ■ ■ 1. Lieber Antrag des Revisionsausschusses ■ ■ wird der Rechnungsabschluß pro 1930 genehmigt 2 5 und dem Verwaltungsrate das Absolutorium ■ ■ erteilt. ■ 2. Der Antrag des Verwaltungsrates auf * 2 Herabsetzung des Grundkapitals. Zusammen- ■ ■ legung der Aktien und Erhöhung des Grund- ■ ■ kapitals durch Ausgabe von Vorzugsaktien, wo- { 2 nach das Grundkapital, und zwar mit Rück- ■ ■ Wirkung auf den 31. Dezember 1930. 177.500.000 ■ ■ Schilling betragen und in 881.250 Stammaktien 5 ■ zum Nennwert von je 100 Schilling und 893.750 ■ 2 Vorzugsaktien zum Nennwert von je 100 Schil- ■ ■ ling zerlegt sein wird, wrrd genehmigt ■ 3. Den vorgeschlagenen Statutenänderungen 2 5 wird zugestimmt ■ ■ 4. In den Verwaltungsrat wurden die turnus- ■ ■ gemäß ausscheidenden Herren J ■ Sir Otto Niemever ■ ■ A. Palache ■ JJ Dr. Wilhelm G. Regendanz 5 ■ Louis Rothschild ■ ■ wiedergewählt. B 5. In den Revisionsausschuß wurden ge- ■ ■ wählt die Herren: ■ ■ Dr. Insu Richard Pollak Wilhelm Ooderer 5 5 Dr. Fritz Carus ■ ■ und als Ersatzmänner die Herren: ■ ■ Richard Rosenbacher Christoph Reisser g 5 In«. Heinrich Ast ■ ■ Wien, den 4. August 1931. J ■ Oesterreichische Credit-Anstalt g ■ für Handel und Gewerbe * WORTE DES DANKES. Wir erhalten folgende Zuschrift, die wir gerne publizieren: Welch wohltuendes Gefühl ist es für uns alten Leute im Versorgungshaus in der Seegasse, wenn wir des Morgens erwachen und uns sorgenlos den Annehmlichkeiten des Tages hingeben können und täglich unser Tischlein-deckdich finden, um behaglich speisen zu können; selbstverständlich finden wir uns zuerst zum Morgengebet in unserem Tempel ein. Wahrlich mit frohem Herzen und innigem, aufrichtigen Dankgefühlen dringt unser Gebet zum Allmächtigen empor, um den reichsten Segen für all die edlen Wohltäter und Schützer zu erfüllen, die für uns alten Menschen in der letzt so schweren Zeit mit aufopferungsvoller Nächstenliebe sorgen, auch für die, welche durch ihre persönliche Mühe und Liebe für unser Behagen sorgen, ferner in Krankenfällen für unermüdliche, aufopferungsvolle Pflege. Es setzt allem die Krone auf, daß, um unseren Religionsgefühlen einen größeren ästhetischen Genuß zu gewähren, unser Tempel mit vielen pekuniären Opfern auf das prächtigste hergerichtet und geschmückt wurde. Voll heißen Dankes dringt unser inbrünstiges Gebet zum Allmächtigen empor, er lohne ihnen allen ihre Güte. Salo Deutsch, für sämtliche Pfleglinge des Versorgungshauses. Jüdtsdke Ihtentafel Max Liebennanns 84. Geburtstag. In seinem Sommerhaus in Wannsee beging am 20. Juli Max Liebermann, Präsident der Akademie der Künste, seinen 84. Geburtstag. Eine Abordnung der Akademie fand sich im Hause des Jubilars ein, um ihm zu gratulieren. Max Liebermann war in bester Laune und ließ sich in seinem Tagewerk nicht stören. Wie Freunde des Hauses mitteilen, arbeitet Liebermann gegenwärtig an einem neuen großen Werk, das seiner Vollendung entgegengeht. Berlin. Der bekannte jüdische Philanthrop Julius Rosenwald aus Chikago hat dem Berliner Oberbürgermeister Dr. S a h m durch Vermittlung des amerikanischen Botschafters Sackett die Absicht mitgeteilt der Stadt Berlin eine Stiftung in der Höhe von einer Million Dollar zur Errichtung einer Kinder-Zahnklinik zu machen. Der Magistrat hat sich mit der Annahme dieser Stiftung grundsätzlich einverstanden erklärt Washington. Senator David Reed (Pennsylvania) hat die Ernennung des bisherigen amerikanischen Gesandten in Siam. David E. Kauf man, zum Gesandten in Dänemark beantragt. Gesandter Kaufman. der Jude ist, stammt aus Philadelphia. Er trat erst vor zwei Jahren in den diplomatischen Dienst ein und bekleidete zunächst die Stellung eines amerikanischen Gesandten in Bolivia. Nach einem Jahre wurde er zum Gesandten in Siam ernannt und kehrte nach siebenmonatiger Dienstzeit in diesem Lande vor zwei Monaten, kurz vor Ankunft des siamesischen Königspaares, dessen Besuch in den Vereinigten Staaten seiner Initiative zugeschrieben wird, nach Amerika zurück.