Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 30 (24.7.1931)
- Date
- 1931-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union ösferreidiisdier Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Di« Wahrheit Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 24. Juli 1931 Nummer 30 Ergebnislose Tagung der Jewish Agency. Der XVII. Zionistenkongreß war noch nicht zum Abschluß seiner ebenso langwierigen als heftigen Debatten gelangt, als am 14. d. abends die zweite Tagung der Jewish Agency eröffnet wurde. Fast zwei Jahre sind verstrichen, seitdem die damals neugeschaffene Jewish Agency in Zürich zum ersten Male sich versammelte. Wie hat sich doch seitdem die Stimmung geändert! Damals hohe Zuversicht und helle Begeisterung und diesmal Niedergeschlagenheit, fast Hoffnungslosigkeit. Die Jewish Agency, deren Council sich zu gleichen Teilen aus zionistischen und nichtzionistischen Delegierten zusammensetzen sollte, ist eine Schöpfung Dr. Weizmanns. Ihre Aufgabe sollte darin liegen, die maßvolle und besonnene, den Erfordernissen der Wirklichkeit angepaßte Politik Dr. Weizmanns zu stützen und vor allem jene enormen Mittel zu beschaffen, die der Aufbau Palästinas erfordert. Die von Dr. Weizmann in den letzten zwei Jahren, befolgte politische Linie hat auf dem zionistischen Kongreß die allerschärfste Kritik erfahren und die an die Jewish Agency geknüpften finanziellen Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die allgemeine Unzufriedenheit mit der Wirksamkeit der Jewish Agency, d. h. mit dem nichtzionistischen Teil derselben, kam denn auch auf dem Zionistenkongresse zum Ausdruck und verdichtete sich zu verschiedenen Vorschlägen mehr oder weniger radikaler Natur. Die einen wollten die Kündigung des Verhältnisses zur Jewish Agency, verstiegen sich zur Behauptung, daß sie die Grablegung der zionistischen Organisation bedeutete, daß mit ihr der Sinn des Zionismus verschwunden sei, die anderen forderten eine organisatorische Erfassung der Nichtzionisten, um deren finanzielle Mittel für den Aufbau Palästinas mobil zu machen, sowie den volkstümlichen Aufbau der Jewish Agency, damit nicht nur die „oberen Zehntausend", das jüdische Großkapital, sondern die großen Massen der Juden finanziell interessiert und herangezogen werden können. Daß die Vorgänge auf dem Kongreß die Stimmung im Council der Jewish Agency ungünstig beeinflußten, ist nicht verwunderlich. Man vermißt auch so manchen, der vor zwei Jahren der Tagung des Concils das Gepräge gab, so Marschall, Melchett, Warburg, Einstein, Wassermann, Blum und den bisherigen Präsidenten Weizmann, der allerdings im Verlaufe der Tagung erschien, mit jubelndem Beifall begrüßt wurde und einige Abschiedsworte an die Versammelten richtete. Der Council setzt sich aus 112 zionistischen und ebenso viel nichtzionistischen Mitgliedern zusammen. Im ganzen waren aber bei Beginn der Tagung von den 107 gewählten (!) nichtzionistischen Mitgliedern 46 erschienen, die mit den Vollmachten, die sie hatten, über ungefähr 73 Stimmen verfügten, während 110 zionistische Mitglieder vom zionistischen Kongreß bestimmt worden waren. Den Vorsitz führte diesmal Dr. Cyrus Adler, der Präsident des jüdisch-theologischen Seminars von Amerika. Im Verlaufe seines Referates über die bisherige Tätigkeit der Jewish Agency kam er auch auf die Definition des Begriffes „N a t i o n a 1 h e i m" zu sprechen. Zum großen Mißvergnügen der Zionisten zitierte er die seinerzeit von der zionistischen Organisation akzeptierte Definition des Weißbuches vom Jahre 1922, und er löste, wie es sich aus der nachfolgenden Debatte ergab, mit der Anführung der von Norman Bentwich, dem Oberstaatsanwalt von Palästina, gegebenen Definition bei den Zionisten Entsetzen aus. Letztere Definition lautet: „Ein nationales Heim bedeutet ein Territorium, in welchem ein Volk, ohne die Rechte politischer Souveränität zu bekommen, dennoch eine anerkannte rechtliche Stellung einnimmt und die Möglichkeit hat, seine moralischen, sozialen und geistigen Ideen zu entwickeln." Dr. Adler fügte hinzu, daß diese Definitionen eigentlich im Mandate enthalten seien und daß ein einseitiges Abgehen davon ein Bruch des abgeschlossenen Vertrages wäre. Dr. Adler setzte sich wohl auch dadurch in Widerspruch zur Anschauung der Zionisten, daß er sich gegen eine unbedingte Ablehnung der Konstituierung eines parlamentarischen Selbstverwaltungskörpers in Palästina aussprach. Den wichtigsten Punkt der Beratung bildete das finanzielle Problem und die Aufstellung des Budgets. Der Schatzmeister der Jewish Agency Dr. Senator entwarf ein recht tristes Bild der finanziellen Situation und bezeichnete die immer stärker fühlbar werdende wirtschaftliche Krise und die inneren Verhältnisse in der zionistischen Organisation sowie den Mangel eines Ausbaues der Jewish Agency als Ursachen für den Rückgang der Eingänge. Er erklärte, daß diese Situation natürlich auch auf die Arbeit der Palästina-Exekutive und auf die gesamte Arbeit der zionistischen Organisation ihre ungünstigen Wirkungen geübt hatte. Angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse müsse der Wirtschaftsplan für das nächste Jahr darauf eingestellt werden, wenigstens die Erhaltung der wirtschaftlichen und sozialen Positionen in Palästina zu sichern. Erst wenn die schwere Zeit überwunden ist, könne man an einen neuen kolonisatorischen und wirtschaftlichen Vorstoß denken. Sehr pessimistisch waren die Ausführungen einiger palästinensischen Delegierten. Sie meinten, wenn weiter das Tempo der letzten Zeit eingehalten werde, so werde auch das Bestehende nicht erhalten werden können. Viele Kolonien werden in ihrer Entwicklung gefährdet werden und vielleicht ganz zugrunde gehen. Bei dem vorgeschlagenen Erziehungs-Budget werden viele Kinder ohne Erziehung bleiben und Schulen geschlossen werden müssen. Man müsse Vorsorge treffen, damit das in Palästina lebende jüdische Volk auch nicht das Wenige verliere, was es bereits mit Blut und Mühe erreicht hat. „Schon zwei Jahre," sagt ein palästinensischer Redner, „liegt Hebron, die Stadt unserer Väter in Trümmern, ist Moza verlassen, die zerstörten Kolonien wüst. Auf alles antwortet man: Kein Geld, kein Budget. Das ist die palästinensische Wirklichkeit von heute." Trotz dieser Hilferufe aus Palästina selbst beantragte der Berichterstatter der Budgetkommission, das vom zionistischen Kongreß mit 365.000 Pfund festgesezte Budget, mit Rücksicht auf die außerordentlich schwierige wirtschaftliche Weltlage, auf 351.000 Pfund herabzusetzen. Er verwies darauf, daß es in der Kommissionsoeratung zu derart leidenschaftlichen Kämpfen über die einzelnen Posten gekommen sei, daß eine Einigung über die Aufteilung der Ausgaben nicht erzielt werden konnte. Auch im Council selbst konnte man sich nur dahin einigen, das ganze Budget dem neugewählten Administrative Committee zu überweisen. Die politischen Erörterungen nahmen einen verhältnismäßig geringen Raum in den Beratungen des Councils ein. Zur einstimmigen Annahme gelangte unter anderem eine Resolution, worin der bekannte Brief des Premierministers Macdonald als Basis für weitere Besprechungen zwischen der Jewish Agency und der Mandatarmacht erachtet wird. Zum Beschluß gelangte auch ein Antrag, ein besonderes Komitee einzusetzen, das sich mit der. Frage der Erweiterung der Grundlagen der Jewish Agency befassen und der nächsten Tagung des Councils Vorschläge unterbreiten soll. In seiner sechsten, Freitag, den 17. Juli, nachmittags, abgehaltenen Sitzung hat der Council die Neuwahlen vorgenommen. Als Präsident der Jewish Agency wird dem Herkommen gemäß der Präsident der zionistischen Organisation, Nahum Sokolow, tungieren. Zum Vorsitzenden des Councils wurde O. E. d'Avigdor Goldsmid, einer der Führer der nichtzionistischen englischen Juden, und zum Mitvorsitzenden Dr. Lee K. Frankel, einer der Führer der nichtzionistischen amerikanischen Juden gewählt. Zu Vizepräsidenten des Councils wurden Prof. Speyer (Belgien) und Robert Szolt (Amerika) nominiert. Schließlich wählte der Council das Administrative Committee, dem 20 Zionisten und 20 Nichtzionisten als Mitglieder angehören. Vorsitzender dieses Komitees ist Direktor Oskar Wassermann (an Stelle Felix Warburgs, der bekanntlich eine Wiederwahl abgelehnt hat). Dem zehngliedrtgen Exekutiv-Komitee gehören die Nichtzionisten Dr. Bernhard Kahn, Prof. Maurice B. Hexter, Dr. Werner Senator Harry Viteies und Harry Berksch an. Der neugewählten Exekutive der Jewish Agency harren ernste Aufgaben. Sie wird die allergrößten Anstrengungen machen müssen, um wirklich auch nur jene Beträge aufzubringen, die notwendig sind, um das, was nun einmal im letzten Jahrzehnt geschaffen wurde, möglichst zu erhalten und den dort bereits lebenden Juden Lebensmöglichkeit zu bieten. Noch schwieriger ist die politische und diplomatische Aufgabe der Exekutive. Ihre Sache wird es sein, den ungünstigen Eindruck, den die Verhandlungen auf dem Zionistenkongreß bei allen außenstehenden Faktoren erwecken mußten, zu verwischen und die dort abgeführte Debatte und gefaßten Beschlüsse ins richtige Licht zu rücken. Die nichtzionistischen Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency werden sicherlich ihren ganzen Einfluß aufbieten, damit die Frage des Aufbaues von Palästina nicht zu emer Frage des Abbaues der Errungenschaften der Juden in der gesamten Kurturweft werde. M. L.