Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 18 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064470--18352-3083373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kiiltusgemeiiide Wien Die tbahrhelf Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV11. Jahrgang Wien, 1. Mai 1931_Nummer 18 Die Konferenz von Nvon. Das Weltstudentenwerk zur Judenfrage. Von Gerichtsassessor Hans Lennhoff, Berlin. „Es bestehen heute an einer Reihe von Hochschulen starke Spannungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Studenten. Eine oberflächliche Betrachtung lediglich ihrer äußeren Erscheinungsform ohne ernsthafte Berücksichtigung der zugrunde liegenden tiefen Ursachen wird den Tatsachen nicht gerecht. Die für jeden Lösungsversuch notwendige klare Erkenntnis kann in jedem Lande nur auf dem Wege offener Erörterung in akademischen Formen gewonnen werden. Auf beiden Seiten sind Gewalt und beleidigende Herabsetzung des Gegners als Mittel der Auseinandersetzung unbedingt abzulehnen." Diese These ist das Ergebnis der Konferenz des Weltstudentenwerks, die vom 13. bis 18. April in Nyon stattfand. Dieses Weltstudentenwerk ist die internationale Organisation studentischer Selbsthilfe. Es beschäftigt sich seit August 1928 u. a. auch mit der jüdischen Frage und veranstaltete um die Jahreswende 1928/29 im Schloß Bierville bei Paris eine erste internationale Konferenz. Die Veranstaltung der vorletzten Woche war die zweite derartige Tagung. Die Konferenz war von etwa 35 jüdischen und nichtjüdischen Studenten und jungen Akademikern aus allen in Frage kommenden Ländern beschickt worden. Das klingt sehr selbstverständlich. Wer aber die Verhältnisse an den Hochschulen kennt, der weiß, daß es in den einzelnen Ländern bisher so gut wie unmöglich war, Juden und Nichtjuden an einen Verhandlungstisch zu bringen. Dies gilt wenigstens überall da, wo es überhaupt eine jüdische Frage gibt. Es ist die große Leistung des Weltstudentenwerks, nun schon zum zweitenmal auf breitester Basis eine solche Tagung ermöglicht zu haben. Wenn auch der Erfolg nicht vollständig war — aus Rumänien fehlten die Antisemiten, aus Ungarn waren nur sogenannte assimilatorische Juden vertreten —, so ist das Erreichte doch groß genug, um rückhaltloser Anerkennung wert zu sein. Während in Bierville die Probleme eigentlich aller Länder, vor allem aber die von Osteuropa, ausführlich behandelt und erörtert wurden, beschäftigte sich die Tagung von Nyon in erster Linie mit den deutschen und österreichischen Fragen. Dies war wohl nicht eigentlich beabsichtigt, folgte aber aus der Auswahl der wichtigsten Referenten, die fast sämtlich aus Deutschland stammten. Ueber die Rolle der Juden im politischen Leben sprachen der bekannte völkische Schriftsteller Dr. Wühelm Stapel und Ministerialdirektor Dr. B a d t. Wesentlich ergänzt wurden deren Referate durch die eindrucksvollen Ausführungen von Dr. Friedrich Brodnitz (Berlin) über „Jüdische Weltanschauung und politische Haltung". Ueber die Rolle der Juden im Kulturleben der Völker äußerte sich in außerordentlich temperamentvoller Ausführung Dr. Nahum Goldmann. Es fällt auf, daß die jüdischen Referenten mit einer einzigen Ausnahme Zionisten sind. Wie die Referenten, so war auch die größte Zahl der Delegierten zionistischen Kreisen entnommen. Dies mag sich daraus erklären, daß es große, internationale Bindungen des nichtzionistischen Judentums, die hier in Betracht kommen könnten, nicht gibt und daß es naturgemäß auch an entsprechenden Organisationen fehlt. Trotzdem sollte das Weltstudentenwerk bei seiner zukünftigen Arbeit dienichtzionistischen Juden mehrberücksichtigenalsbisher. Schon aus der geringeren Zahl nichtzionistischer Delegierter ergibt sich leicht eine falsche Auffassung über das wirkliche Kräfteverhältnis der jüdischen Richtungen. Dies war in Nyon deutlich zu bemerken; der Sache der Konferenz wird es kaum dienlich gewesen sein. Das grundlegende Material, Andeutungen statistischer Art über die Verteilung der Juden, eine skizzenhafte Darstellung ihrer Lage in den einzelnen Ländern und Hochschulen, hatte der rührige und außerordentlich interessierte Studiensekretär des Weltstudentenwerks, James Parkes, gegeben, und damit alle Teilnehmer in die Sache hineingeführt Die großen Referate aber gingen darüber weit hinaus. Sie brachten die Verschiedenheit der Weltanschauungen zum Teil in einer Schärfe zum Ausdruck, die keiner Sache dienlich war. Dr. Stapel trennt alles Wirtschaftliche streng vom Begriff des Politischen ab, dessen primäre Kategorie ihm die Scheidung von Freund und Feind, dessen wesentliche Erfordernisse ihm die Ueber- und Unterordnung der Menschen und Völker unter schärfster Ablehnung des Begriffes der Gleichheit ist. Und seine biologische Methode: die Gesamtheit alles Lebendigen in Lebewesen und Völkern ist das Plasma. Dieses ist nach Hegel bei den verschiedenen Völkern verschieden differenziert Bei allen Völkern — Juden, Franzosen usw. — ist die Differenzierung stark vorgeschritten, bei jungen Völkern — Deutschen und Russen — ist sie noch im Rückstand. Juden und Franzosen, beides hochdifferenzierte Völker, können sich also vertragen. Juden und Deutsche dagegen können infolge der ungleichartigen. Differenzierung nicht miteinander leben. Es ist nur schade, daß dieser an sich ja recht logisch klingenden Theorie die Hauptsache fehlt, nämlich der Beweis. Dr. Stapel hat niemandem verraten, wie und womit wir den Grad der Differenzierung messen können. Er hat auch nicht gesagt, welche naturwissenschaftlich-exakte Methode ihn dazu geführt habe, Schlußfolgerungen zu ziehen wie diese: stark differenzierte Völker wie die Juden seien skeptisch, unfruchtbar; wenig differenzierte Völker seien lebendig, gedankenreich, ihnen gehöre die Zukunft Dr. Stapel bezeichnete den Zweck des Staates als seinen Ruhm. Die Gerechtigkeit gebietet anzumerken, daß das Wort „Ruhm" nicht so aufgefaßt werden soll, wie es zuerst in die etwas verwunderte Zuhörerschaft gefallen war. Es soll nicht identisch sein mit dem französischen „gloire et Prestige"; es soll methaphysisch aufgefaßt werden, etwa im Sinne: der Staat will gepriesen werden, wie Gott gepriesen sein will. Es war immerhin peinlich, anzuhören, wie ein Mann von der Bedeutung des Professors Pierre Bovet (Genf) so etwas als absurd bezeichnete; eine Art Religion, die den Staat mit dem Göttlichen in gleiche Höhe stelle, sei eine niedere Religion, die niederer Kultursrufe entspreche. Es war besonders peinlich, nachdem Dr. Stapel vorher die Idee des Imperium teutonicum verkündet hatte, nach welcher sich unter deutscher Führerschaft kraft der Gewalt und der Größe seiner Kultur, der andere Völker sich unterordnen müßten, ein großes Mitteleuropa aufbauen solle. Nicht viel weniger peinlich war allerdings der Eindruck, den der Zionist Nahum Goldmann hinterlassen hat Er wollte aufwühlen, wollte den Juden und den anderen in schonungsloser Weise vor Augen führen, daß es so wie bisher nicht weiter gehe. Der Jude sei dem Wesen nach Rationalist, er sei der geborene Vorkämpfer für weltkulturelle Tendenzen, aber nicht soweit sie methaphysisch, sondern nur soweit sie diesseitig eingestellt seien. Hierin bestehe, so meinte Goldmann, der große wesentliche Gegensatz zu anderen Kulturen mit mehr heroischer Geistesrichtung. Der Jude sei geistig, er sei beweglich auch in seiner geistigen Richtung, denn er habe im Ghetto gelernt, seinen Besitz an Geist und Gut so zu gestalten, daß er ihn von heute auf morgen an andere Orte und in andere Verhältnisse hinüberretten könne. Daher und aus der geschichtlichen Entwicklung des Judentums sei der Jude zum Heros des Lebens, nicht aber zum Heros des Sterbens geworden. Der Jude müsse leben — gleichgültig, wie —, wenn er nur überhaupt lebe, um an der Welt seine Aufgabe zu erfüllen. Diese Aufgabe sei erzieherisch und beschränke sich auf die Gestaltung des irdischen Lebens. Die Ausländer hatten sich an den Debatten eine Zeitlang wenig beteiligt. Es war das Wort vom deutschen Exhibitionismus gefallen. Nach Dr. Goldmanns Rede sprach man vom jüdischen Exhibitionismus. Man fragte sich: Mußte das sein? — Es mußte nicht sein, denn ein Mann wie Dr. Badt, dessen Begeisterung iür den Zionismus nicht weniger glühend ist als Goldmanns, konnte anders sprechen und anderes sagen. Es braucht hier nicht darauf eingegangen zu werden, wie er den politischen Ideen etwa des Dr. Stapel entgegentrat wie er dessen Biologie und politische Definitionen, — wie er den Gedanken des imperium teutonicum nicht nur mit Worten, sondern mit Gründen abtat. Wenn er aber meinte, der jüdische Politiker sei am besten da zu erkennen, wo er jüdische Politik treibe, wenn er diese, d. h. die zionistische, dahin erläuterte: in Palästina entstehe unter dem Einfluß des Zionismus ein neuer Mensch und eine neue Form des menschlichen Zusammenlebens, — wenn er der Hoifnung Ausdruck gab, daß vielleicht das Beispiel, das dort gegeben werde, in Zukunft allen Völkern Wege weisen könne — wenn er alles das ehrlich und begeistert sachlich und liebenswürdig in der Form, als Redner und in der Unterhaltung äußerte, — dann sah jeder, daß Jude sein etwas anderes ist als Unruhe stiften, als Bewegung machen, die die anderen stören muß, weil sie sie stören will. Zionismus und völkische Idee berühren sich in vielem. Deshalb war es für die Vertreter der nichtzionistischen Gedankengänge nicht leicht, ihren Standpunkt vor diesem eigenartig zusammengesetzten Gremium Geltung zu verschaffen. Es war nicht zu erwarten, daß Dr. Friedrich B r o d n i t z oder die auf seinem Standpunkt stehenden Diskussionsredner völkische und zionistische Delegierte zur Aufgabe ihres Standpunktes bringen würden. Aber Dr. B r o d n i t z hat erreicht daß man seine Auffassung nicht nur zu verstehen suchte, sondern zu einem guten Teile auch verstanden und anerkannt hat. Er betonte das Subjektive, das von den anderen Rednern nicht berücksichtigt worden war. Wenn er sich der Religion, der Abstammung nach Jude fühle, so stehe das auf einem anderen Blatte, als seine Stellung als Deutscher. Wenn er sich voll als Deutscher fühle, so müsse man es ihm glauben, sofern er es durch das Bekenntnis zur deutschen Schicksalsgemeinschait, durch Opferbereitschaft und Opferfähigkeit für das Deutschtum bewähre. Wie in Bierville wurde viel vom deutschen Volkstum gesprochen. Wie dort, blieb auch hier der Begriff Undefiniert. Das Beispiel der deutschjüdischen Studenten, die sich in Prag nach dem Kriege in die deutschen Matrikeln eintragen ließen und so neben dem tschechoslowakischen Druck noch den, nur auf den deutschen Hochschulen Prags bestehenden Antisemitismus in Kauf nahmen, war der Beweis, daß auch der deutsche Jude zum deutschen Volkstum zu zählen ist Auch die deutschvölkischen Delegierten erkannten an, daß in der Tschechei, daß im Osten überhaupt die deutsche Kultur vorwiegend von Juden vertreten werde. Wie alle Konferenzen des Weltstudentenwerks, verlief auch die von Nyon in äußerlich vorbildlicher, sachlicher Form. Man erkannte, daß man zu wenig von sich wisse. Man war sich klar, daß man erkennen müsse, was sei, um erkennen zu können, was einmal werden solle. Man war sich klar, daß es unwürdig sei, Weltanschauungsgegensätze bestehender oder vermeintlicher Art mit der Faust auszutragen. Dies kommt in den eingangs wiedergegebenen „Ergebnissen" der Konferenz zum Ausdruck, die der Generalsekretär des Weltstudentenwerks, Dr. Kotschnig, der Tagung vorlegte. Dieses Ergebnis scheint auf den ersten Blick nicht viel zu sein. Eine Tagung, die beinahe eine