Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 17 (24.4.1931)
- Date
- 1931-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der / „Uliion dentschösterreicfaisdier Juden" und den Amtlichen Verlantbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Die IBanrhttit Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV11. Jahrgang Wien, 24. April 1931 Nummer 17 Budgetdebatte im Wiener Kultusvorstand. Knapp vor den Pessach-Feiertagen hatte, wie bekannt, der Kultusvorstand mit der Beratung über das Budget des laufenden Jahres begonnen und in drei viele Stunden dauernden Sitzungen die Generaldebatte, sodann die Kapitel Kultus- und rituelle Angelegenheiten sowie Schul-undUnterrichtsangelegenheiten erledigt. Das Präsidium.löste sein in der letzten Sitzung vor Pessach gegebenes Versprechen ein, indem es bereits iür Dienstag, den 14. d. M., abends, eine Sitzung des Kultusvorstandes zur Fortsetzung der Budgetberatung anberaumte. Obwohl das Budgetprovisorium bis Ende dieses Monats läuft, war diese Eile am Platze, damit die verschiedenen Kommissionen ihre Arbeiten möglichst bald beginnen können. Im allgemeinen pflegen Budgetdebatten kein allzu großes Interesse zu erwecken, weder unter den Mitgliedern der Vertreterkörperschaften selbst, noch in der großen Oeffentlichkeit. Was aber die Beratung des Voranschlages in der Kultusgemeinde betrifft, so kann erfreulicherweise festgestellt werden, daß die Mitglieder des Kultusvorstandes das allergrößte Interesse an den Tag legten. Wir dürfen nicht vergessen, daß es sich da durchwegs um Männer handelt, die tagsüber ihrem Berufe nachgehen und daß unter den heutigen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen wahrlich jedermann mit sich und seinem Berufe genugsam zu tun hat. Wenn unsere Vertreter in der Kultusgemeinde trotz .alledem sich in die Verwaltungsagenden der Kultusgemeinde in so hohem Maße vertiefen und im Interesse ihrer Glaubensgenossen in den bis über Mitternacht hinausreichenden Beratungen ihren übernommenen Verpflichtungen gerecht zu werden versuchen, so gebührt ihnen hiefür der innigste Dank und die vollste Anerkennung der Wiener Judenschaft. Es ist deshalb überaus verwunderlich, daß die große jüdische Oeffentlichkeit so wenig Teilnahme und Interesse.an diesen öffentlichen Plenar-Versammlungen des Kultusvorstandes. bekundet. Wenn all die vielen Juden unserer Stadt, die nimmer müde werden, die Tätigkeit des Kultusvorstandes und einzelner seiner Mitglieder zu kritisieren und herabzusetzen, sich die Mühe genommen hätten, der'Beratung des Fürsorgewesens in der Kultusstube beizuwohnen, dann wäre es ihnen ergangen wie einem der Herren Kultusvorstände selbst, der vor einigen Tagen in öffentlicher Sitzung reumütig bekannt hat, daß er vor seiner Wahl in den Kultusvorständ tausend Vorurteile gegen die Gebarung der Kultusgemeinde hatte, daß er aber nun, da er vollen Einblick in die Arbeit und das Wirken des Vorstandes habe, von all seinen Vorurteilen gründlich kuriert worden sei, daß er die Scheuklappen verloren habe und wisse, wie ungerechtfertigt die Verleumdungen seien, die außerhalb der Kultusgemeinde den Leuten erzählt und von den Leuten erzählt werden. Freilich, dieses reumütige Be^ kerintnis hindert diesen. Herrn nicht, die einzig richtige Konsequenz daraus zu ziehen und für das B.udgetzu stimmen. Oh nein, er- und sein Klubgenösse essen weiter das „bittere" Brot der Opposition/was bekanntlich „draußen bei den Leuten" einen guten Eindruck' zu machen pflegt. Und ähnlich verhalten sich auch die Kritikaster unter der Judenschaft, die, wenn auch von ihren Vorurteilen kuriert, nicht aufhören, ain der unionistischen Majorität des Kultusvorstandes ungerechtfertigte Kritik zu üben. Aber in dieser, wenn auch unberechtigten Kritik gibt sich doch wenigstens ein geringes Interesse an den Dingen kund. Was soll man aber von all den zehntausenden Juden in Wien denken, die nicht den geringsten Anteil an den hohen Aufgaben nehmen, die dort zu erfüllen sind und erfüllt werden. Was soll man von diesen Zehntausenden sagen, die mit der Kultusgemeinde nichts anderes verbindet als ihre Steuerleistung, die ihnen zu hoch oder gar überflüssig erscheint. Diese Herren Juden würden umlernen, wenn sie erfahren, daß die Gesamtsumme der Steuerleistungen jenem Betrage entspricht, der von der Kultusgemeinde für Wohlfahrtszwecke allein alljährlich aufgewendet wird. Ihnen allen, die teilnahmslos dem jüdischen Elend gegenüberstehen, hätten wir gegönnt, der letzten Debatte über das Fürsorgewesen im Kultusvorstande beizuwohnen. Nicht mit Unrecht hat der Obmann der Fürsorgekommission Doktor I. K 1 a b e r in seinem einsehenden Referate darauf verwiesen, daß die Einführung der Institution der Fiirsorgerate das denkbar beste Mittel ist, in weiteren Kreisen der Judenschaft Interesse für die Aufgaben der Kultusgemeinde im allgemeinen und die sozialen Bestrebungen im besonderen zu erwecken. Er bezeichnete die jetzt fungierenden 400 Fürsorgeräte als das Sprachrohr an die jüdische Bevölkerung, die wissen soll und muß, was die Kultusgemeinde leistet und zu leisten versucht. Wir stimmen mit ihm vollständig in seiner Forderung nach Herstellung eines engen Kontaktes mit der jüdischen Bevölkerung überein, wie wir ihm auch beipflichten in seinem Verlangen, daß jeder Jude, wie auch immer seine Einstellung zum Judentum sei, vom Standpunkte der Kultusgemeinde' gleich zu behandeln ist. Eine scharfe Zurückweisung seitens des Kultusvorstandes Pappenbeim holte er sich mit seiner Behauptung, daß die Orthodoxen eine vorzugsweise Behandlung ihrer Gruppe gefordert hätten. Ein überaus interessantes, mit instruktiven statistischen Daten reich belegtes Referat erstattete der Obmann der Spitalskommission Baurat W. Kempler. Das jüdische Spital stellt, sagte er. moralisch sicherlich ein großes Aktivum der Gemeinde dar. allerdings finanziell ein sehr großes Passivum. Die Kultusgemeinde bemühe sich aber trotz diesem Passivum doch immer mehr zu tun, als ihre eigentlichen Pflichten erfordern würden. Man pflegt gewöhnlich das Defizit der Kultusgemeinde als das des Spitals zu bezeichnen. Der Zuschuß, der im laufenden Jahre von der Kultusgemeinde für das Spital im Voranschlage gefordert wird, beträgt nahezu S 300.000.—: das entspricht für den gesamten Belag einem Zuschüsse von S 3.— pro Tag. Die Verpflegstage des Spitals betrugen im letzten Jahre 108.000, dazu kommt noch eine Ambulanzziffer von rund 19.000. Der Referent tritt eingehend dem Versuche entgegen, einen Gebarungsvergleich zwischen dem Versorgungshause und dem Spital zu machen, ein Vergleich, der. da es sich um ganz anders geartete Betriebe. handelt, nicht angängig ist Wie könne man das Spital, in dem die Anzahl der Angestellten 75 Prozent des Gesamtbelages beträgt, mit dem Betrieb des Versorgungshauses vergleichen, wo die Anzahl der Angestellten nur 18 Prozent beträgt, die übrigens nur teilweise im Hause selbst verpflegt werden. Es ist auch zu berücksichtigen, daß im Spital naturgemäß der Belag wechselt, während im Versorgungshaus die Zahl der Pileglinge fast ständig gleichbleibend ist. Schon daraus ergibt sich, daß die Bewirtschaf- .tungsart in den beiden Häusern eine ganz verschiedene sein muß, wozu kommt, daß im Spital die Verpflegung in viel geringerem Umfange eine gleichartige sein kann und daß z. B. die Kost für gewisse Patienten, wie Diabetiker, einen dreifachen Aufwand gegenüber einem gewöhnlichen Pflegling erfordert. Man dürfe auch nicht vergessen, daß das Spital kaum zwei Drittel der Belagsmöglichkeiten des Versorgungshauses hat. Im Versorgungshaus, wo der Belegraum eigentlich nur für 310 Personen berechnet ist, befinden sich 359 Pileglinge, während im Spital, das einen Belegraum iür etwa 240 Patienten hat, durchschnittlich nur etwa 160 Kranke untergebracht sind. Was die Verpflegskosten betrifft, so ist daraui zu verweisen, daß fast alle anderen Spitäler in Wien höhere Verpilegskosten haben. Im Jahre 1930 stellten sich die Verpilegskosten für einen Kranken im Durchschnitt auf S 15.07. Man vergleicht sehr oft die Verhältnisse im Wiener jüdischen Spital mit denen im Berliner Spital. Dort stellen sich die Durchschnittskosten eines Patienten aber wesentlich höher, nämlich auf über S 20.—. Dabei ist zu bedenken, daß in Berlin niemand Anspruch auf unentgeltliche Aufnahme hat, während bei uns jeder in Wien ansässige und zahlungsunfähige Jude im Spital Aufnahme findet. Man darf auch nicht außer acht lassen, daß die Stadt Berlin dem jüdischen Spital die Krankenkosten ersetzt, während das die Gemeinde Wien nicht tut. Dabei haben wir in unserem jüdischen Spital 17.000 unentgeltliche Verpilegstage, in Berlin dagegen kaum 1 Prozent davon. Das Defizit des Spitals liegt schon im Wesen dieser Institution begründet. Spitäler werden immer mit einem Zuschuß rechnen müssen. Das Defizit werden wir also nicht aus der Welt schaffen können, doch können und werden wir uns auch weiterhin bemühen, soweit es möglich ist, das Defizit durch verschiedene Maßnahmen zu verringern. Zu den allgemeinen Ursachen des Deiizits, zu denen auch die derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse zu rechnen sind, kommen noch bei unserem Spital besondere Ursachen. So ist das Spital schon baulich ziemlich ungünstig beschaffen, denn es gibt zu wenig kleine Räume. Auch der Umstand, daß die Anzahl der Angestellten im Verhältnis zur Zahl der Patienten viel zu groß ist, äußert seine ungünstigen Auswirkungen. Es kommt vor, daß die Zahl der Angestellten genau so groß ist, wie die der im Hause weilenden Patienten. Trotzdem im letzten Jahre 17.0ÜO Gratfsverptlegstage gezählt wurden, gibt es noch immer Beschwerden darüber, daß zu wenig Patienten unentgeltlich aufgenommen werden. Eine Schrankenlosigkeit in dieser Beziehung würde das Deiizit noch mehr in die Höhe treiben. Dabei wissen wir sehr gut, daß manche von denen, die bei uns unentgeltlich aufgenommen werden, zahlungsfähig sind. Es gibt oft Leute, die in unserem Spital nicht einmal die 3. Klasse bezahlen wollten, die aber nach dem Verlassen unseres" Spitals monatelang in Sanatorien, oder anderen Spitälern die 2. oder sogar die 1. Klasse bezahlen. Wir haben uns, um unsere leer stehenden Zahlstöcke zu füllen, insbesondere auch mit der Frage beschäftigt, die jüdischen Aerzte außerhalb des Spitals zu interessieren, ähnlich wie dies bei anderen Instituten geschiehr, wir konnten jedoch eine endgültige Lösung dieser Frage nicht iinden. Als ein Mittel zur Belegung unseres Zahlstockes und damit zur Verminderung unseres Defizits wurde auch die freie Aerztewahl angeregt; es wurde auch in diesem Sinne im Jahre 1923 ein Beschluß gefaßt, der jedoch infolge gewisser Widerstände nicht zur Durchführung gelangt ist Nunmehr wird aber diesbezüglich eine definitive Erledigung erfolgen müssen, da eine weitere Tragung des Defizits unmöglich wäre. Es ist selbstverständlich, daß auf allen Gebieten des Spitalsbetriebes, wo immer nur angängig, eine außerordentliche Sparsamkeit obwalten muß, und die Einsetzung einer besonderen Erspar rungskommission für das Spital erscheint deshalb nur begrüßenswert Auch die Annahme des vorliegenden Antrages, eine geringe Erhöhung der Verpflegstaxen eintreten zu lassen, würde das Defizit um etwa ein Viertel verringern. Wir rechnen, schließt Redner, mit einem unvermeidbaren Defizit, ja, wir sind stolz darauf, daß wir ein Deiizit hatten und haben und daß wir es tragen