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Die Wahrheit · 1931-03-06 · Heft 10 (6.3.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 10 (6.3.1931)
Date
1931-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union denfschösterreiduscher Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVU. Jahrgang_ Wien, 6. März 1931 Front gegen den Judenhaß! Paris hat wieder einmal seinen Dreyfus-Rummel. Noch lebt der stille Dulder Dreyfus, noch lebt seine heldenhafte Qattin, aber die Erinnerung an ihr furchtbares Leiden muß, so wollen es fanatische Nationalisten, totgeschwiegen werden. Und deshalb ist es der Wunsch der Royalisten, daß das traurige Schauspiel, das vor mehreren Jahrzehnten die Welt erschütterte, nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gezeigt werde. Diesem ihrem Wunsche verleihen sie in der gleichen rüden Weise Ausdruck, wie ihre antisemitischen Brüder diesseits des Rheins, und so entsteht, gemessen an ihren geistigen und körperlichen Waffen, eine neue Internationale: Die Internationale des Judenhasses. Zur gleichen Zeit, da sich deutsche und französische Männer des Geistes und der Wissenschaft zur Förderung des Friedensgedankens brüderlich die Hand reichen, sehen wir die Internationale des Judenhasses ihre Orgien feiern, sehen wir in Paris die antisemitische Raserei am geschäftigen Werke. In der Hauptstadt Frankreichs hat — wenige Tage, bevor der neue Dreyfus-Sturm losbrach, — ein Deutscher zu französischen Männern und Frauen gesprochen. Er sprach zu ihnen über die furchtbare Schande, die heute Deutschlands Weltbedeutung gefährdet, den nationalsozialistischen Antisemitismus. Er rief die Massenversammlung, die von der Pariser „Liga gegen den Antisemitismus" veranstaltet worden war, zum Kampfe gegen diese furchtbare Gefahr auf, zum werktätigen Kampfe gegen die allgemein gültigen Grundursachen dieser Gefahr, die Arbeitslosigkeit und die Wirtschaftskrise. Der Deutsche, der diese flammenden Worte, die im folgenden wiedergegeben seien, in der Hauptstadt des ehemals feindlichen Landes gesprochen, ist ein bekannter Dichter, der unter der jüngeren Generation eine führende Rolle einnimmt. Walter Mehring hat mit seinem Appell an das französische Volk die Wurzeln des deutschen Antisemitismus, seine Ausbreitung und Auswirkung mit schonungsloser Offenheit dargelegt. Hoffentlich wird dieser Mahnruf nicht nur dort, wo er gesprochen, sondern auch in allen jenen Ländern gehört werden, in denen heute die Kulturschande des Antisemitismus wütet. Nicht zuletzt auch in Oesterreich. Indem ich, sagte Walter Mehring, der Aufforderung der „Liga gegen den Antisemitismus" Folge leiste, vor einem französischen Publikum über die antisemitische Bewegung in Deutschland zu sprechen, sehe ich voraus, daß einige von Ihnen den Einwand erheben könnten: es gibt so viel Ungerechtigkeit in dieser Welt, so viele Leiden bedürfen der Heilung, daß die des Antisemitismus gering erscheinen, daß sie nur eine interne Angelegenheit des betroffenen Landes sind. Ich gebe zu, man hat Recht; die Hetze gegen die jüdische Rasse ist nur ein Teilproblem aller Vorurteile, die eine Gattung von Menschenwesen um ihrer Abstammung willen verdammen. Jedoch der Antisemitismus hat stets seine besondere, unheilvolle Rolle in Politik und Geschichte Europas gespielt. Von der Epoche des schwarzen Todes über die Zeit der Pogrome, die der Zarismus immer dann inszenierte, wenn er eine ökonomische oder kriegerische Niederlage erlebte, bis zur Wirtschaftskrise unserer Tage hat man noch jedesmal auf die Zauberformel zurückgegriffen: Israels mystische Schuld — die jüdische Weltpest, um den Titel eines nationalsozialistischen Werkes zu zitieren. Ich möchte betonen, daß ich jeden Versuch, aus dem Judentum einen neuen nationalen Konflikt zu schaffen, mißbillige — deren haben wir gerade genug! Aber es haben ja weder Napoleon, der die Mauern des deutschen Ghettos niederreißen ließ, noch Zola, der seine Stimme zur Verteidigung eines Juden erhob, im Auftrag eines Rates der Großrabbiner gehandelt; die Dreyfusards kämpften gegen einen Antisemitismus, der nur ein Vorwand für die Feinde der Dritten Republik war, wie er Vorwand ist für die neue Reaktion in Deutschland. Und deshalb, weil der Antisemitismus, durch seine Bluthochzeit mit der heimlichen Diktatur, zum Vater des Nationalsozialismus geworden ist, weil er von den Anfängen her an der Spitze des Hitlerprogramms gestanden hat und noch steht nach allen Metamorphosen dieser Bewegung, gewinnt er allgemeine Bedeutung. Als nach dem Niederbruch von 1918 die radikalste Reaktion sich neubildete, scharte sie sich zunächst um jene antisemitischen Milieus, die die Legende vom sogenannten Dolchstoß verbreiteten: die Juden hätten nicht nur den Krieg angestiftet, sondern auch gleichzeitig das deutsche Debakel vorbereitet. Es gibt so etwas wie eine antisemitische Fachwissenschaft, und ihr Hexenhammer ist das Buch: die Geheimnisse der Weisen von Zion. Diese Mixtur, gebraut aus drei verschiedenen Drogen: einem Pamphlet Maurice Jolys gegen Napoleon III., den Fälschungen Leon Taxiis, einem deutschen Sittenroman der Achtzigerjahre, der Juden und Franzosen gleichermaßen höhnt — „Juden und Franzosen sind für mich dasselbe!" hat Hitler in einem Interview erklärt! — diese Bibel der Judenhasser beschuldigt die Rotte Israel aller denkbaren Verbrechen: der Erfindung des Papiergeldes, der französischen Revolution wie des russischen Bolschewismus, der Wohnungsnot wie des Ritualmordes. Und ein Großer des Nationalsozialismus hat jüngst bestätigt, er glaube an die Authentizität dieses Meisterwerkes der Gelehrsamkeit. Der fremdländische Ursprung des deutschen Antisemitismus zeigt sich am deutlichsten in den Schriften Ludendorffs, der einst für Hitler war, was Sokrates für Piaton gewesen ist. Ludendorff nämlich, ohne zu ahnen, wen er da zitiert, wiederholt sein ewiges J'accuse gegen die drei Hauptfeinde der Menschheit: die Juden, die Jesuiten und die Freimaurer. Heut', da sich der General und der große Trommler verzankt haben, herrscht Einigkeit von beiden nur in einem Punkt: die jüdische Gefahr. Die anderen Feinde wechseln mit den Tagesförderungen. Bezeichnet Herr Hitler die Franzosen als ein immer mehr der Vernegerung anheimfallendes Volk, das durch seine Bindung an die Ziele der jüdischen Weltherrschaft eine lauernde Gefahr für den Bestand der weißen Rasse bildet, so ist er gleich darauf bereit, mit Herrn Herve ein militärisches Trutzbündnis zu schmieden. Herr Feder, der zukünftige Finanzdiktator, will den Kapitalismus abschaffen, während Herr Hitler sich mit den Herren der Hamburger Hautefinance bei opulenten Banketts verbrüdert. Herr Doktor Goebbels würde selbst mit der roten Armee marschieren, wenn sie Nummer 10 es wollte, auch mit dem nichtjüdischen Proletariat: aber seine Partei nährt sich aus Geldern der Schwerindustrie: der Thyssen, Siemens, Borsig — auch aus den Geldern reicher Semiten. Dafür hat man eine ebenso charmante wie simple Wirtschaftsformel gefunden: vom raffenden und schaffenden Kapital; das erste ist das jüdische, das zweite das deutschblütige. Aber nicht nur mit politischen und ökonomischen Dingen befaßt sich das Hitlertum; man verfolgt auch — ja, das ist das Wort — man verfolgt auch künstlerische Ziele, Impressionismus, Expressionismus. Wolkenkratzer und die gesamten Erzeugnisse der modernen Literatur sind Erfindungen des jüdischen Geistes, geschaffen, um die einzig wahre Kunst: die nordisch-griechische zu vernichten. Außer diesem Kulturkampf gegen die Kunst, der man als einziges Positivum das Braunhemd entgegensetzt, weist das Kulturprogramm nur noch zwei Punkte auf: S 27, Volle Religions- und Gewissensfreiheit! Aber S 29, Unterdrückung und Fernhaltung von Glaubenslehren, die dem deutschen sittlichen Gefühl zuwiderlaufen. Dies nennt man das Eintreten für eine deutsche Minderheit! Doch kommen wir von der Doktrin zur Aktion, von den philosophischen Träumereien zur brutalen Wirklichkeit! Es war in den Tagen des Kapp- Putsches, der mit englischem Gelde finanziert wurde, das der Konvertit Trebitsch-Lincoln aus London brachte, als Berlin einen Pogrom erlebte — in den Straßen der armen Ostjuden. Man hat nicht viel Aufhebens von dieser Tatsache gemacht Auch haben gewisse Berliner Juden als erste die Ausweisung ihrer Glaubensgenossen verlangt, die. von Land zu Land gehetzt, keine Heimat und also kein Recht zu leben besitzen. Das sollte ein kleines Angebinde für die Antisemiten sein! Aber das hat nicht verfangen. Denn der Antisemitismus ist ja nur Vorwand! Die unendliche Liste der Morde ■— ich nenne Erzberger und Rathenau —- enthüllt die wahren Ziele dieser Agitation; unerbittlicher Haß gegen jede Friedensliebe, gegen die Menschenrechte, gegen alle Freiheitsgrundsätze, die sich ebenso in der französischen Revolution wie in den Werken der großen deutschen Denker finden. „Juda verrecke!" so tönts bei jeder Gelegenheit, ob es sich um die Aufführung des Remarque-Films handelt oder um ein Meeting mit persönlichem Auftreten Hitlers. Gegen Stargage! Denn sonst empört er sich nicht gegen die Juden! Der Antisemitismus greift zur Reklame! Gehen Sie in Berlin spazieren, so finden Sie neben der Hakenkreuzfahne die Hakenkreuzzigarette und das nationalsozialistische Zahnpulver! Aber schlimmer als diese merkantile Propaganda ist die — sagen wir: geistige, die mit Gummiknüppeln und Revolvern geführt wird und täglich neue Opfer unter Proletariern, jüdisch aussehenden Wesen und anderen Unzufriedenen fordert. Schärfster Boykott jüdischer Geschäftsinhaber in der Provinz, deren Familien dort seit Jahrhunderten ansässig sind — Schändung jüdischer Friedhöfe — Ausschreitungen gegen sozialistische und pazifistische Studentenorganisationen — fortwährende Bedrohungen der jüdischen wie der nichtjüdischen Intellektuellen, Herrn Fricks Kampagne gegen das Piscatortheater, gegen moderne Malerei, gegen alle Kulturfilme: die Gesamtheit dieser noch nicht offiziellen, aber sehr wirksamen Diktatur: das zieht viel weitere Kreise als das Thema des Judenhasses!

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