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Die Wahrheit · 1931-01-23 · Heft 4 (23.1.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 4 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRRCI1 Stillstand der Londoner Beratungen. Erst knapp vor Blattschluß sind die Ergebnisse der in der Vorwoche eröffneten außerordentlichen Londoner Tagung des zionistischen Aktion s-Comitees publik geworden. Die Beratungen haben bekanntlich hinter geschlossenen Türen stattgefunden, so viel ist aber dennoch aus dem . Sitzungssaal gedrungen, daß die Stimmung der Tagung keine allzu gute war, ja daß sich die Herren sogar, statt brüderlich in den Armen, kriegerisch in den Haaren lagen-. Amerika, das heißersehnte, war nicht vertreten. Kommt Mohammed nicht zum Berge, dami kommt der Berg zu Mohammed. Der Präsident der zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow, beantragte in seiner Ansprache, die Entsendung einer starken Delegation nach Amerika, denn — so hofft er — „die Judenheit der Vereinigten Staaten, die für den Aufbau Palästinas bisher so große Opfer gebracht hat. werde dieses Werk in einer so kritischen Situation sicher nicht im Stiche lassen". Die Hoffnung Sokolows ist eine sehr subjektive, denn bei aller Anerkennung der kritischen Situation des Palästinaaufbaues ist festzustellen, daß, wie wir erst letzthin ausführten, die amerikanischen Juden momentan seihst ihre eigenen Sorgen haben. Die Rede Sokolows war überhaupt auf .einen sehr pessimistischen Toni gestimmt Er erklärte rückhaltslos, „es müßten außerordentliche Mittel zur Rettung der Bewegung aus ihrer kritischen finanziellen Lage angewandt werden. ... Die Grundlagen des Palästinawerkes, Erziehungswiesen und Kolonisation, dürfen nicht erschüttert werden". Wir können mit dieser Ansicht des Zionistenführers wohl übereinstimmen, wir sehen aber momentan angesichts der jüdischen Not in aller Herren Länder schwer die Möglichkeit, diesen Wünschen, selbst soweit sie sich auf das in Palästina derzeit bestehende kolonisatorische Werk beziehen, gerecht zu werden. Die Zionisten selbst haben vorderhand nur ein Allheilmittel gefunden, die Verschiebung des Kongreßtermines. •Sokolow hat mit Hinblick auf die Dringlichkeit der „Sanierungsaktion" eine solche Verschiebung beantragt, und da auch jener Teil der Aktions-Comitee-Mitglieder, der sich iür die Konzentration aller .Kräfte auf die Geldaufbringungs-Kampagne einsetzt, im Laufe der Verhandlungen die Oberhand gewinnen konnte, so ist mit 20 gegen 11 Stimmen die Einberufung des XVII. Zionistenkongresses auf einen späteren Zeitpunkt (wahrscheinlich Mai 1931) verlegt worden. Während so in London die zionistischen Führer in banger Sorge beraten, geht die Weltpolitik über diese jüdische Schöpfung eigentlich mit Interesselosigkeit hinweg. Da ist vor allem England, das seine Beratungen mit den Führern der Jewish Agency wieder einmal unterbrochen hat, weil der englische Außenminister Henderson, der in diesen Verhandlungen den Vorsitz geführt hat, zur Völkerbundstagung nach Genf abreisen mußte. Die Verhandlungen wurden bis zu seiner Rückkehr, die frühestens in einem Monat erfolgen dürfte, vertagt. Diese Vertagung wird England nicht unwillkommen gewesen sein, denn im allgemeinen hat ja bei den Verhandlungen bisher herzlich wenig herausgeschaut. Weizmann erklärte wohl auf der Londoner Aktions-Comitee-Tagung, der erste Teil der Verhandlungen sei nunmehr abgeschlossen, die Führung der Verhandlungen in ihrem zweiten Teil, der der Beratung der E i nwande r un gsf r ag.e n und der Frage der Einsetzung einer gesetzgebenden Körperschaft in Palästina gewidmet sein werde, müsse er aber ablehnen. Also gerade in diesen wichtigen Fragen ist eine Einigung bisher jiädht erzielt worden und kann, bleibt es bei der Weigerung Weizmanns, nicht erzielt werden. Der Erfolg des ersten Teiles der Beratungen, über den sich der offizielle Bericht der Londoner Tagung beharrlich ausschweigt, wird demgemäß auch kein allzu großer gewesen sein. Wir glauben auch nicht, daß ein© Interpellation, die dieser Tage das jüdische Mitglied des amerikanischen Repräsentantenhauses D i c k s t e i n im K o n g r e ß der V.ej* e in i gten Staaten eingebracht hat, irgendwie! die englische Palästinapolitik beeinflussen wird. Dickstein beklagte, daß infolge Hinauszögerns eines offiziellen Protestes der Vereinigten Staaten gegen die durch die Haltung der englischen Regierung geschaffene Lage bereits viel Unheil geschehen sei. Wenn Amerika so lange mit einem solchen offiziellen Proteste zögerte, so ist es unwahrschenMch, daß trotz allen Drängens des Herrn Senator Dicksteindiese Verwahrung jetzt auf einmal erfolgen sollte. England hat ja nun die ausgezeichnete Ausrede, daß es mit den Zionisten in aller „Freundschaft" Verhandlungen pflegt. Dagegen dürfte eine andere Aktion auf Englands Haltung nicht ganz ohne Einfluß bleiben. Die palästinensisch-arabische Exekutive hat am 14. Jänner. dem High Commissioner Sir John Chance Hör die A n t w o r t der arabischen Executive auf das von Lord Passfield herausgegebene Weißbuch zur Weiterleitung an die britische Regierung in London und an den Völkerbund in Genf überreicht. Die Antwort besteht hauptsächlich in einer Wiederholung der von den Arabern seit dem Inkrafttreten des Palästina- Mandats mehrmals erhobenen Forderungen, und zwar der Forderung nach Zurückziehung der Balfour-Deklaration und Aufgabe des Mandats mit der Begründung, daß die Deklaration in Widerspruch steht mit dem den Arabern gegebenen Versprechen, ihre nationalen und natürlichen Rechte zu respektieren. Ferner verlangen die Araber die Einsetzung einer einem gewählten Parlament verantwortlichen Regierung in Palästina. In dem Statement der arabischen Executive wird weiter erklärt, daß die Araber es als erste Pflicht Großbritanniens erachten, den Uebergang von arabischem Boden in die Hände von Nichtarabern zu verhindern und die jüdische Einwanderung nach Palästina endgültig zu verbieten. Es wird darauf hingewiesen, daß die Araber Palästinas unter dem türkischen Regime weitgehende Selbstverwaltung genossen, autonome Gemeinde- und parlamentarische Körperschaften besaßen und an der Verwaltung in gleicher Weise Teil hatten, wie die Türken. Man sieht, die Araber führen eine scharfe Sprache, und wie weit England sich von dieser Schärfe einschüchtern lassen wird, bleibt abzuwarten. Es hat in letzter Zeit immer wieder bewiesen, daß es den arabischen Wünschen gefügiger war als den zionistischen. Spectator. tfeuitteton Moritz Friedmann s. A.*) ehemals Oberkantor am Tabak-Tempel in Budapest, anläßlich seines 40. Todestages zum Gedächtnis. Den äußeren Anlaß zur Festhaltung dieses Gedenktages gab mir neben der fiberragenden Bedeutung Friedmanns als Kantor und Mensch, auch die gegenwärtige Vakanz der Stelle des Ersten Kantors im Turner-Tempel in Fünfhaus, weil eben diese Stellung der Ausgangspunkt der kantoralen Tätigkeit Friedmanns war. Die Persönlichkeit Fiiedmanns, des vielleicht hervorragendsten Schülers des Großmeisters Sulzer, näher kennen zu lernen, hat aber nicht nur Interesse für die gegenwärtig im Amte stehenden Kantoren, sie hat auch Bedeutung für das gesamte Judentum, weil daraus zu ersehen ist, welche Qualitäten schon zur damaligen Zeit von einem Scheliach Zibbur verlangt wurden. Moritz Friedmann wurde am 7. Adar 1827 in Hrabocz bei Galszets (Ungarn) geboren und wurde deshalb auch in seiner Jugend nach diesem Geburtsorte Moische ben Jakob Hraboczer genannt. Den Vornamen Moses gab ihm sein Vater deshalb, weil Moische Rabbenu am 7. Adar geboren wurde; und merkwürdig, wie Moische Rabbenu der große Führer des jüdischen Volkes war, wurde auch dieser Moische ein hervorragender Scheliach Zibbur. ein weltbekannter Vertreter seiner Glaubensbrüder und der Dolmetsch ihrer Gebete vor Gott in einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas. Sein Vater, ein einfacher und schlichter Kaufmann, ließ ihm bis zur Barmizwah den damals allgemein üblichen Unterricht erteilen und schickte ihn dann in die weite Welt hinaus. So wandert der kleine Talmudjüngling von einer Jcschiwah in die andere, bis er nach Papa kommt, woselbst damals der berühmte Rabbi Leopold Low, der Herausgeber der Zeitschrift „Ben Chananja", amtierte. Friedmann, der bisher nur in jüdischer Sprache lesen und schreiben konnte, erlernte hier als Autodidakt die deutsche und ungarische Sprache in Wort und Schrift vollkommen und gibt sich sodann den *) Die historischen Daten wurden mir durch Herrn Hofrat Ludwig Karpath in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt Namen t.Moritz Friedmann". Auf die Frage seiner Jeschiwah-Kollegen. warum er sich gerade diesen Namen erwählt habe, erwiderte er: Weil ich ein „isch scholaum", ein Mann des Friedens bin. nenne ich mich Friedmann. Er hatte ursprünglich die Absicht, sich zum Rabbiner auszubilden; er besaß aber eine solch angenehme Stimme und eine solche Vorliebe für den Gesang, daß, wo immer sich die Gelegenheit bot, sich vor den Omed zu stellen, er diese Gelegenheit mit Freuden ergriff und seine Zuhörer waren von seinem Vortrage immer tief ergriffen: und wie es von Moische Rabbenu beim Auszuge aus Aegypten heißt „os joschir Mausche es haschiro hasaus" so hat auch Friedmann in seinem achten Lebensjahre (aleph-soin o-s als Zahlzeichen 8) zu singen begonnen. In seinem 18. Lebensjahre machte er die Bekanntschaft des Kantors Simche Rüben Goldmark aus Deutschkreuz, der oft nach Papa kam, weil seine zweite Frau Marie Kraus, die Tochter eines Kaufmannes aus Papa war. Bei einem solchen Besuche hörte Goldmark den Friedmann im Schulzimmer der Bachurim vorbeten und da sein Gesang ihm überaus gut gefiel, forderte er Friedmann auf. sich dem Kantorenberufe zu widmen. Goldmark ließ in dieser Beziehung nicht locker, bis Friedmann wirklich in Deutschkreuz als zweiter Kantor und Lehrer angestellt wurde und zu Goldmark kam. Dieser selbst hatte eine sehr schöne lyrische Tenorstimme, war ein auch in den profanen Wissenschaften hervorragend belesener und erfahrener Mann, und Friedmann verkehrte viel in seinem Hause. Von hier kam Friedmann als Kantor und Lehrer nach Oedenburg und von dort im Jahre 1850 zu Sulzer nach Wien, um sich hier auch im modernen Kantorate vollkommen auszubilden. Schon im Jahre 1852 wurde Friedmann auf Veranlassung Sulzers als Kantor und Lehrer an den damals neu gegründeten Fünfhauser Tempel engagiert, heiratete nach seinem Dienstantritte seine Jugendliebe, die Tochter Goldmarks, Johanna, und wirkte in Fünihaus durch sieben Jahre. Während dieser Zeit hat er den Gottesdienst daselbst nach dem Muster seines Lehrers Sulzer eingerichtet. In seiner Fünfhauser Stellung war ihm auch ein Sohn des großen Sulzer. namens Julius, beigegeben, der, obzwar zum Musiker ausgebildet, sich dennoch dem Kantorenberufe widmen wollte. Eine kurze Zeit hindurch war er auch als Kantor tätig, besann sich aber dann eines anderen, lebte als Musiker in Wien und wurde schließlich Kapellmeister des Burgtheaterorchesters. Durch die Verbindung mit dem Sohne Sulzers war Friedmann ein gerne und oft gesehener Gast im Hause Sulzers, der ihn für seinen besten Schüler hielt. Als nun im Jahre 1858 der neuerbautc große Tempel in der Leopoldstadt eröffnet werden sollte, empfahl Sulzer Friedmann für die Stelle des Oberkantors an diesem Tempel und er wurde auch engagiert In der Zwischenzeit war sein Ruf als Kantor auch nach Ungarn gedrungen, und die Pester Kultusgemeinde berief Friedmann als Oberkantor an das ebenfalls neu erbaute große Gotteshaus in der Tabakgassc, das gerade seiner Vollendung entgegenging, und da das Pester Angebot die Wiener Bezüge um ein Bedeutendes übertraf und da auch mit Gründen des Patriotismus auf Friedmann eingewirkt wurde, entschloß er sich, die ihm zugewiesene Stellung am großen Tempel des zweiten Bezirkes in Wien nicht anzutreten und nach Pest zu gehen. Da nun der Tempelbau in der Tabakgasse dort noch nicht vollendet war, begann Friedmann zunächst an dem bis dahin bestandenen Tempel im Baron Orczy'schen Hause auf der Landstraße (jetzt Karlring) in Pest, an dem seine Vorgänger Karl Eduard Denhof und Löwenstamm amtiert hatten, seine Tätigkeit und übersiedelte dann in den Tempel in der Tabakgasse, in dem er seine in Wien gewonnenen Erfahrungen mit großem Talent in die Tat umzusetzen verstand. Da der neue Tempel in der Tabakgasse schon eine große Orgel hatte, mußte Friedmann von vornherein sich auf diese einstellen und in diesem Punkte stand ihm ein ungemein tüchtiger deutscher Organist, namens Gotthard Wöhler, hilfreich zur Seite. Friedmann hatte in der Zwischenzeit auch einen glänzenden Chor herangebildet und mit diesem, fast könnte man sagen, konzertante Aufführungen bewirkt, deren Grundlage der Schir Zion Sulzers bildete, bis Friedmann dann allmählich selbst zu komponieren begann und den Gottesdienst vielfach auch mit seinen eigenen Kompositionen bereicherte, dabei aber trotzdem Sulzer niemals vernachlässigte. Als Ungarn im Jahre 1867' seine Selbständigkeit wieder erlangte, mußte der Gottesdienst, der bis dahin außer der hebräischen Liturgie rein deutsch gewesen war, magyarisiert werden. Auch diese Neuerung oblag Friedmann. Er stellte zu diesem Zwecke eine Reihe von biblischen Texten zusammen, die ein ihm befreundeter Arzt, der als Dichter dilettierte. Dr. Adolf Tatai, ins Ungarische übersetzte. Friedmann komponierte alle diese ungarischen Texte, die am Sabbath und an den Festtagen, je nach Beschaffenheit dieser Tage zur Verwendung kamen. Auch ließ er es sich angelegen sein, für einen würdigen Ornat zu sorgen, der bis auf den heutigen Tag in dieser Form geblieben ist. Friedmann erfreute sich einer geradezu beispiellosen Beliebtheit. Sein unerhört mächtiger, den

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