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Die Wahrheit · 1931-01-23 · Heft 4 (23.1.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 4 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Di« Wahrheit n mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden' and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien u Erseneint jeden Freitag 1IH1B1U11U] Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVll. Jahrgang Wien, 23. Jänner 1931 Nummer 4 Die Friedenssehnsucht der Juden. „Pazifismus" das modernste Schlagwort der Gegenwart? Nur scheinbar! Denn jede Gegenwart der Vergangenheit war modern und es gibt bis zum heutigen Tage keine Zeit der menschlichen Geschichte, die nicht mit Krieg angefüllt gewesen wäre und notwendigerweise auch „moderne" Friedenssucht erweckt hätte. Ist nun Pazifismus wirklich nur die Sehnsucht nach einem Dauerfrieden, einem Frieden, der nicht abgelöst wird von einem in irgend einem Teil der Welt ausbrechenden neuen blutigen Kriege, oder ist Pazifismus mehr als eine Sehnsucht? Ist er eins der von der Menschheit zu erstrebenden Ideale, anerkannt als etwas „Ideales"? Ist ein Wille und nicht nur eine- Sehnsucht vorhanden zum •Frieden? In Deutschland erregte bald nach dem für die Deutschen siegreichen Kriege 1870—71 Berta von Suttner mit ihrem Buche „Die Waffen nieder" allergrößtes Aufsehen. Aus der Kriegskaste, dem Adelstande heraus, erhob sich erstmalig ein herzzerreißender menschlicher Schrei: „Ihr Glückszerstörer, was tut ihr? Das ist ja gar kein Heldentum euer entmenschender Schlachtfelderkampf! Die Waffen nieder, die blutigen durch Menschenblut entweihten Waffen nieder!" Es war nicht die Stimme eines Vaters, dem man sein Kind genommen, es war nicht die Stimme einer Mutter, deren Sohn das Schlachtfeld mit seinem Blute gerötet hatte. Sondern es war der wilde Schrei einer mitten im Lebensglück stehenden Gattin, der man durch den Schlachttod ihres Mannes das eigene junge Glück für immer zerstört hatte und die vom Egoismus der eigenen Klage zur Anklage kommt, die Stimme erhebt für die andern „an Alle": „Die Waffen nieder!" Heute, nach dem dieser laute Schrei längst verhallt und wie vergessen war, nachdem ein viel grauenhafterer Krieg das Leben von 12 Millionen Menschen, die Gesundheit und Lebensfrische vom Vielfachen dieser Zahl vernichtete, sammeln sich unter der Fahne des Pazifismus wenige Hunderttausende der 2 Milliarden zählenden Menschheit und haben diesem Schrei eine immerhin starke Kraft verliehen — aber bevor das Echo nicht milliardenhaft zurücktönt, besteht keine Aussicht auf Frieden. Und da die einzige Waffe der Pazifisten der Schrei der Entrüstung über die von Staats wegen veranlaßte Entmenschlichung der Menschheit ist, so kann und muß es vorerst Ziel der Pazifisten sein, immer wieder und wieder das Grauen des Krieges, seine gräßlichen Scheußlichkeiten, seine bestialische Grausamkeit, seine kalte, aller Kultur hohnsprechende Kulturlosigkeit jenen vor Augen zu führen, die den Krieg verkennen, und jenen, die den Krieg wollen. Wer verkennt denn nach einem solchen Krieg wie 1914—1918 den Krieg? Leider ein ganz großer Teil derer, die ihn nicht mitmachten und nur im Lande vorübergehend ein bißchen hungerten und gern den Heldenberichten über „unsere tapferen Frontsoldaten" lauschten. Dann die Jugend, der man nach wie vor den Krieg im Glorienschein des Heldentums und unter bewußter Geschichtsfälschting als etwas Ideales darstellt. Dann ein großer Teil leider sogar von denen, die den Krieg mitmachten und mit sogenannten Ehrenzeichen geschmückt heimkamen. Vielleicht ein Verkennen aus Patriotismus oder vielmehr ein Verkennen der Tatsachen, aus denen heraus ein Krieg entsteht, finanziert wird und von jenem traurigen Teil der Menschheit bewußt gewollt wird, um Verdienstmöglichkeiten für sich im größten Maßstabe zu schaffen. Im Frieden werden die Motore der Arbeitsmaschinen mit Arbeiter- und Bürgerblut nur geölt, im Kriege aber ist Arbeiter- und Bürgerblut der billigste, einbringlichste Betriebsstoff für die Motore der Arbeitsmaschinen „der kriegführenden Länder". Ein trauriger Kulturzustand! Und wie verhält sich nun das J udentum zum Pazifismus? Wir Juden sind von Grund aus Pazifisten. Wir sind es geworden. Unsere Geschichte, eine Leidensgeschichte, zwang uns dazu und aus dem Zwange zum Pazifismus wurde die Freude am Pazifismus. Nicht von Haus aus unkriegerisch veranlagt, sondern, wie die Geschichte ' der Juden früherer Zeiten anerkennt, von eminenter Kriegstüchtigkeit, bis zur letzten; furchtbaren, vergeblichen Verteidigung Jerusalems (70 n. d. g. Z.), mit der das Reich Juda zur römischen Provinz herabsinkt, haben die Juden Krieg geführt. Und erst die dann folgende Geschichte der sich über die alte Welt, im eigenen Lande heimatlos gewordenen, zerstreuenden Juden, hat die Juden zu Pazifisten gemacht, ihnen die Erkenntnis gebracht, was „Frieden der Völker" für den Einzelmenschen und die Familie bedeutet, aus denen sich Staat, Völker und Menschheit zusammensetzen. Der Pazifismus wird daher, weil sich die Massen der Juden rückhaltlos für den Pazifismus erklären, von den Feinden der Juden mit Vorliebe als ein Machwerk jüdischer Feigheit hingestellt. Wir wollen stolz bekennen, daß der Pazifismus jüdischer Ideenwelt ureigen ist, der traurig blutige Geschichtsweg der Juden zur Kristallisierung der Idee des Pazifismus innerhalb des Judentums geführt hat. In diesem Sinne sind all die hunderttausende Juden, die im Meuchelkampf der Pogrome, dem schauerlichsten aller Kriege, starben, nicht umsonst gestorben. Der Jude liebt seine Familie und als man den Juden durch Pogrome das Familienglück und die Lebensfreude zerstörte und wieder und wieder zerstörte, wuchs die Friedenssehnsucht der Juden ins Ungeheure und die Wucht der Erkenntnisse steigerte ihren Friedenssinn ins Unermeßliche. Der Pazifismus wurde Eigentum einer ehemaligen, nun üher die ganze Erde sich verbreitenden, verfolgten Volksgemeinschaft. Das Mimikrischutzkleid der Assimilierung wurde dann bis auf die Juden Rußlands, die immer Nationaljuden waren, zur Natur. So allein war es auch möglich, daß die Idee eines Nationaljudentums, von Rußland kommend, hinüberflackerte zu den Religionsjuden der einzelnen Völker; diese, aus dem ihnen zur Natur gewordenen Verbände zu lösen suchten. Pazifismus und Zionismus sind daher Gegensätze. Denn der Pazifismus will den Frieden der Welt für das Einzelindividuum, während jeder Nationalismus wieder, sobald er stärker von der einen oder anderen Nation betont wird, zum Kriege führen muß. Dem Einzelmenschen soll diese Welt gehören und offen sein. Die Zeit, in der jede einzelne Stadt Deutschlands befestigt war und mit kriegerischer Gebärde der Nachbarstadt gegenüberlag, ist noch nicht lange her und erscheint uns dennoch als Kuriosum. Von diesem Wege werden die Nationen abgehen müssen, soll der Weg der Menschheit aufwärts führen. Wenn wir in die „Kriegsgründe" der Völker, in ihre schmutzigen, selbstischen, materiellen Motive hineinleuchten, werden wir die Parallelen entdecken zu jenen Ursachen, zu jener furchtbaren Niedertracht und kulturlosen Ungerechtigkeit, aus denen Pogrome und Vernichtung von Minderheiten überhaupt entstehen. Es kann solange von einer „Menschheitskultur" überhaupt keine Rede sein, so lange Völkern dieser Menschheit von Staats wegen und mit Erlaubnis der Völker dieser Menschheit das Recht auf Krieg zuerkannt wird. Erst wenn die Völker der Menschheit sich gemeinsam zum Frieden bekennen, erst wenn vor allem jene sogenannten Kulturvölker den Krieg als Staatsverbrechen erkennen und anerkennen, nicht als scheinheilig vorgebundene Maske, die man nach einem „glücklich" verlaufenen Krieg dazu benutzt, um den Besiegten die Schuld, die moralische Schuld am Kriege aufzubürden. Erst wenn die Völker die Pflicht zum Frieden in dem Sinne anerkennen, daß jedes Volk, das sich an einem Kriege beteiligt, die volle moralische Schuld dafür trifft, daß jede Staatsregierung, einschließlich der Parlamente, die sich zu einem Krieg hergibt, mit ihren eigenen Köpfen voll für dies ungeheuerlichste aller Verbrechen, Krieg genannt, haftet, wird der Krieg aufhören! Erst wenn der Pazifismus Gemeingut der Völker, der Menschheit geworden ist, darf man von einer Menschheitskultur reden! Wir Juden aber, die wir unsere Familien lieben, unsere Mitmenschen achten, das den Körper beseelende Leben als höchstes von Gott anvertrautes Gut empfinden, als ein Gut, über das jeder verfügen sollte, über das jeder einmal Rechenschaft abzugeben hat, sollen darum das blutige Schauspiel des grausamen Krieges doppelt hassen und verachten das entsetzliche Gemetzel der Schlacht. Wir haben die Erkenntnis des Friedens für uns, wir haben daher doppelt die Pflicht zum Pazifismus, das heißt die Pflicht zum Aufbau einer wahren, der Menschen würdigen Menschheitskultur! Bruno Schönberger. Berlin.

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