Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 36 (5.9.1930)
- Date
- 1930-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Prei s dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union detitschösterreichisdier Juden* und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Die Wahrheit ._Redaktion und Administration; Wien H„ Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang _ Wien 5. September 1930 Nummer 36 Der Genfer Zweikampf. . Am 3. Juni 1. J. hatte unter dem Vorsitz des italienischen Vertreters die außerordentliche Tagung der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes begonnen, die sich ausschließlich den Angelegenheiten Palästinas zu widmen hatte. Noch im Juni hatte diese Kommission ihre Tätigkeit beendet, allein die Veröffentlichung des Berichtes ließ auf sich warten und nun, zwei Monate später, erscheint dieser und mit ihm eine Erwiderung der englischen Regierung, welche mit dem erstatteten Berichte nicht zufrieden ist und behauptet, daß die in demselben festgestellten einzelnen Untersuchungsergebnisse sich gegenseitig widersprechen. England geht so weit, der Mandatskommission Einseitigkeit in der Beurteilung der Untersuchungsprobleme vorzuwerfen. Es wird daher von besonderem Interesse sein, den Inhalt dieses Berichtes auszugsweise wiederzugeben und die wichtigsten Vorschläge desselben der Politik der Mandatarmacht und den tasächlichen wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen im Lande gegenüberzustellen. Der Bericht ist in drei Abschnitte geteilt. Der erste Abschnitt behandelt die Ereignisse vom August 1929, ihre Ursachen und die Haltung der Palästinaverwaltung. Es wird bezweifelt, ob das nachsichtige Urteil der Shaw-Kommission über die Haltung der arabischen Führer berechtigt ist. Insbesondere behauptet die Kommission, daß die Angriffe der Araber wohl gegen die Juden gerichtet seien, allein die Quelle der Unzufriedenheit liegt in der Gegnerschaft gegen die politische Ordnung, für welche die Araber in erster Linie die britische Regierung verantwortlich machen. Es scheint im ersten Momente unverständlich zu sein, warum die Mandatskommission sich gegen die Haltung Englands gegenüber den Arabern richtet. Es steht sicher fest, daß die Juden keinen Anlaß zu den Unruhen gegeben haben. Es ist sicher richtig, daß der Groß-Mufti von Jerusalem die Hetzpolitik der Araber gegen das nationale jüdische Heim organisiert hat. Es ist einwandfrei festgestellt, daß die Araber durch Brandschatzungen und Ueberfälle zuerst mit den Feindseligkeiten begonnen haben. Trotzdem hat die Shaw-Kommission versucht, den Groß-Mufti zu schützen, um dadurch die Schuld der Araber in gewissem Sinne herabzumindern. Das war im Interesse der englischen Politik gelegen, weil die Engländer,, wie schon wiederholt dargetan wurde, ein eminentes Interesse daran haben, die Mohammedaner in Palästina sich nicht zu Feinden zu machen, weil sie däe Auswirkung dieser Feindschaft in Indien, wo sie in so schwerem Kampfe gegen die Freiheitsbewegung Gandhis stehen, fürchten, Die Mandatskommission hat also recht, wenn sie die Haltung der arabischen Führer in das richtige Licht zu rücken versucht. Man darf aber aus dieser Verurteilung der arabischen Politik nicht schließen, daß es der Mandatskommission darum zu tun ist, Mandatskommission: England. der jüdisch-nationalen Politik in Palästina zu helfen. Die Gründe dieser araberfeindlicheu Politik sind in dem Umstände zu suchen, daß Frankreich und Italien, deren Vertreter der Mandatskommission angehören, zwar im Völ kerbund gemeinsame Sache mit England machen, in Wirklichkeit aber auf die englische Vorherrschaft in dem heißumstrittenen Palästina eifersüchtig sind. Man erinnere sich nur daran, daß der französische Vertreter in der Mandatskommission an den britischen Unterstaatssekretär für die Kolonien die Frage richtete, wieso es möglich sei, daß der im Jahre 1920 wegen Rebellion verurteilte Mufti von Jerusalem heute ungehindert eine Propaganda gegen Frankreich unter den syrischen Mohamedanern entfalten darf. Diese feindselige Haltung Frankreichs und Italiens gegenüber England dürfte sicher beigetragen haben, die englische Politik in Palästina zu verurteilen. Die Erklärung der Mandatskommission hat aber auch bewirkt, daß England sich nunmehr notgedrungen auf Seite der Araber stellt und in seiner Rechtfertigung die Araber zu entschuldigen suchen muß. Der Mangel an britischem Militär und britischer Polizei war nach Ansicht der Mandatskommission die Hauptursache für die Ausbreitung der Unruhen. England hingegen behauptet, daß der Mandatskommission die Zahl der vorhandenen militärischen Kräfte genau bekannt war. Trotzdem hat die Mandatskommission einen Monat vor den Unruhen, als sie das Palästinamandat behandelte, keine Erwähnung von der Unzulänglichkeit der militärischen Kräfte getan. Die Mandatskommission billigt den Wunsch der britischen Regierung, die jüdische Einwanderung der Aufnahmsfähigkeit des Landes anzupassen, verlangt aber, daß durch eine aktivere Politik die Aufnahmsfälligkeit des Landes für eine jüdische Einwanderung erhöht werde. Angesichts einer gut organisierten jüdischen Masse, der große Kapitalien zur Verfügung stehen, ist es nach Ansicht der Mandatskommission begreiflich, daß die unorganisierte und aller Finanzmittel entbehrende arabische Masse Besorgnisse hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Zukunft hegt. Man müßte durch den Schutz der Interessen der arabischen Bevölkerung, durch Schaffung von Agrar-Krediten, durch Vergrößerung des anbaufähigen Bodens, durch Instruierung der Fellachen in der Handhabung der landwirtschaftlichen Methoden versuchen, die Ergiebigkeit des Bodens zu heben, um damit die Lebensmöglichkeit für eine größere Einwohnerzahl zu schaffen. Die agrarpolitische Erziehung der Araber würde es ermöglichen, daß sowohl Juden als auch Araber in ökonomischer Beziehung eng miteinander verbunden sind und dadurch ein gewisses Solidaritätsgefühl entwickeln werden. Gegenwärtig sind alle Institutionen allein von Juden und natürlich auch nur zugunsten der Juden aus jüdischen Mitteln geschaffen. Um einen Separatismus der beiden Bevölkerungsteile gegeneinander zu verhindern, sollte die englische Regierung auf ihre Kosten für industrielle, landwirtschafliche und kommerzielle Zusammenarbeit sorgen, womöglich sollte auch eine gemeinschaftliche Fachatisbildung der Araber und Juden von statten gehen. Nach Englands Ansicht geht die Mandatskommission von der unrichtigen These aus, daß England finanziell dafür sorgen soll, daß die gewünschte Kultivierung der Fellachen durchgeführt wird. Die Mandatskommission scheint zu glauben, daß die Geldmittel der Palästina- Regierung unbeschränkte seien. Die britische Regierung bringt in den ihr anvertrauten Ländern das Prinzip zur Geltung, daß die Länder so rasch als möglich ohne Unterstützung seitens des britischen Staatsschatzes auszukommen haben. Es wurde schon wiederholt nachgewiesen, daß England bestrebt sei, die gesamten Kosten der Mandatsführung mit fremden Mitteln zu decken, keineswegs aber gewillt sei, eigene Gelder in ein Land zu investieren, dessen politischer Boden so heiß ist, daß Unruhen politischer und religiöser Natur an der Tagesordnung sind. Durch die Freiheitsbestrebungen der Indier und der Aegypter wird England erst recht gelernt haben, in seiner Finanzpolitik besonders vorsichtig zu sein. Für England sind die in Palästina investierten Kapitalien keineswegs eine gesicherte Anlage, und das mag der Grund sein, daß England so wenig als möglich in Palästina investieren will. Aber auch vom politischen Standpunkte aus wird England damit sehr einverstanden sein, daß die Araber auf einer möglichst niedrigen Kulturstufe gehalten werden, denn wachsende Kultur wird es für England immer schwieriger machen, Herren in diesem Lande zu bleiben und die mit fortschreitender Aufklärung wachsenden Freiheitsbestrebungen der Bevölkerung niederzuhalten. Die Mandatskommission hat es immerhin leicht, England in finanzpolitischer Hinsicht Vorschriften zu machen, da ja die in der Mandatskommission vertretenen Mächte zu den Kosten der Erhaltung des Mandats nichts beizutragen haben. Wenn das Mandat aber England entzogen und vielleicht einem der der Mandatskommission angehörigen Staaten übertragen würde, dann wird dieser Staat es sicherlich als seine oberste Pflicht erachten, sich England zum Beispiel zu nehmen. Die Mandatskommission ist der Ansicht, daß Bevölkerungselementen, die gegen das Mandat revoltieren, die Mandatarmacht eine feste und entschlossene Haltung zeigen muß. Wenn die Forderung der Araber nach einem Parlament einen Sieg des Widerstandes gegen den Völkerbund bedeuten sollte, dann kann die Mandatskommission eine solche Forderung nicht unterstützen. Die Mandatskommission verlangt also im Gegensatz zu den Ansichten des englischen Premierministers aktive Politik in Palästina, die England eben nicht