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Die Wahrheit · 1930-05-30 · Heft 22 (30.5.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT mh1 führt. Die Juden haben nur in einer Partei Platz, auf deren Fahne Freiheit und Fortschritt geschrieben ist Nach diesen mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen, und nachdem noch ein Vertreter der „Freien deutschen Studentenschaft", der freiheitlichen Gegenorganisation gegen die hakenkreuzlerische „Deutsche Studentenschaft" gesprochen hatte, wandte sich Präsident Dr. Jakob Ornstein in seinem Schlußworte gegen das Verhalten der jüdischnationalen Studenten, die mit ihrer Billigung des Gledspachschen Erlasses diesem Antisemiten, der es als eine seiner wichtigsten Aufgaben betrachtet, Heimwehrparaden beizuwohnen, beinahe rechtgegeben haben. Um dürftiger Gewinne wegen wird hier die Gleichberechtigung auch von jüdischnationaler Seite gefährdet Die „Union" aber hat die Pflicht gegen diese Gefahren anzukämpfen, und wird dieser Pflicht stets gerecht werden. Er schloß hierauf die äußerst gelungene Versammlung, die folgende vom Herrn Dr. Oskar Hein vorgeschlagene Resolution einstimmig annahm: Die von dem akademischen Senat der Wiener Universität verlautbarte neue „Studentenordnung" enthält nach der vom Herrn Rektor Dr. Wenzel Gieispach selbst abgegebenen Erklärung „die erstmalige Festlegung einer neuen Nonn, deren Auswirkung noch nicht zu fibersehen ist," und die Abkehr von dem in allen modernen Staaten geltenden, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger verbürgenden Staatsbürgerschaftsprinzipe zugunsten eines vagen und unklaren, auf dem gänzlich unwissenschaftlichen und undefinierbaren Rassenstandpimkt aufgebauten sogenannten „Volksbürgerschaftsprinzip". Die „Union deutschösterreichischer Juden" erhebt in Wahrung der Interessen des österreichischen Judentums entschieden Einspruch dagegen, daß der akademische Senat der Universität Wien in offenkundiger Ueberschreitung der ihm zustehenden Befugnisse und im Gegensatze zu den in der allgemeinen Disziplinarordnung vorgeschriebenen Richtlinien neue Normen aufgestellt, welche zu den Bestrebungen des Bundeskanzlers nach einer inneren Befriedung in ausgesprochenem Widerspruch stehen. Die heutige Versammlung beauftragte den Vorstand der „Union deutschösterreichischer Juden", diese Resolution zur Kenntnis des Herrn Bundeskanzlers zu bringen und alle geeigneten Mittel anzuwenden, um die Aufhebung der der verfassungsmäßigen Rechtsgrundlage ermangelnden „Studentenordnung" zu erwirken. Wahrheiten vom Ja&e Der besiegte Radikalismus. Zu den zionistischen Delegiertenwahlen schreibt das diesbezüglich gewiß gut orientierte Organ der „Poale Zion", „Der jüdische Arbeiter" u. a. folgendes: „Es ist bemerkenswert, daß die H i t a c h d u t mit der F o r d e r u n g, die Landespolitik endgültig aufzugeben, in den Wahlkampf ging. Sie hat diese Forderung mit dem Hinweis am die soziale Differenzierung des österreichischen Judentums, die eine einheitliche jüdische Politik unmöglich macht, begründet." Die Liste der Hitachdut war bekanntlich mit der der allgemeinen Zionisten, also der der offiziellen Fraktion gekoppelt. Wenn auch die den offiziellen Zionisten nahestehende sozialistische Gruppe die Forderung nach Aufgabe der Landespolitik mit Erfolg aufstellte, so sollten die maßgebenden Zionisten wenigstens die Lehre aus dem Wahlkampf ziehen, daß mit diesem politischen Popanz endlich Schluß gemacht wird. Nur 29 Prozent der zionistischen Wälder haben sich für dieses gefährliche Hirngespinst entschieden; Zahlen sprechen eine beredte Sprache, oft eine bessere als die „Radikalen". Aus Sowiet-„JudaeaM. Die in Odessa bestehende größte jüdische technische Hochschule in der Sowjetunion „Jewrobmol" soll, wie aus Regierungskreisen verlautet, demnächst in eine ukrainiscne technische Hochschule umgewandelt werden. Seitens der Zentralbehörden wird als Grund für diese Umwandlung angeführt, daß „Jewrobmol" der Odessaer Industrie alljährlich nicht weniger als 150 qualifizierte Techniker zuführt und daß somit die „Gefahr" besteht, daß in einigen Jahren der Odessaer Fabriken zu viele jüdische Techniker haben werden. „Jewrobmol" gilt als die beste technische Hochschule der Ukraine. In den 11 Jahren ihres Bestehens hat sie über 1500 hochqualifizierte Techniker der Industrie zugeführt Gegenwärtig studieren an der «Jewrobmol" 400 junge Juden, meist Kinder von Arbeitern. Präsident Hindenburg dankt Julius Rosenwald. Der Präsident der deutschen Republik Feldmarschall von Hindenburg hat dem bekannten jüdischen Philanthropen, Herr Julius Rosenwald In Chikage, eine wertvolle Vase gesandt nebst einem Schreiben, in welchem Herrn Julius Rosenwald der Dank Deutschlands für seine zahlreichen großmütigen Spenden zugunsten deutscher kultureller Institutionen und des Fonds für deutsche Kriegswitwen und Kriegswaisen ausgesprochen wird. Lederhandschuhfabrik Josef Tjasfinger 1., Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 Besancon wünscht jüdische Studenten. Die Universität Besancon lädt alle durch den Numerus clausus behinderten jüdischen Studenten ein. An der Universität Besancon werden auch Vorbereitungen zur Errichtung eines jüdischen Studentenheimes getroffen, um den jüdischen Studierenden den Aufenthalt dort so bequem als möglich zu machen. Die Stadt unterhält neben der Universität auch einige gute Handwerkerschulen, sowie eine vorzügliche Handeisakademie und bietet also verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten. Gefährliche Folgen. In der Gemeinde Nina, Bezirk Somesch, Rumänien, hat sich — wie aus Cluj (Klausenburg) telegraphiert wird — ein furchtbares Verbrechen ereignet, das auf antisemitische Verhetzung durch Professor Cuza zurückzuführen ist Der Bauer Jan Sata kam in die Wohnung des Juden Hermann" Eger und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, einen Dolch bis an das Heft in die Brust Eger starb an den Folgen der tödlichen Verletzung. Jan Sata wurde verhaftet. Bei der Einvernahme durch den Untersuchungsrichter erklärte Sata, er habe dieses Verbrechen begangen, um Herrn Professor Cuza, den er sehr verehre und der zur Ausrottung aller Juden aufgefordert habe, einen Gefallen zu tun. Friedhofschändung in Frankfurt a. M. Auf dem Friedhof der Frankfurter israelitischen Gemeinde an der Rat Beil-Straße, wurden jüngst fünf in der Nähe der Mauer gelegene Grabsteine unigerissen und ein Stück des Friedhofes in brutaler Weise demoliert und verunreinigt Den sofort angestellten Ermittlungen ist es gelungen, als Täter mehrere Schulknaben (!) festzustellen. Synagogensch* häufig "in Sensburg. Bisher unerkannt gebliebene Täter haben in der Nacht zum 13. Mai in der Synagoge zu Sensburg Verwüstungen angerichtet Die Täter stießen ein Fenster des Synagogengebäudes ein und stiegen durch dieses in den Betraum. Dort rissen sie die Altardecke und ein Betpult herunter und warfen die silbernen Leuchter zu Boden. Schließlich verunreinigten sie noch den Altar. Man zweifelt nicht daran, daß die Tä t e r i n völkischen Kreisen zu suchen sind, da in Sensburg die nationalsozialistische Bewegung in letzter Zeit stark zugenommen hat. Die Staatsanwallschaft hat einen Kriminalbeamten aus Alienstein zur Aufklärung der Angelegenheit entsandt VonWodke zu Wothe Personalnachricht Der Bundespräsident hat die durch ihre Tätigkeit auf jüdischhumanitärem Gebiete, insbesondere im Damenkömitee des M e r o r es - Waisenhauses bestbekannte Frau Ottilie Politzer, geborene Schramek zum Bundesfürsorgerat ernannt. Der Minister für soziale Verwaltung Herr Professor Dr. I n n i t z e r hat Frau Politzer das Dekret mit einem herzlichen Gratulatiorisschreiben übermittelt Auch wir schließen uns den gewiß zahlreichen Gratulanten an. Kultusratswahlen in Czernowitz. Die ersten seit dem Kriege stattgefundenen Wahlen in den Kultusrat der jüdischen Gemeinde der Bukowinaer Hauptstadt Czernowitz (die Stadt zählt nicht viel wehiger als 100.000 Seelen) ergaben das folgende Resultat: An der Spitze marschiert die von Dr. Meyer Ebner geführte Einheitspartei mit 1460 Stimmen und 12 Mandaten. Es folgte die Partei Dr. Strauchers mit 1390 Stimmen und 11 Mandaten, die Partei der nationalzaranistischen Juden (Liste Dr. Zloczower) mit 1298 Stimmen und 10 Mandaten, die jüdischen Sozialdemokraten (Bundist e n) mit 1020 Stimmen und 8 Mandaten, die Liste Greif mit 634 Stimmen und 5 Mandaten, die orthodoxe Liste mit 460 Stimmen und 4 Mandaten. Auffallend ist angesichts der vielen wahlwerbenden Parteien die recht schwache Wahlbeteiligung und der knappe Wahlerfolg " des Zionistenführers der Gemeinde Dr. Meyer E b n-e r gegenüber dem früheren verdienstlichen Gerenten Dr. Straucher. Die neugewählte Repräsentanz der jüdischen Kultusgemeinde in Czernowitz schritt am 21. d. M. zur Wahl des Präsidenten der Kultusgemeinde. Hauptkandidaten waren der Vorsitzende der Zionistischen Landesorganisaüon Senator .Dr. Meyer Ebner und der bisherige Regierungsgerent der Kultusgemeinde Doktor Karl G u t h e r z, Führer der Gruppe der nationalzaranistischen Juden , (Maniu-Partei). Nachdem drei Wahlgänge ergebnislos verliefen (beim dritten Wahlgang hatten beide Kandidaten je 24 Stimmen auf sich vereinigt) entschied das Los für Dr. Karl Guther z. — Vor der Wahl hatte man Dr. Ebner die Würde eines Gemeindepräsidenten angeboten,, wenn er sich damit einverstanden erklären wollte, daß. Dr. Gutherz Vizepräsident sein soll. Doktor Ebner hatte dies aber abgelehnt Jetzt hat das gerechte Los gegen ihn entschieden. Trauung, Sonntag, den 8. Juni 1930, um 1 Uhr nachmittags, findet im Tempel, I., Seitenstettengasse 4, die Trauung des Fräuleins Anny- Mautner, Tochter des Amtsleiters der israelitischen Kultusgemeinde Oskar Mautner, mit Herrn Hermann Glück, statt. 60 Jahre jüdisches Blindeninstitut Dieser Tage feiert das jüdische Blindeninstitut auf der Hohen Warte das 60jährige. Gründungsjubiläum. Diese Anstalt, entstanden auf Initiative des damaligen Sekretärs der Israelitischen Kultusgemeinde, des bekannten Schriftstellers und Dichters Ludwig August FrankL der für seine Verdienste auf diesem Gebiete vom Kaiser Franz Josef in den Adelsstand mit dem Prädikat „Ritter v. Hochwart" erhoben wurde, war die erste in Oesterreich, die für die Blinden Werkstätten zur Erlernung von Gewerben begründete. Sie entwickelte seither eine segensreiche Tätigkeit und war mustergültig für viele: ähnliche Institute in Oesterreich und im Auslande. Dank dieser Einrichtung wurden Versorgungshäuser iür die herangewachsenen Zöglinge unnötig, denn sie konnten: sich selbst versorgen. Aus den althergebrachten Blindenberufen, wie Bürstenbinderei, Korbflechterei und weibliche Handarbeiten, wurden Kunstgewerbe, Maschinenstickerei, Eisengalanteriearbeiten, Uhrmacherei,. Tischler- und Schnitzarbeiten. Die Zöglinge werden nicht nach ihrem Alter, sondern nach ihrer Begabung in die einzelnen Kurse eingeteilt. Sie erhalten gründlichemusikalische Ausbildung, und viele brachten es zur Staatsprüfung im Musiklehramt. Einige begründeten selbst Musiklehrschulen und die Musikprofessoren des- Instituts sind durchwegs ehemalige Zöglinge der Anstalt Begabte Schüler werden dem akademischere. Studium zugeführt. So ist das Institut bis auf den heutigen Tag eine Musteranstalt geblieben, deren segensreiches Wirken allgemein anerkannt wird. Bei dieser Gelegenheit mag eine charakteristische Episode Erwähnung finden. Als das Institut eröffnet wurde, war Graf Leo .Thun Unterrichtsminister in Oesterreich,, der in dieser Eigenschaft der Eröffnungsfeier beiwohnte.. Als er wahrnahm, daß eine der Wandanschriften im Institut den Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" enthielt drückte er gegenüber einem der Komiteemitglieder seine Genugtuung darüber aus,, daß dieses Dogma des Neuen Testaments, nunmehr auch seitens der Juden beherzigt wird. Alsihm bedeutet wurde, dieser Satz befinde sich bereits im Alten Testament, im 3. Buche Moses, schüttelte, der Minister ungläubig den Kopf , und ließ nicht locker,, bis ihm die betreffende Stelle im Pentateuch aufgeschlagen wurde, dann aber rief er überrascht: „Merkwürdig! Wir beschäftigen uns soviel mit den Juden und wissen nicht einmal, was; ihre Lehre eigentlich enthält!" J. Kr. Ein Festtag der Juden in Obersteiermark. Sonntag, den 18. d. M., war Festtag für die Juden in der Obersteiermark. Es galt Herrn Wilhelm Gottlieb, Möbelhändler in Judenburg, und seine Frau. Therese, geb. Pollitzer, die an diesem Tage die sechzigste Wiederkehr ihres Hochzeitstages und den ebensolangen Bestand ihres in Obersteier hohen Ansehens, sich erfreuenden Geschäftes feierten. Schon am Abend vorher veranstaltete die Freiwillige Feuerwehr dem hochangesehenen Ehepaare einen Fackelzug und brachte, vor dem Hause der Jubilare ein Ständchen dar. An dem Fackelzuge nahm eine Menschenmenge teil, wie sie in Judenburg vielleicht noch nicht gesehen wurde. Am darauffolgenden Sonntag war Judenburg, die älteste,, schon im Jahre 1080 erwähnte Judengemeinde Steiermarks das Ziel zahlreicher Gäste. Fast alle Juden voa Bruck bis Murau waren geschlossen erschienen. Und als ob die Natur selber zur Feststimmung hätte beisteuern wollen, erglänzte Tal und Berg in üppigstem Schmucke. Es war ein bezaubernder Anblick, als die Sonne die schneebedeckten Gipfel, die Firne bestrahlte und Garbenbündel von flutendem Glänze auf das Fachwerk der alten Häuser herabgegossen hat. Um 3 Uhr nachmittags begann die Festfeier. Da man vorausgesehen hatte, daß das schmucke Gotteshäuschen unmöglich hinreichen werde, die zahlreichen Gäste zu fassen, wurde der große Saal im „Hotel Post" zu einem prächtigen, stimmungsvollen Tempel adaptiert. Mab kann sagen, fast alles, was In Stadt und Bezirk Rang: und Ansehen hat war da. versammelt. Aus Graz der Präsident der Kultusgemeinde, Rechtsanwalt Doktor Sonnenwald, Altpräsident David Stern samt Frau, der Bezirkshauptmann Schmidt Luisingen, der Bürgermeister Stoll mit seinen Vertretern, die Altbürgermeister und Vertreter fast aller Behörden und Vereine. In dem Augenblicke als das greise Ehepaar, das von Landesrabbiner Prof. Dr. Herzog in Gemeinschaft mit Herrn K o f f 1 e r, Kantor aus Leoben, vorher hatte- Herr S. D. D a c h i n g e r die Gäste aufs herzlichste begrüßt, abgeholt wurde, stimmte der .Jüdische Gesangverein" aus Graz, der es sich nicht hat nehmen lassen, am Festtage der Eltern seines mitgründenden Mitgliedes, des Herrn Leopold Gottlieb aus Graz, teilzunehmen, unter musterhafter Leitung des Herrn Oberlehrers Julius Steiner einen blendend vorgetragenen Choral an. An das nun verrichtete Minchagebet schloß sich die eigentliche Feier an, die mit der Absingung von Schuberts „Die Ehre Gottes" unter der bewährten Leitung des Chordirektors Gusseck fein abgetönt vorgetragen wurde. Den Höhepunkt der Feier bildete die Festrede des Herrn Landesrabbiners Dr. Herzog, die glänzend aufgebaut, in begeisternden Worten Leben und Wirken des Ehepaares Gottlieb schilderte. Als am Schlüsse Dr. Herzog dem Ehepaare einen schönere Lebensabend wünschte und den priesterlichen Segen.

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