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Die Wahrheit · 1930-04-11 · Heft 15 (11.4.1930) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 15 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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aaMsgagaanmnt^fVKFia» i< if»n Seite 8 DIE WAHRHEIT Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Pessach- KoSChermilCh in allen ihren Filialen zum Verkauf. DiePeSSaCh-KOSChermÜCh wird in ihren Meiereien in Niederösterreich unter streng ritueller Aufsicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. H. Rosenmann bestellten religiös verläßlichen Organe D^fTJtWD eweugt- Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe, respektive mit einer Schleife versehen mit dem Aufdruck: nos *Ä> "WO 3Tl Wien, 15. April 1930. Wiener Molkerei freuen oder entsetzen. Aber da in Oesterreich nichts ohne Seitenhieb auf den beliebtesten Prügelknaben, den Juden geschieht, so mußte auch in die stürmische Debatte, die bei der Verabschiedung des Gesetzes im Nationalrate abgeführt wurde, „dar Jud" hineingezogen werden, der gegen solche Willkür einfach wehrlos ist Es kam in dieser Debatte zu sehr lebhaften Auseinandersetzungen zwischen den Sozialdemokraten Dr. Bauer und Dr. E i s 1 e r und dem Berichterstatter Dr. K n e u ß 1, weil dieser in der Erläuterung des Gesetzes angeblich wiederholt nicht das Ergebnis der Ausschußverhandlungen, sondern seine persönliche Auffassung zum Ausdrucke brachte. Wer nun erwartet hätte, daß diese sicherlich schweren Anwürfe vom Berichterstatter entkräftet werden würden, befindet sich auf dem Holzweg. Er mußte gar nicht antworten, denn er fand eine Assistenz in einer neuen Leuchte unserer Christlichsozialen, dem niederösterreichischen Heimwehrführer Raab. Der widerlegte sicherlich zum größten Gefallen seiner Partei die Anwürfe mit den „treffenden" Worten: „Die beiden Juden (Dr. Bauer und Dr. Osler) geben keine Ruhe. Das liegt in der Rasse. Sie sollen in den Tempel gehen! Herr Raab, der diesen geistreichen Zwischenruf tat, gilt als ein „Gemäßigter" in unserem sonst allzu radikalen Heimwehrlager. Man muß wirklich anerkennen, daß er seine „gemäßigte" Einstellung auch bei seiner Antisemitelei bekundet hat Er hätte doch noch mit Rücksicht auf die bevorstehenden Pessachfeiertage an die beiden von ihm Angerempelten eine Aufforderung richten können, die sofort dem Verständnis mancher seiner blutrünstigen Gesinnungsgenossen begegnet wäre. Aber Spaß beiseite, dem Herrn Raab wird es ja auch trauriger Ernst bei der Bekundung seiner wahren Gesinnung gewesen sein. Und deshalb wird man sich seinen Ausruf, diesen Stoßseufzer eines „gemäßigten" Heimwehrlers, recht gut merken müssen. Man sieht wieder einmal, wessen wir Juden uns von dieser Partei, die uns so oft umschmeichelt, zu versehen haben. Antiterror? Die Hauptsache ist und bleibt: Terror gegen die Juden! Die in Rede stehende Debatte trug überhaupt das gewohnte Gesicht des österreichischen Nationalrates. Auf beiden Seiten des Hohen Hauses prasselten die Schimpfworte nur so nieder. Besonders häßlich waren Aeußerungen, zu denen sich die Sozialdemokraten im Verlaufe der Rede des christlichsozialen Abgeordneten Dr. Kolb hinreißen ließen. Sie bezeichneten ihn, dessen Ausführungen ihnen wider den roten Strich gingen, als .,H e t zpfaffen" und „P h a r i s ä e r". Wenn wir uns oben gegen die Hineinziehung der Juden in eine angeblich rein wirtschaftliche Debatte gewendet haben, so können wir vom Standpunkte der Gerechtigkeit es auch nicht gut heißen, daß die Priesterwürde so besudelt wird. Bezeichnend für die Loyalität der Parlamentsvorsitzenden ist die Art, wie diese die verschiedenen empörenden Zwischenrufe behandelten. Es war beinahe ein Spiel mit verteilten Rollen. Als es gegen die Juden ging, saß oben der Christlichsoziale Dr. Gürtler; er bat den unruhigen Heimwehrführer nur um schonende Ruhe. Als der katholische Priester beleidigt wurde, saß oben der Sozialdemokrat Eldersch; der wollte — wieder wegen der Unruhe — nichts gehört haben und wies die Beleidigung, wenn sie gefallen sein sollte, als unparlamentarisch zurück. Auf jeden Fall, nur schön Ruhe, und bei Beleidigung der Juden nicht einmal Zurückweisung. Das Ganze nennt man Objektivität. * Da war das Linzer Bezirksgericht, vor dem jüngst eine Klage des Nationalrates Doktor E i s 1 e r gegen den verantwortlichen Schriftleiter der Wochenzeitung „DerStarhemberg- An unsere Olouübensbriider f Das Gotteshaus des Orth. Israel Bethaus-Vereines „Emunas Aves". Wien XIV.. Storcnengasse 21. welches sieben Jahrzehnte für die religiösen Bedürfnisse der Bezirke XIL, XIIL, und XIV. diente, steht vor dem Einstürze. Diese heilige Stätte zu erhalten, ist die Pflicht eines jeden jüdisch fühlenden Menschen. Der Vorstand wendet sich daher an die Herzensgute unserer Glaubensbrüder und bittet, einen Beitrag zu diesem gewiß gottgefälligen Werke beizusteuern. Der Verein Orth. Israel Bethaus-Verein „Emunas Aves". (PostsparkassenkoEto 56169.) J ä g e r", des Organs des Fürsten Ernst RüdigerStarhemberg, verhandelt wurde, schon objektiver. Das Gericht schenkte der von besonderem Heimwehrmute zeugenden Verantwortung des Herrn Verantwortlichen, daß er einen Artikel, in dem Dr. Eisler ein „hebräischer Anwalt" und seine Verteidigungsrede „ein jüdischer Schmus" genannt wurde, vor Drucklegung nicht gesehen habe, keinen Glauben und verurteilte den Angeklagten zu 100 Schilling Geldstrafe, zur Tragung der Kosten und zur Veröffentlichung des Urteils im „Starhemberg-Jäger". Die Leser dieser Zeitung, die kein Organ zur Pflege des Jagdsportes, sondern zur Aufzüchtung von Heimwehrmännern ist, werden Augen machen, wenn sie dieses Urteil lesen werden. Sie scheinen ja in ihrem und des Fürsten Starhemberg, des präsumptiven Gottsöbersten der Heimwehr, Leibblatte nur eine Jagd auf Juden gewohnt zu sein. Was Frick alles will. Die vom Abg. Strasser herausgegebene Berliner Zeitung „Der Nationale Sozialist" teilt einige Neuerungen mit, die der thüringische Innen- und Volksbildungsminister Frick im Gesetzgebungsausschuß des ThüringerLandtages vorgeschlagen hat. Es seien Verhandlungen mit der Kirche und der Lehrerschaft eingeleitet, um eine Aenderung des Lehrplanes für den Religionsunterricht durchzuführen, bei der die al tte s t a m en tl iche n Stoffe stärker zurücktreten sollen. Der „Nationale Sozialist" bemerkt: „Die Herausnahme des Alten Testamentes aus dem christlichen Religionsunterricht ist eine der dringendsten Maßnahmen auf dem Gebiete des Schulwesens. Der jüdische Geist des Alten-Testamentes hat mit dem Geist des Christentums aber auch nichts gern eins a m." Spotten ihrer selbst, und wissen nicht wie sehr! Die „negroide jüdische Kunst". Bei Beratung des Kultus-Etats im Preußischen Landtag hatte der deutschnationale Abgeordnete Koch-Berlin unter anderem sich auch sehr gegen die „negroide jüdische" Kunst ausgesprochen. Der demokratische Abgeordnete Dr. Bohnen wies diese Angriffe als durchaus ungerechtfertigt zurück und erklärte, es sei bedauerlich, daß gerade die Leute auf der Rechten, die immer glaubten, allein das deutsche Volkstum repräsentieren zu können, doch zum Beispiel bei Ausgestaltung des Museums für deutsche Volkskunde völlig versagt hätten; dagegen stamme gerade auch in diesem Museum mindestens jeder vierte Gegenstand aus Spenden israelitischer Staatsbürger. Palästinensische Justiz. Das Kreisgericht in Jaffa hat jüngst zum zweiten Male ein Todesurteil gegen den jungen spaniolischen Juden Josef Orphali ausgesprochen. Kurz nach den arabischen Unruhen in Jaffa und den Angriffen auf die jüdische Stadt Tel Aviv, die zurückgewiesen wurden, wurde Orphali von Arabern beschuldigt, daß er an der Verteidigung von Tel Aviv teilgenommen und dabei auf die Araber Schüsse abgegeben hat. Auf Grund dieser Aussagen wurde Orr phali vom Jaffaer Kreisgericht zum Tode verurteilt Das Urteil wurde vom Jerusalemer Obersten Gericht aufgehoben und der Fall an das Jaffaer Kreisgericht neu verwiesen. In der nun vor dem Jaffaer Kreisgericht stattgefundenen zweiten Verhandlung wurden zwei neue Zeugen vernommen, Angehörige der britischen Luftwehrmacht die sich seinerzeit an der Zurückweisung des arabischen Angriffs auf Tel Aviv beteiligten und zuletzt in Aegypten aufhielten. Sie bekundeten vor Gericht daß an dem kritischen Tage eine große arabische Menge einen Angriff auf die jüdische Stadt Tel Aviv versuchte, der aber von britischen Soldaten und Angehörigen der Luftmacht zurückgeschlagen wurde. Sie, die Zeugen und andere Soldaten feuerten auf die Angreifer, von denen mehrere getötet und verwundet wurden. Von nichtmilitärischeif Personen wurden Schüsse nicht abgegeben. Trotz dieser Aussagen und obwohl Orphali bei Gott geschworen hatte, daß er unschuldig sei, sprach das Gericht auch diesmal das Todesurteil gegen Josef Orphali aus, der auch gegen dieses zweite Todesurteil Berufung einlegen will.

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