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Die Wahrheit · 1930-04-11 · Heft 15 (11.4.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 15 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag »» mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien <« ^■iu ■/ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 11. April 1930 Nummer 15 Schätze der Vergangenheit Eine Pessachbetrachtung. Von Dr. V. K u r r e i 11, Linz a. d. D. Die letzte Zeit hat uns seltene und kühne Ausgrabungen gebracht. Spürsinn und Mut haben alte Pharaonengräber erschlossen und ungeahnte Schätze ans Licht gebracht. Staunend steht man vor diesen Zeugen einer viele tausend Jahre alten Kunst und vor solchem ungeheueren Reichtum, ohne zu wissen, was man mehr bewundern soll — die überragende Kunstfertigkeit, die uns aus so frühen Zeiten märchenhaft erscheint, oder die Fülle von Reichtum, die auch nach heutigen Begriffen alles hinter sich läßt. Des Staunens war wirklich in der Welt kein Ende, als sich die alten Pharaonengräber auftaten, und das hohe Lied von der uralten ägyptischen Kultur hallte in allen Tonarten wider. Wer aber von allen, die da staunten und bewunderten, hat sich angesichts dieser Zeugen unerhörter Pracht die Frage vorgelegt: was hat diese ganze Pracht der Welt genützt? Vielleicht ist ein Symbol von tiefster Weisheit darin zu erblicken, daß alle diese Schätze samt ihren Königen begraben wurden, daß sie so tief versteckt wurden, daß Jahrtausende an ihnen achtlos vorübergehen konnten! Ja, es ist nicht bloß ein Symbol, es ist Wahrheit, daß alle Schätze Tutankamens der Welt nicht so viel nützten als ein einziger Satz aus dem Propheten Jesaia. Auch wir Juden sind Altertumsforscher. Wir öffnen Gräber der Vorzeit und bringen Schätze ans Licht, die die Menschen bestaunen und bei deren Betrachtung sie mit Verwunderung fragen, ob es wirklich solches schon vor Jahrtausenden gegeben hat. Eine solche Schatzkammer eines großen Königs ist unsere Bibel und ununterbrochen holen wir Perlen des Geistes, Edelsteine der Gedanken, Kunstwerke der Bildung hervor und breiten sie vor den staunenden Augen der Zeitgenossen aus. So ist es besonders, wenn wir am Pessach das berühmte Kapitel aus dem Propheten Jesaia lesen, welches die Prophezeiung von der messianischen Zeit, die Messiasidee, der Menschheit verkündet. Mag man alles, was das Judentum der Menschheit gebracht und geleistet hat, bestreiten, als unoriginell und von andern entlehnt hinstellen, daß aber das Judentum die Idee von dem Messias, von dem ewigen Fortschritt, vom endlichen Sieg des Guten in die Welt gesetzt hat, kann niemand leugnen. Und daß sie immer wieder verkündet wird, beweist ihre Verlesung an jedem Pessachfeste. „Was ist denn so wunderbar an dieser Vorstellung von dem Menschheitsfrieden?" wird mancher fragen und mit Recht eine Antwort verlangen. Vielleicht wäre die beste und weittragendste Antwort die Feststellung der Tatsache, daß wir Juden noch immer auf den Messias hoffen und an jedem Pessach sinnend und wartend die Türe öffnen, ohne die Ankunft des erhofften Messias triumphierend verkünden zu können. Aber deutlich und klar und nicht im Gleichnis wollen und sollen wir sprechen und Antwort geben. Darum sagen wir: die Messiasidee ist die Fähigkeit, ein Ideal zu haben, zu suchen und zu erstreben Der Menschheit ewiger Traum nach üiück und üröüe ist vom Judentum gewandelt worden in den Glauben an den Sieg des Guten. Zu allen Zeiten haben Menschen nach Großem, Herrlichem und Zeit Ueberdauerndem gestrebt. Jeder Stein einer ägyptischen Pyramide ist ebenso wie jedes goldene Kleinod, das aus einem Grabe aus Licht gefördert wird, ein Zeugnis dafür. Aber an jedem dieser Zeugen hängen ungezählte Tränen der Unterdrückten, klebt das Aechzen der Sklaven, das Blut von Hekatomben hingeopferter Menschen. Was immer die Völker Großes geschaffen haben, hat Menschen gekostet, ist auf einem Berge von Menschengebeinen aufgebaut. Nur jene Lehre vom Messias, jene Idee vom endlichen Frieden ist friedlich in die Welt getreten und will in Frieden und Leben ihre Verwirklichung finden. Darin liegt ihre Größe und ihre überragende Hoheit, weil sie nichts will als Frieden auf Erden, Frieden unter den Menschen. Darum aber haben sie bis heute die Völker nicht begreifen können und darum ist das Volk der Juden das einzige auf Erden, das an diesem Messiastraume — so möchte man sagen — festhält. Ja, es ist schier ein Traum der Gedanke, daß es eine Macht der Gerechtigkeit, des Glaubens und der Wahrheit ohne Schwert und Kampf, ohne Blutvergießen und Plündern geben soll. Um diesen Messiasglauben stritten sich die Menschen außerhalb und innerhalb des Judentums. Wie viele sind gekommen und haben behauptet, der Messias zu sein!? Mit List und Gewalt, mit Zeichen und tönenden Worten haben sie die Menschheit von ihrer Sendung überzeugen wollen, haben Anhänger und Gegner gefunden, haben Kämpfe entfacht und sind selbst Opfer ihres Treibens geworden, aber Frieden ist nicht m i t ihnen, sondern erst nach ihnen in die Welt wieder eingezogen, Trug und Täuschung offenbar geworden. Alles ist vergangen, der Messiasglaube ist geblieben, wie ein Schatz, den niemand heben kann. Sehnsüchtig blickt die Menschheit nach diesem Zeugen uralter Zeiten, aber keine Zeit besitzt den großen heiligen Menschheitsfrieden, der auf Gerechtigkeit und Treue, auf echter Gottesfurcht und reiner Gotteserkenntnis gegründet ist. Fast scheint es, als hätte es die Menschheit autgegeben, nach diesem Schatze weiterzusuchen, als wäre sie müde geworden, das Vermächtnis des Propheten ans Licht zu bringen! Nur wir Juden halten fest an dem Glauben, daß es noch einen großen Schatz gibt, der, aus der Vergangenheit stammend, Gegenwart und Zukunft beglücken kann. Nur wir Juden sind unentwegt in der Ueberzeugung, daß es ein Heil für alle Menschen gibt, das noch nicht da ist, das noch kommen muß. Ein Vater, so erzählt ein altes Gleichnis, sagte einst auf seinem Sterbebette zu seinen Söhnen: „In meinem Weinberg liegt ein Schatz begraben" — dann starb er. Gleich nach seinem Tode begannen die Söhne den Weinberg umzugraben, aber sie fanden nichts. So viel sie auch gruben, ein Schatz kam nicht zum Vorschein, nur der Weinberg brachte reiche Frucht, weil sein Boden soviel gelockert und umgegraben wurde. So arbeiteten und gruben die Söhne Jahr um Jahr. Sie fanden den Schatz nicht, wurden aber durch den Ertrag des Weinbergs reich, immer reicher, bis sie am Schlüsse ihres Lebens das Wort des sterbenden Vaters verstanden. Ihr Fleiß und ihre Arbeit hatte ihnen einen Schatz gebracht. Dem Gleichnis liegt der Sinn des Messiasglaubens zugrunde. Der Menschheitsfriede ist ein Schatz, den wir nur heben können, wenn wir alle unentwegt und fleißig im Weinberge des Vaters arbeiten. Nicht ein Grab werden wir öffnen, nicht Pyramiden erschließen, um diesen Schatz zu finden — nein! — auf unserem Grund und Boden, wo wir stehen und gehen, da ist zu arbeiten, rastlos und unermüdlich, und der Segen ehrlicher Arbeit, ehrlichen Strebens ist ein Schatz, der sicli finden läßt und der die Menschheit beglückt und befriedigt. Wir Juden haben den Spruch des Vaters vernommen, sein Vermächtnis tönt uns immer wieder in den Ohren, geht uns nicht aus dem Sinn. Arbeiten wir im Weinberg des Vaters, streben wir mit aller Macht, den großen Frieden der Menschheit zu fördern, zu Wachstum und Blüte zu bringen und wir arbeiten am Messiaswerke des Propheten, bis der Tag kommt, da die ganze Welt erkennt, was in Wahrheit Heil, Erlösung und Erdenglück aller Menschen ist. Arbeiten und schaffen erst alle Menschen in dieser Erkenntnis gemeinsam am Werke, dann hat das Wort Jesaias Wirklichkeit gewonnen, dann ist der Schatz gehoben, der in der Schatzkammer unserer Bibel ruht. Der Herr Premierminister hat das Wort Die Erregung über den Bericht des von der englischen Regierung eingesetzten Ausschusses zur Untersuchung der Unruhen in Palästina hat sieh nun, da dieses Dokument in seinem genauen Wortlaute vorliegt, nur noch vermehrt. Es sind jetzt Feststellungen der Kommission bekannt geworden, die wahrlich zu denken geben. Da sind zunächst die Mitteilungen über die Einstellung der Palästina-Regierung zurErriehtuiiK des „jüdischenNationalheim s". Es heißt diesbezüglich im Berichte: „Die Klage, daß düe Palästina-Regierung dauernd einen Mangel an Sympathie für die Errichtung des jüdischen Nationafflieimes gezeigt bat. und «tai i'hre Politik eins Politik der Schwäche gewesen ist, ist in hohem M a ß e auf die dem Mandat selbst innewohnenden Schwierigkeiten zurückzuführen, sowie auf das Unvermögen, die zweiseitige Natur der Politik, die die Regierung durchzuttilhren hat, rrchtig einzuschätzen. Es ist unsere Ansicht, daß die Regierung die schwierige Aufgabe' der Einnahme einer neutralen und unparteilichen Haltung zwischen zwei Völkern, deren Führer wenig Eignung zu Kompromissen gezeigt haben, nach besten Können erfüllt hat." Sehr bezeichnend sind die Feststellungen über die jüdische Arbeit und Einwanderung in Palä s ti n a. die viel von dem bestätigen, was einsichtsvolle Männer der Praxis seit

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