Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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MtprAVAHKttN T \ S.vtr 7 langjähriger Obmann er war. erblicke. Nachdem Kultusvbisteher M. Rath und Rabbiner Dr. Bach in warmen Worten die überaus zielbewußte -Tätigkeit des Vereinsyorstarides würdigten, hielt Obmannstellvertretcr Adcli Gesund an den neugewählten . Ehrenpräsidenten, mit dem er ■ jahrelang zusammenarbeitet, eine ausgezeichnete Ansprache' und .hob hervor, daß diese-Ehrung für Herrn 'Korntnelil die Verpflichtung bilde." seine hervorragenden Kräfte nach'wie vor in den Dienst des Vereines zu stellen, was der neugewähite Ehrenpräsident unter allgemeinem Beifall auch zusagte. Die humanitäre Trauerisektioh XIV., Storchengasse 21, veranstaltet am U. März 1930 um .^8 Öhr abends in den Mariensälen XIV., Reindorfgasse 3, «ine Künstlerakademie mit hervorragenden Kunstkräften, u. a. Frau Else Kaufmann, Herr Staatsopernsänger Arnold, Herr Ernst Davis. Das Keiner trägnis fließt dem Tempelbäufonds zu. Der israelitische Frauen - Wohltätigkeitsverein (XVIII., SchopenhauerstraGe 39) veranstaltet zugunsten notleidender Familien am 15. März, d. J. im F e s t s a a 1 e des Hotel „Continental", 11., Taborstraße 6, einen Vergnügungsabend (Purimfest) mit Tanz, unter Mitwirkung prominenter Kunstkräite und einer erstklassigen Jazzkapelle. — Mit Rücksicht auf die .gegenwärtig herrschende furchtbare Not, welche an den Verein die größten Anforderungen stellt, bittet derselbe um recht zahlreichen Zuspruch. Eintrittskarten sind bei allen Vorstandsdanien zu S 3.—, an der Kasse zu S 4.— •erhältlich. Neue Sprachschule. Montag, den 3. März d. J. wurde die neue, vom Wiener Stadtschulrat konzessionierte Schule für die englische und französische Sprache für weibliche Personen im „Dr. Kruger-neim , Wien II., Malzgasse 7, Telephon R 43-5-40 (10—12 Uhr und 3-5 Uhr) eröffnet. Kurse für Anfänger und Vorgeschrittene an Nachmittagen und Abenden. Spezielle Kinderkurse. Erprobte erstklassige Lehrerinnen. Billige Kursbeiträge. Mitteilung. Die in Wien so überaus beliebten S c h m i e d 1 s c h e n M a z z o t h, wie auch Grieß und Farvel sind Uberall erhältlich. Engros-Verschleiß und Hauptniederlage: j\. B r o d e t z k y, Wien II., Leopoldsgasse 39. Vorträge Vortragsabend Margarete Bach. /So oft Margarete Bach einen -Vortragsabend gibt, ist man von der Vielseitigkeit ihres großen Könnens aufs neue fasziniert. Unterstützt von einem wunderbar klangvollen, modulationsfähigen Organ.und seltener Sprechtechnik brachte sie .sämtliche Nummern des reichhaltigen Programms zu stärkster Wirkung, ohne je in die Gefahr hohler Deklamation zu verfallen". Unvergeßlich ihre vergeistigte, beseelte Hingabe an das Wort beim Sprechen der Bibeltexte, ein Meisterstück sondergleichen die Wiedergabe von Nietzsches „Mistral". Aber, wie so manche andere Tragödin, hat sie auch Sinn für Humor und erzielte mit Thaddäus Rittners ^Konzertsaal" einen großen, herzlichen Lacherfolg. Prof. Hugo Gottesmann belebte durch seine «die Geige den Abend. — Herr Agronom M. W e i n e r (Jerusalem), sprach jüngst über den „Anteil der österreichischen (sollte heißen: West-) Juden am Wettbewerb in Palästina" im Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Er führte u. a. aus: Lange vor den zionistischen Kolonisationsarbeiten gab es m Palästina vorbildliche Siedlungen. Höchst zielbewußt und zweckmäßig hat besonders der deutsche katholische Templerorden gewirkt Vor dem Kriege hat es ca. 50 größere Kolonien daselbst gegeben. Rischon le-Zion verdankt einigen reichen russischen Juden, viele andere dem Pariser Edmonde Rothschild ihre Gründung. Die „Alli- -ance israelite" erwarb sich ebenfalls große Verdienste. Durch diese jüdischen Siedlungen erwuchsen Arabern und Christen im Lande große materielle Vorteile. Die türkische Regierung hat es dankbar anerkannt, daß bei aufgetauchten Differenzen Rothschild sich nie an Frankreich, sondern an sie um Schlichtung wandte. Aus einer der ältesten, der Lämmel-Schule, einer österreichischen Gründung (durch Ludwig August F r a n k 1), ist später •das Seminar hervorgegangen. Das Mandat bedeutete für England den Vorwand für die Besitzergreifung des Landes, wobei einige Begünstigungen für die Juden abfallen sollten. Der Pogrom vom Jahre 1920 diente England dazu, deutlich die Juden wissen zu lassen, daß sie absolut keine Ausnahmsstellung gegenüber den Arabern einnehmen können und dürfen. Bei gleichgebliebenem Bodenertrag war nach dem Kriege eine ganz ungerechtfertigte Verteuerung der Lebensmittel entstanden. .Zwangs- und Kollektivwirtschaft, in diesem Lande ganz unangebracht, haben den größten Schaden angerichtet; die Schulden wuchsen auf 800.000 Pfund an. Die Leitung der Zionistischen Organisation hat durch ihre Fehler die Krisen verschuldet. Sie hat sich grundsätzlich, um die Religion nicht gekümmert. Der Aufruf Weizmanns an die - nichtzionistische Judenschaft, namenlüui . Amerikas war Zwangsschrilf. da kein anderer Ausweg möglich. •Man hatte sich auch nie vernünftigzu den gegnerischen Strömungen der Araber und .der christlichen Umgebung 2U stellen verstanden. Zur Rettung aus., der gegenwärtigen Situation ist eine Systemänderung notwendig. Geld, ist nicht die Hauptsache.; ivlan muß gan* ohne Macht-•■•"und MajonsierungSäcreben, rein wirtschaftlich das Interesse am Autbau betätigen, bescheidener und ohne die „amerikanische", traponüeranz zu üben. Die palästinensischen oaniien» üie m jüdischen Händen sind, können unschwer die Industrie, die heute nocii zumeist von den Templern finanziell''beherrscht wird, gleicherweise wie die immer aussichtsreiche Bodenproduktion iördern, wenn die Leitung jede politische Einseitigkeit vermeidet — Im Rahmen der vom Maimonides- Institut an der Wiener Universität (Hörsaal 37) veranstalteten Vorträge sprach am 26. Februar Rabb. Dr. A. Kaminka über „Die Ethik im Talmud". Der Talmud ist durchaus keine kodifizierte Gesetzessammlung, er stellt eine. zwanglose Wiedergabe der Regungen des damaligen Gewissens von sittlichem Ernst dar. Die Evangelien, welche eine ebenso große Autorität wie Verbreitung fanden, geben eine ganz talsche Vorstellung von den Pharisäern. Dies wird in überzeugender, wissenschaftlich fundierter und unwiderlegbarer Weise an der Hand der Parabel von Jesus und dem Zöllner aus dem Evangel. Lucas, Kap. 18 bewiesen, von dem jeder Satzteil eine Unmöglichkeit darstellt. ..Zwei Männer stiegen zum Tempel hinauf, um zu beten: der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer betete für sich: „O Gott, ich danke Dir, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin, . die Diebe, Frevler und Ehebrecher, auch nicht wie dieser Zöllner". Hillel, die zeitgenössischen Pharisäer als Verfasser der „Sprüche der Väter, der Talmud in Suts 22" enthalten die schärfste Verurteilung des Eigendünkels und des Selbstlobcs. ..Ich iaste zweimal in der Woche; ich gebe den Zehnten von Allem, was ich besitze." Speziell im Gebet empfiehlt der Talmud Demut: Man zeige uns in der gesamten Gebetliteratur der Welt eines, das dem zu Beginn der Morgenandacht vorgeschriebenen gleichkommt: „Herr der Welt! Nicht auf unsere Tugenden stützen wir uns, da wir Dir unsere Bitten vortragen, wohl aber auf Deine grenzenlose Milde. Wer sind wir? Was ist unser Dasein, unsere Frömmigkeit, unser Verdienst, was unsere Schätze, unsere Macht und Stärke? Was vermögen wir. Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter vorzubringen? JaT Vor Dir sind Nichts die Helden, Menschen von Ruhm, als existierten sie nicht; die Weisen des Wissens beraubt: Männer von Geist ohne Einsehen: denn die Mehrzahl ihrer Handlungen sind eitel, die Tage ihres Lebens nichtig vor Dir und der Mensch ist nicht erhaben über das Tier, denn alles ist eitel!" Das viel später entstandene „Olenu" hatte im Mittelalter seine besondere 'Aufgabe, das Selbstbewußtsein der Erniedrigten zu stärken. Die Pharisäerzeit kannte solche Mentalität: nicht. „Der Zöllner hielt sich bei Seite, er wagte kaum die Augen zum Himmel zu erheben: er schlug sieh jedoch an die Brust und sprach: Mein Gott, habe Mitleid mit mir. der ich ein Sünder bin. — Ich sage Euch, daßdieser heimkehren wird als gerechtfertigt, und nicht jener: denn wer. sich erhöht-, wird erniedrigt - werden* ,uud wer, sich, erniedrigt, erhöht." Zöllner werden .im; Talmud mit den Schwerverbrechern, Räubern und Dieben gleichgestellt, — n*.eh seiner Auffassung ist selbstauferlegtes Fasten keine Tugend; die Einhaltung der Verpflichtung, den Zehnten abzugeben. — das Minimum, das sehr oft überschritten wurde — gibt kein Anrecht, darauf stolz zu sein. Wenn jemand, der an seinen Mitmenschen Verbrechen begeht, nicht vorher diese gut macht, bevor er an Gott mit der Buße herantritt, ist dies kein taugliches Beispiel einer höheren Moral. Der Spruch „Wer sich erniedrigt, wird erhöht", stammt von Hillel! Nur um die Zeit, die Jesus nicht anerkannt hat, schlecht zu machen, sind falsche Anschuldigungen gegen die Pharisäer später erhoben hat die Unhaltbarkeit dieser Ansicht erwiesen. Die, neuere Forschung, namentlich des Engländers Herford haben die Unhaltbarkeit dieser Ansicht erwiesen. Die, übrigens gut besuchten Vorlesungen verdienen eine stärkere Würdigung. Med.-Rat Dr. 11 Haase. Linz a. d. D. Samstag, den 22. Februar d. J., hielt über Einladung des israelitischen Humanitätsvereines „Ehrmann" in Linz Herr Reg.-Rat Prof. Dr. Ludwig Singer aus Wien im Vortragssaale des Kaufmännischen Vereinshauses einen allgemein zugänglichen Vortrag über das Thema „Schule und Unterricht im Spiegel der schönen Literatur um 1900". Der Vortragende zeigte in geistvoller Weise, daß die heutige Schulreform schon vor ihrem offiziellen Auftreten bereits von Schriftstellern und Dichtern erschaut und gefordert wurde, und führte an der Hand der bedeutendsten Dichtungen, Novellen und Romane, welche die Schuirrage behandeln, in fesselnder und hochinteressanter Weise alle wichtigen Fragen über das Verhältnis von Schule, Lehrer, Unterricht Schüler und Eltern vor. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte das zahlreiche Auditorium seinen ernsten, mitunter auch heiteren Ausführungen und spendete dem Vortragenden reichen und wohlverdienten Beifall. Siteratur Louis Brandeis*). Das Lebensbild eines großen Juden unserer Zeit. So schätzen ihn auch die Nichtjuden ein: „Braudels ist der größte Jude seit Jesus" rief ein Senator aus und Woodrow Wilson berief ihn in den Supreme Court of U. S. A., in das höchste Gericht eine Ernennung auf Lebenszeit Als Sproß alten Prager jüdischer Aristokratie, der bekannten Familie Brandeis und des Frankisten Dr. Dembitz wurde Brandeis in Louisvilte im Jahre 1856 geboren. Reisen in der Jugend nach Deutschland. Besuch der Schule in Dresden gaben ihm etwas von der alten Kultur Europas. Mit 21 Jahren verließ er die Harward- Universität wo der Rektor erklärte, er sei der beste Student seit je gewesen und dieser Rekord wurde bis jetzt nicht gebrochen. Frühzeitig beginnt er mit seiner AnwaLtspraxis. Ebenso frühzeitig wirü er ein Verteidiger des Schwache! eu gegen den Stärkeren. „Das Erbe im Blute." Er ficht iür die Gleichberechtigung der Frauen, iür das Recht der Arbeiterorganisationen, iür den Konsumenten, gegen die Trusts. „Der Auwalt der Masse" wird er genannt. .. parkasseu- und Versicherungsgesetze sind ihm zu vc-uuuice». in dieser Richtung geht sein Interesse, litis von WEson zum Justizminister ausersehen. Seine Gegner die Trusts, sind noch stark. Doch 1016 wird er in die höchste richterliche Stellung berufen. So spielte sich sein Leben ieni vom aktiven Judentum ab. Seine erste Berührung mit derjüdischen Masse: 1910. Schiedsrichter im Rocknäher-Streik. Er beschäftigt sich mit iüdiöcher Geschichte, wird Zionisc Wird bald der Führer. Ein ungewöhnlich anspruchsvoller Führer» der seine Aufgabe sehr ernst nimmt. Er denkt an die Arbeit nach dem Kriege. Die Balfour- Deklaration ist zum großen Teil - ihm zu verdanken. Wie er nach dem Kriege nach Palästina kommt und durch seinen Einfluß eine Wandlung in der antisemitischen Militärverwaltung herbeiiütora, wie er großzügige wirtschaitliclie Auibaupiäne in die Tat umsetzen will, wird er durch die Intrigen Weizmanns, der den Keren Hajessod statt dessen gründet, daran gehindert. Braudels zog sich angewidert von der moralischen Korruption zurück und der Schauen, den Weizmann damals' verursacht hat, kann kaum wieder gutgemacht werden. Die letzten Ereignisse in Palästina haben Brandeis veranlaßt, wieder in den Vordergrund zu treten. Interview mit Mac Donald, Rede in Washington. Die Honnungen der über die Unfähigkeit der Londoner Exekutive stark deprimierten palästinensischen Judenhedt sind an seinen Namen geknüpft. Das Buch ist somit von höclister Aktualität und wird allen willkommen sein, die einen großen Mann und seinen Char-akter kennen lernen wollen. K. G. Rudolf Reinhard, Weltwirtschaftliche und politische Erdkunde. 6. umgearbeitete Auflage. Leinen Mk. 7.80. Ferdinand Heß-Verlag, Breslau 19'9. Eines von jenen Büchern, das jedem willkommen sein wird, der nach einem tieferen Verständnis weltwirtschaftliche Zusammenhänge und ihm natürlichen Grundlagen folgt Reinhards Buch ist eines von den Büchern, die modernen Menschen not tun, die ihnen modernes Wissen nahe bringen, ohne flach populär zu werden. Es ist genau so geeignet für den Hochschulgebrauch wie für den Leser, der sieh über die wirtschaitlichen Tatsache« der Erde unterrichten will. Durch die Ausstattung des Buches mit vielen Diagrammen, Karten und Skizzen wird die Lektüre lebendig gehalten. Die Darstellung ist bei aller Knappheit wohltuend flüssig und lesbar. K. G. 3mttict)e Veffdutöarungen der JsraefitiscQen Xuftusyemeinöe Wim Aufruf? Unter den vielen Arbeitslosen, die durch die Ungunst der Verhältnisse in fürchterlicher Not leben, beiludet sich eine große Anzahl jüdischer Arbeitskräfte und jüdischer Kriegsbeschädigter, denen es doppelt schwer fällt. Erwerbsmöglichkeit zu finden. Der Vorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien richtet an die Gemeindemitglieder den dringenden Appell, bei Bedarf von Arbeitskräften aller Art auch der jüdischen Kriegsbeschädigten und der arbeitslosen jüdischen Angestellten und Arbeiter zu gedenken. Die Fürsorgestellen der Israel Kultusgemeinde haben jeweilig eine große Zahl Arbeitssuchender in Vormerkung. Vorkommenden Falles wolle denselben eine etwaige Vakanz bekanntgegeben werden. Predigten in den israelitischen Gemeinde- und Bezirkssynagogen. Freitag, den 7. März 1930, werden bei dem um 5 Uhr 50 Minuten beginnenden Abendgottesdienste in nachbenannten Gemeinde- und Bezirkssynagogen Predigten abgehalten, und zwar: II., Tempelgasse 5 (Rabbiner Dr. M. Grunwald); V., Siebenbrunnengasse \ a (Rabbiner Dr. M. G. M e h r e r); VI., Schmalzhofgasse 3 (Rabbiner Dr. J. D r o b i n s k y); VIII., Neudeggergasse U (Rabbiner Dr. M. Bauer); XV., Turnergasse 22 (Rabbiner Dr. I. Taglicht); XVI., Hubergasse 8 (Rabbiner Dr. J.. M. B a c h). Samstag, den 8. März 1930, findet beim Morgengottesdienste (Beginn 8 Uhr 30 Min.) im Gemeindetempel XVIII., Schopenhauerstraße 39 (Rabbiner Dr. D. Feucht w an g) ein exegetischer Vortrag statt. *) Louis D. Brandeis. Eine Biographie. Jacob de Haas. Bloch. Publishing Co. Dollar 3.—. New York. Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag den 8. März 1930, um 3 Uhr nachm., findet der Jugendgottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirkssynagogen statt.