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Die Wahrheit · 1930-02-07 · Heft 6 (7.2.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 6 (7.2.1930)
Date
1930-02-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Ersdbeint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien iffllHIIIIIIIIIIIIIIIIM Die UUrU Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLVI. Jahrgang_____Wien 7. Februar 1930 Nummer 6 yy Zu Nutz und Frommen jener unserer Glaubensgenossen, die noch immer der Meinung sind, daß die Heimwehrbewegung nur eine antimarxistische und nicht auch eine radikal antisemitische sei, diene der folgende Bericht über eine V e rsammlungssprengung, die von den Tageszeitungen ziemlich wenig beachtet wurde, uns Juden aber eine Lehre dafür sein kann, was der eigentliche Kern der ganzen vorgeblich nur antisozialistischen Aktion ist. Im Herbst des Vorjahres wurde bekanntlich neben dem militanten „He i m a t s c h u t z" in Wien mit großem Aplomb ein „H e i m a tb u n d" gegründet, der unpolitisch, überparteilich und interkonfessionell zu sein vorgab. Man hatte schon damals seine Bedenken gegen diese Gründung, deren Zweck augenscheinlich nur darin lag, gewisse bürgerliche, insbesondere j ü d ische Kreise, denen der Militarismus der Bewegung nicht recht gefiel, für diese sogenannte „zivile Formation" der „Heimwehr'' zu gewinnen. Die Sache schien einzuschlagen, denn der „H e i m a t b u n d" zeigte eine starke Intensität, seine Versammlungen waren recht gut besucht. Insbesondere die ihm angegliederte Gewerbesektion erwies sich als .sehr rührig, in ihrer Leitung taten auch einige Juden, namentlich Herr Hitschmann, aktiv mit. Dieser war. der „Paradejude" der Bewegung, wenn er sprach, verkündete ,,I) i e Freiheit" immer stolz: „Der Jude Hitschmann hat gesprochen." Vor einiger Zeit gab es nun in der Leitung dieser Gewerbesektion einen großen Krach, eine Anzahl ihrer Mitglieder, darunter Herr Hitschmann, traten aus. Als Grund für diesen Aufsehen erregenden Schritt wurde angegeben, daß diese Herren zu der traurigen Erkenntnis gekommen seien, daß der angeblich unabhängige „Heimatbund" in Wirklichkeit von dem militanten „Heimatschutz", insbesondere von dem unrühmlich bekannten Herrn Major Pabst abhängig sei. Er, der den mörderischesten Bürgerkrieg in Deutschland angezettelt und, unter einem falschen Namen, hier die Soldateska einführte, gab auch dem „Heimatbund" die Direktiven, nach denen er alle seine Schritte lenken müsse. (Z. B. wurde den Rednern des „Heimatbundes" vom Major Pabst, dem die Verfassungsreform nicht paßte, befohlen, deshalb gegen Bundeskanzler Schober, den „Packler", in schärfster Weise Stellung zu nehmen.) Die nun folgenden Streitigkeiten, entfesselt durch „Enthüllungen" von beiden Seiten, gehen uns Juden herzlich wenig an. Die Ausgetretenen gründeten einen „0 e s t e r r e ichischen Wirtschaftsbund, Demokratische Partei" (nicht zu verwechse 1 n mit der „Demokratischen Mittel-Parte i") und hielten Donnerstag, den 30. v. M. ihre erste Versammlung ab. Der Besuch dieser Versammlung wäre allen jenen Juden zu empfehlen gewesen, die nicht sehen oder nicht sehen wollen, was in Wirklichkeit die Heimwehrbewegung darstellt. Schmutzige Wäsche. Schon lange vor Beginn der Versammlung war der Saal von Angehörigen des „Heimatbundes" unter Führung eines seiner Sekretäre, Herrn Appell, besetzt, zu deren Charakterisierung wohl der Hinweis genügen dürfte, daß man bei ihrem Anblick stark die Empfindung hatte, die Herrschaften seien am Vormittag des gleichen Tages bei der mißglückten Kommunistendemonstration am Ring aufmarschiert und am Abend zu einem anderen glücklicheren Krawallunternehmen beordert worden. (Die ganz unverhohlene Verteilung von Tramwaykarten an diese Elemente bestärkte uns in dieser Empfindung.) Der Versammhingsbeginn verzögerte sich so sehr, daß den radaulustigen „Heimatbündlern" die Sache langsam zu fad wurde, und eine ihrer Führerinnen, eine Frau Ü 11 e, die Versammlung im Namen des „Ileimatbundes" eröffnen wollte. Als sie. die schon triumphierend auf dem Podium stand, von kompetenter Seite darauf aufmerksam gemacht wurde, daß die Versammlungseröffnung nur den Einberufern zustehe, zog sie vom Podium ab und gab, anscheinend empört über ihr Mißgeschick, das Signal zu einer wüsten antisemitischen Schimpferei, wie man sie ähnlich empörend kaum in einer nationalsozialistischen Versammlung zu hören bekommen mag. Frau 0 11 e gebürdete sich wie tollwütig, sie rief anwesenden jüdischen Damen zu: „Geht's nach Palästina! Wir lassen uns nicht mehr von den Juden aussaugen! usw." Daß angesichts eines solchen radauantisemitischen Verhaltens einer F ü h r e r i n die anwesenden „Heimatbündler" sich nicht weniger vornehm benahmen und Frau Otte in der Betätigung „interkonfessioneller" Liebenswürdigkeiten nicht nachstanden, braucht nach der obigen Charakterisierung dieser Elemente nicht erst betont zu werden. Die judenfeindliche Hetze erreichte ihren Höhepunkt, als die Versammlung von den Einberufern eröffnet wurde, und schließlich mußte Wache einschreiten, um die Ruhestörer an die frische Luft zu setzen, die mit den lauten Rufen „Hoch Schober!" und „Nieder mit den Juden!" abzogen, froh, ihr verdienstliches Werk vollbracht zu haben. Nach Entfernung der Ruhestörer wurde die Versammlung wieder aufgenommen, es waren vom „Heimatbund" nur mehr „gemäßigte"*) Herren, darunter der jetzige Obmann der Gewerbesektion, Herr K r o n e i s, zurückgeblieben, die sich aber auch nicht enthalten konnten, immer und immer wieder judenfeind- *) Wie wenig Anklang diese „Mäßigung" bei den offiziellen Heimwehrlern findet, beweisen mit genügender Deutlichkeit Flugblätter des Verbands „Deutsche Wehr" im „Heimatschutzverband" Wien, die man bei der Anti-Breitner-Kund- Kt-bune am letzten Sonntag massenhait verteilte. In dem Flugblatt steht wörtlich: „Völkisch stehen wir auf dem Rasse n Standpunkt. Es gibt daher für uns keinen Unterschied zwischen „anständigen" oder „bodenständigen" und „unanständigen" Juden ... Krankheitserscheinungen entarteter Wirtschaftsformen eines vereideten Staates." a liehe Zwischenrufe zu machen. Sie waren so „taktisch", dabei Unterschiede zwischen „bodenständigen" und „polnischen" Juden festzustellen, oder wie ein besonders Hyperkluger es tat, zwischen „alten" und „neuen" Juden zu differenzieren. Herr K r o n e i s sah sich sogar wegen der ihm gewiß unangenehmen Vorfälle veranlaßt, in seiner Gegenrede auch die „Judenfrage" zu berühren, er tat dies in folgender bezeichnender Weise: „Die Wiener sind alle Antisemiten. Das sind sie schon seit Luegers Zeiten. Ist es den Juden damals schlecht ergangen? Die Christen machen doch Geschäfte mit den Juden, kaufen bei ihnen usw." Kein Wort der Entschuldigung brachte Herr K r o n e i s wegen der skandalösen Judenhetze der „interkonfessionellen Heimatbündler" vor, mit keinem Worte erwiderte er, der sonst jeden Angriff zu parieren versuchte, auf die Mitteilung Hitschmanns, daß im „Heimatschutz'* der Arierparagraph eingeführt sei. Als Herr K r o n e i s nach der Versammlung vom Schreiber dieser Zeilen, der als Gast anwesend war, wegen der empörenden Vorfälle zur Rede gestellt wurde, da erklärte er, daß er zur Verhütung solcher Ereignisse in die Versammlung gekommen sei. Es entwickelte sich darauf vor zahlreichen Zeugen folgendes interessante Gespräch: 0. H.: Diese Verhütung ist Ihnen, Herr Obmann, aber nicht gelungen. K r o n e i s: Dafür werden Sie morgen in der Bundesführung hören, was ich dazu zu sagen habe. O. H.: Das werde ich nicht können, denn ich gehöre Ihrer Bundesführung nicht an. Ich möchte das lieber morgen in der „Freiheit" lesen. Kroneis: Wir waschen unsere schmutzige Wäsche zu Hause. Diese Antwort eines im „Heimatbunde'4 maßgebenden Führers ist für die Mentalität dieser Herren bezeichnend. Bei ihnen ist die Judenhetze nur „schmutzige Wäsche, die zu Hause gewaschen werden muß". Sie werden schon wissen, warum sie das so schön heimlich tun. Abgesehen von den jüdischen Geldgebern finden sich in ihren vorderen Reihen auch Juden und aus dem Judentum Ausgetretene, auf die gehörige Rücksicht genommen werden muß. Wir sehen in dieser illustren Korona vor allem Herrn Sandor Weiß, der jetzt rechts versucht, was ihm links mißlungen, weiters den aus dem Judentum ausgetretenen Herrn Dr. Weisl, den Bruder des radikalen Zionisten Dr. Wolfgang Weis), der seinem Bruder wahrlich keine Ehre macht. Da muß der „interkonfessionelle Heimatbund" doch sehr vorsichtig sein. Ob es auch unsere mit ihm noch sympathisierenden Glaubensgenossen sein müssen, wagen wir füglich zu bezweifeln. O. H.

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