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Die Wahrheit · 1926-12-10 · Heft 51 (10.12.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 51 (10.12.1926)
Date
1926-12-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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beftö 2 DIE WAHRHEIT Nr. 51 Eigenschaft sich ausführlich zu der ganzen Angelegenheit zu äußern gehabt. Der Ausdruck „übertölpeln" ist also barer Unsinn. Auf dem gleichen Niveau steht die Behauptung der „Wiener Morgenzeitung", Justizrat Sonnenfeld hätte versucht, „dem Minister die Ueberzeugung beizubringen, daß ein Zionist als Beamter nicht unbefangen urteilen könne, daß er unwürdig des Vertrauens, also unwürdig seiner Stelle sei". Auch davon kann natürlich keine Rede sein. Justizrat Sonnenfeld hat lediglich den Minister darauf aufmerksam gemacht, daß in der zur Erörterung stehenden Frage Ministerialdirektor Dr. Badt Partei sei und daß deshalb, aus der Besorgnis der Befangenheit heraus, er als entscheidender Beamter in dieser Frage abzulehnen sei. Das war nach unserer Ansicht nicht nur das Recht von Justizrai Sonnenfeld, sondern da ihm die Vertretung der Berliner Wahlproteste obliegt, sogar seine Pflicht. Es kann ja gar keinem Zweifel unterliegen, daß im umgekehrten Fall, wenn also ein entschieden antizionistischer Beamter an Stelle des Herrn Ministerialdirektors Dr. Badt gesessen hätte, die Zionisten sich ebenso verhalten hätten wie Justizrat Sonnenfeld. Der Ton in dem Artikel „Die Herbstzeitlosen" der „Wiener Morgenzeitung" und die Ausdrücke „Israeliten, denen die Angst vor dem Zionismus die Besinnung genommen hat" oder „Grenzlinien, wo die politische Gegnerschaft zum Verbrechen an der Gemeinschaft wird" oder „Skrupellosigkeit, mit der die Waffe der Denunziation angewendet wird" reihen sich würdig der gewohnten Kampfesweise dieses „einzigen jüdischen Weltblattes" an. Und nun zu dem Berichte der „Wiener Morgenzeitung" über die aus Anlaß des Streitfalles auf dem zweiten Verbandstag des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden entstandene Debatte. Hier muß sie wohl de- und wehmütig zugeben, daß die von der jüdischnationalen .Volkspartei, der sich die Mittelpartei und die Konservativen, wenn auch in vornehmer Form, anschlössen, beantragte Mißtrauensresolution gegen den Präsidenten des Verbandstages, Justizrat Dr. Sonnenfeld, mit einer überwiegenden Stimmenmehrheit abgelehnt wurde. Dies ist, abgesehen von der Stärke der liberalen Fraktion des preußischen Landesverbandes, die schon früher ohne jeden Fraktionszwang einstimmig beschlossen hatte, daß der Brief keinerlei Grund für Justizrat Sonnenfeld darstelle, auf die Leitung der Geschäfte zu verzichten, und ihn gebeten hatte, ungeachtet der gegen ihn gerichteten Angriffe sein Amt fortzuführen, kein Wunder, wenn man diese phrasengeschwollene Resolution genauer durchliest. Denn mit Redensarten, wie z. B. „es werde auch den Tendenzen auf Ablehnung jüdischer Richter und Verwaltungsbeamte Vorschub geleistet", kann man vielleicht auf Dumme Eindruck machen, dem Denkenden aber wird klar sein, daß selbstverständlich ein Richter, ganz gleich, ob er Jude ist oder nicht, aus der Besorgnis der Befangenheit heraus nie in einer Sache urteilen kann, in der er selbst Partei ist. Diese Erkenntnis gehört zum Abc unseres Rechtslebens. Und wenn die Zionisten diesen Vergleich heranziehen, so zeigen sie damit am besten die Unmöglichkeit der Mitwirkung des Herrn Dr. Badt an der Bearbeitung der Wahlproteste im Ministerium. Ilm! Feuilleton [fapi Freie Bahn dem Tüchtigen! „Wenn du weißt, daß unter ihnen tüchtige Männer sind, so setze sie zu Oberaufsehern der Herden, die mein sind." I, 47, 6 Keinem Volke oder Lande bleiben dauernd Unglück und Not erspart Grund und Ursache solcher Heimsuchungen sind anscheinend belanglos, die traurige Tatsache wiegt schwer genug, daß es schlecht geht, man sich mit Mangel und Entbehrung abfinden muß, und das Uebel sich nicht fortzaubern läßt Einen solchen Fall aus der Geschichte Aegyptens erzählt die heilige Schrift Die sieben Jahre der Hungersnot sind im Gange, alles leidet verarmt und verelendet unter dem Drucke der Zeit In begreiflichem Selbsterhaltungstriebe werden die Menschen engherzig, sperren die Grenzen des Landes geben nichts her von dem, was sie haben, lassen niemand herein und weisen sogar Fremde und Nichteingeborene aus. Es vollzieht sich eine Staatsweisheit die in Selbstsucht und Egoismus erschöpft, weil sie glaubt, das Unh3ii so am besten mildern zu können. Die führende Person im alten Aegypten ist Pharao, der in seiner Angst vor den Träumen und in dem Glauben an die Traumdeuter fürs erste recht rückständig erscheint bei näherer Betrachtung aber alle Aufmerksamkeit verdient ja sogar sich als bevorzugter Regeratentypus zeigt Pharao ist nämlich ein Mann, der tüchtige Männer zu suchen und zu halten versteht. Kaum hört er die Deutung Josefs und dessen Vorschläge zur Behebung der drohenden Not, so ist er auch schon für diesen Mann eingenommen. Die Sache gefiel dem Pharao, und er weiß keinen weiseren und klügeren Mann als Josef. „Du seiest über mein Haus gesetzt", ist sein augenblicklicher Entschluß. Dieser König fragt nicht nach Geburt und Heimat, nicht ob Inländer oder Ausländer; für ihn ist die Persönlichkeit und ihr Können ausschlaggebend. Als dann die Brüder Josefs kamen, um im Lande zu wohnen, zu essen und zu verdienen, um sich ansässig zu machen, war sein erstes Wort: „Wenn du weißt, daß unter ihnen tüchtige Männer sind, so setze sie zu Oberaufsehern über die Herden, die mein sind." Das ist wahrhaft das Wort eines weisen Königs. Die beste Hilfe in der Not sind tüchtige Menschen, die man brauchen kann, und die auch etwas leisten. Wenn darum der Talmud sagt: „Die Aegypter haben die Israeliten nur deshalb hereingelassen, weil sie sie brauchten", so ist das kein Tadel, sondern ein Lob für den König und das Land, weil es die Leute, die brauchbar sind und Nutzen bringen, nicht verstößt aber es ist auch ein Lob für die Israeliten, deren Nützlichkeit für Land und Leute damit festgestellt ist. PhaTao wußte aber nicht nur tüchtige Leute festzuhalten, sondern mehr noch, geleistete Dienste anzuerkennen, und der Wohnsitz im besten Teile des Landes und die Verpflegung in allen Jahren der Hungersnot, die den Brüdern Josefs zugesichert sind, bieten den deutlichen Beweis dafür. Weniger erfreulich endet die Geschichte. „Es kam ein neuer König, der Josef nicht kannte, nicht kennen wollte." Der Pharao ist gestorben, Josef ist gestorben; die Verdienste sind dahin, vergessen ist die Tüchtigkeit. „Ein neuer König", das heißt, so sagen die Alten, „neue Gesetze, Anschauungen, Verhängnisse". Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu. Das schöne Wort von „der freien Bahn dem Tüchtigen" ist aus der Not geboren. Ist Druck und Not gewichen, zerschmilzt dieser Grundsatz wie Schnee an der Sonne. Zwei tüchtige Männer hat Israel in Aegypten auftreten lassen: Josef und Moses. Den ersten hat die Klugheit eines Königs erkannt den zweiten die Verstocktheit eines Königs vertrieben. Wie anders hätte sich die Geschichte Aegyptens gestaltet, hätte der zweite König Moses so behandelt wie der erste den Josef. Der erste Pharao besaß das große Geheimnis einer glückbringenden Regierungskunst; er wußte, es hängt viel von "einem Manne, ja alles von dem richtigen Manne ab, und wußte solchen Mann mit allen Mitteln festzu-

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