Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 46 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 46 Seite 11 mung, denn dies wäre töricht gewesen, er war seinem Schicksal dankbar, daß er ein Sohn dieses Volkes war. Weil er dankbar war, verhehlte er sein Judentum nicht. Als er am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn nach Wien kam, da verlängte man zum Eintritt in die Hallen der Universität noch nicht die behördlich konzessionierte Falschmeldung, das, was Heine den „Passierschein" durch die Welt nennt. Er, der böhmische Dorf jude, kam nach Wien, stellte sich hin, so klein wie er war, und sagte: „Hier stehe ich, Salomon Ehrmann, so bin ich und das kann ich." Er stieg von Stufe zu Stufe und je höher er stieg, ein desto bewußterer Jude w urde er. Ueberall, wo es galt, das Judentum zu vertreten, da war Ehrmann zu finden. Lange Jahre gehörte er dem Vorstand der Kultusgemeinde an. Er war Präsident des jüdischen Humanitätsvereines B'nei B'rith, zahlreicher anderer Humanitätsvereine, förderte eifrig die jüdischen Studenten.^ kurz, wo man ihn brauchte, war Salomon Ehrmann zu finden." Sodann trat der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Prof. Dr. Alois Pick an die Bahre Professor Ehrmanns und schilderte in tiefbewegten Worten, was Salomon Ehrmann :der Wiener Judenschaft gewesen ist und was sie durch seinen Tod verloren hat. „Für Professor Ehrmann war das Judentum eine Weltanschauung, von der er bis in die tiefsten Wurzeln seiner Seele durchdrungen war und die sich auch in seinen Handlungen in der herrlichsten Weise offenbarte. Achtzehn Jahre war Prof. Ehrmann Vorstandsmitglied unserer Gemeinde, in welcher er unermüdlich und beispielgebend gewirkt hat, speziell hat er in der Spitals-, Unterrichts- und Historischen Kommission unserer Gemeinde ganz Hervorragendes geleistet. So sehr wir den Heimgang dieses außerordentlichen Mannes beweinen, wir müssen doch sagen, Professor Ehrmann war ein glücklicher Mensch, denn es war ihm vergönnt, bis an die Grenze des Lebens in voller Rüstigkeit Wertvolles zu vollbringen und Edles zu schaffen. Sanft ist der Tod an ihn herangetreten und schmerzlos ist er von uns geschieden. Wir aber werden ihm stets ein ehrendes und dankbares Gedenken bewahren." Im Namen der Wiener medizinischen Fakultät hielt Dekan Professor Dr. M a r e s c h dem Verstorbenen einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er von ihm als einen der treuesten Bewahrer der großen Tradition der Wiener medizinischen Schule, einen vorzüglichen Mehrer des Weltrufes der Wiener medizinischen Fakultät, einen hervorragenden Lehrer, einen tüchtigen Arzt und einen herzensguten und edlen Menschen in warmen Worten Abschied nahm. „Seine lautere Persönlichkeit sichert ihm die Verehrung seiner Kollegen, sein großes Wissen und erfolgreiches Wirken die Dankbarkeit seiner Schüler. Sein Leben war im Sinne des Psalmisten köstlich, voll Mühe und Arbeit, aber, wie ich gleich hinzufügen möchte, voll erfolgreicher Mühe und ersprießlicher .Arbeit. Lange hat er gelebt, ohne sich zu überleben, bis in die letzten Tage war sein Trachten und Arbeiten dem Dienste der .Wissenschaft geweiht. Für all das dankt ihm die Fakultät, die schweren Herzens von ihm Abschied nimmt." Namens der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, deren Vorstandsmitglied Prof. Ehrmann seit vielen Jahren gewesen ist, sprach Universitätsprofessor Dr. Arzt, der dem Verstorbenen die letzten Grüße der Gesellschaft überbrachte: „In ihm verliert die Deutsche Dermatologische Gesellschaft eines ihrer tätigsten und hervorragend- _sten Mitglieder, einen Mann, dessen Wesen und Wirken beispielgebend für die kommenden Generationen ist." Nachdem Dr. Schnabel im Namen des österreichischen Verbandes der B'n e - B'r ith-Logen von Professor Dr. Ehrmann in Worten tiefsten Schmerzes Abschied genommen hätte, überbrachte Dr. Felix K o h n die letzten Grüße der .Loge „Wien", der der Verstorbene durch, drei Jahrzehnte angehört hat. „Wie Salomon Ehrmann", führte Dr. Felix Kohn aus, „der Loge .Wien' einen großen Teil seines Lebens geschenkt hat, so verdankt ihm die Loge „W i e n" ihrerseits .einen großen Teil ihres Lebens. Nein, Professor Ehrmann, wir nehmen nicht Abschied von dir, lieber Bruder, denn wir .wollen stets im Geiste mit dir vereinigt bleiben, die Macht, die lins aneinanderkettet, ist stärker als die Vergänglichkeit!" Es sprach sodann namens der deutschen G r o ß 1 o g e Oberrabbiner Professor Dr. Leo Bäck, der in seiner Rede unter anderem ausführte: „Wenn es gilt, das Menschliche im Jüdischen und das Jüdische im Menschlichen darzustellen, dann könnten wir auf Professor Ehrmann blicken und mit ihm rechnen. Er kannte keinen Widerspruch zwischen Mensch und .Herz, er war gut und klug zugleich. Sein Name wird fortleben auch in dem großen Kreis der deutschen B'ne-B'rith- Uogen." Sodann überbrachte der Großpräsident der tschechoslowakischen Großloge, Dr. Popper, dem *Versfbrberieri die letzten Grüße der tschechoslowakischen Logen und seiner Heimat. Hierauf sprach in Vertretung des verhinderten Präsidenten der polnischen GroSloge Hotrac Dr. Frankfurter. Als letzter nahm Professor Oppenheim im Namen der Schüler von dem Verstorbenen Abschied und sagte: „Dein großes Wissen und Können, dein schöpferischer Sinn, der sich nicht allein in der Kritik, sondern auch in aufbauender Arbeit betätigte, bereitete uns viele schöne Stunden, an die wir uns stets in Dankbarkeit erinnern werden. Was du der Wissenschaft hinterlassen hast, das wird bestehen, was wir aber an dir" verloren haben, das bleibt unersetzlich." » Hierauf setzte sich ein unübersehbarer Trauerzug In Bewegung, um den großen Meister der Heilkunst, den hervorragenden Juden und edlen Menschen an die letzte Ruhestätte, die sich neben dem Grabe O f n e r s befindet, zu geleiten. Dort wurde der Sarg unter tiefster Bewegung aller Umstehenden in die Tiefe versenkt, worauf Oberkantor Kaufmann ein „El mo 1 e rachamim" für die B'ne-B'rith-Logen zum Vortrage brachte. _ Der alte Bösel. Der „alte Bösel? Unter alt versteht man in der Regel einen müden Greis mit schneeweißem Haar und Bart. Von alledem ist bei Leopold Bösel nichts zu bemerken. Denn wenn man diesen agilen Mann mit den feurigblitzenden klugen Augen, dem schwärzen, sorgfältig gescheitelten Haar und dem kohlrabenschwarzen (ungefärbten) Schnurrbart sieht, dann glaubt man einen Vierziger vor sich zu haben und nicht einen Mann, der am 5. November seinen sechzigsten Geburtstag feiert. Feiert? Auch das stimmt nicht. Denn von feiern kann bei Papa Bösel überhaupt nicht gesprochen werden, da er den Zweck solcher Feierlichkeiten seinem ganzen bescheidenen Wesen nach nicht fassen kann und jedem Aufsehen im weiten Bogen aus dem Wege geht. Und noch etwas stimmt nicht. Nämlich die verschiedenen Legenden, die sich über seine Herkunft und sein Geschick gebildet haben. Leopold Bösel ist ein echtes Wiener Kind, ein H e r n a 1 s e r, der schon durch seine Urwüchsigkeit und seine gutmütige Wiener Art jede Legendenbildung dementiert. Aber das ist schon einmal die Art der Wiener; sie wollen um keinen Preis zugeben, daß sich auch aus ihrer Mitte eine einfache, gut bürgerliche Familie durch Fleiß, Tüchtigkeit und Energie zu Wohlstand und Ansehen emporarbeiten kann. Um ein solches „Wunder" zu erklären, werden Legenden erfunden, die von der Wahrheit sehr weit entfernt sind, wie das auch bei der Familie Bösel geschehen ist. In Wirklichkeit ist der alte Bösel, ein einfacher, schlichter Mensch, der sich durch sein freundliches, entgegenkommendes Wesen, durch seine sprichwörtliche Gutmütigkeit und seinen alles versöhnenden Humor überall nur Freunde erworben hat. Hierzu hat auch seine überaus große Menschenkenntnis beigetragen. Denn wahrlich, Leopold Bösel kennt die Menschen und das Leben wie selten jemand, lernte er es doch bereits im Alter von 13 Jahren und, wie wir gleich hinzufügen wollen, nicht von •der allerbesten Seite kennen, da er sich bereits in diesem Alter selbst das Brot verdienen mußte. Von frühester Jugend an ehrliche Arbeit gewöhnt, lernte er auf zahlreichen Geschäftsreisen, die er aus beruflichen Gründen unternehmen mußte, das In- und