Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 46 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 46 Dm WAHRHEIT Seite 9 Theater, Kunst m Literatur Ideen der Weltgeschichte. Ueber Einladung des Kulturbundes, der österreichischen Gruppe des Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit, hat Herr Oberrabbiner Professor Dr. Leo B a.e k (Berlin) am 23. d. M. einen Vortrag unter obigem Titel gehalten. Man kann ohne Uebertreibung feststellen, daß Vorträge wie dieser die Geisteskultur mächtig zu fördern geeignet sind, weil sie so hohe geistige Kultur des Vortragenden aufzeigen und vermitteln. Es sind philosophische Betrachtungen über geschichtliche Tatsachen, schlicht, überzeugend und doch auch formvollendet wiedergegeben, als bedürfte es nicht tiefster Einsicht in die Geisteswelt vergangener Jahrhunderte, wissenschaftlicher Erfassung und Beherrschung von Philosophie und Historie, um zu solchen kritischen Schlüssen sublimierter Weisheit zu gelangen. In die Bewunderung ' über die Fülle originärer Gedanken und tiefgründiger Werturteile über antike Kulturen mischt sich das Bedauern, daß nur so wenige aus dem an Gebildeten doch ni^ht so armen Wien sich eines derartigen geistigen Hochgenusses zu erfreuen hatten. Am Beginn seiner Ausführungen warf der Redner die Frage auf, ob es überhaupt eine „W e 1 f'geschichte gäbe. Es gibt doch nur eine Geschichte von Trümmerfeldern und „selbst die Ruinen sind untergegangen". Die Geschichte ward stets bloß von den Siegern geschrieben; diese schrieben Gesetz und Recht vor, weil, wer Erfolg hat, auch in die Zukunft zu wirken wünscht. Hierin macht einzig und allein die Bibel eine Ausnahme, indem in ihr die Besiegten erklären, was Recht und Unrecht ist. Weltgeschichte ist eigentlich die Geschichte von Problemen, welche die einzelnen Völker in die Welt getragen. Es gibt nur ganz wenige solcher Probleme und sie sind den Völkern, die um die Erkenntnis derselben zu ringen hatten, zu Schicksalsfragen geworden. Es gab Zeiten, die an Problemen fruchtbar waren. Fast gleichzeitig lebten die großen Denker Griechenlands, die großen Propheten Israels, Confuzius in China und Buddha in Indien. Es gibt aber auch Zehen der Problemarmut. Woher die Probleme stammen, ist Geheimnis, ebenso wie Genialität ein Geheimnis ist. Zur Schaffung von Problemen gelangte der Mensch durch die F u rc h t vor der Vergänglichkeit. Das Symbol für diese Angst vor dem Untergange war bei den Aegyptern die Mumie, die Pyramide, die diesem Problem Ausdruck verlieh. In Griechenland war das Sein durch die Kunst verewigt, im Monument und in der Statue. Gedanke ist Gestalt nach Plato. In China vollzieht sich die Ueberwindung des Vergänglichen in der Verehrung des Gewesenen, im Konservatismus. Für den Inder entspringt alles und nichts demselben Urquell. Am deutlichsten erhellt , das Geheimnis von der Ueberwindung des Vergänglichen die Bibel: Gebot, Glaube, Ganzheit, Weg führt zur Ueberwindung des Vergänglichen. Dadurch, daß der Mensch „ganz" wird, kommt er der Unvergänglichkeit nahe. Das Wörtchen „ganz" kommt in diesem Sinne, in dieser besonderen Bedeutung nur in der Bibel vor. Das Problem: Alles Vergängliche hingeben, um eines Ganzen willen!, bedeutet: Widerspruch gegen jedes Kompromiß, Staat, Ehe, Wissenschaft, Kunst sind Kompromisse. Der Mensch ist ein Kompromiß zwischen Himmel und Erde. Ganz kann nur Gott sein. Der Mensch kann nur darnach streben, wie Er ganz zu sein. Die heutige Menschheit zerfällt in zwei Gruppen: China und Indien, die so geblieben, wie sie vor Jahrtausenden gewesen, und die Länder Europas, die in steter Bewegung und Erschütterung ausgesetzt waren. Manchmal sehnen sich letztere nach einer Ueberwindung des Vergänglichen, wie sie die Staaten des fernen Ostens besitzen. Aber in sie ist das Problem der Bibel gedrungen, zu den anderen nicht: seither nimmt das Problem des Ganzen dieser Menschheit ihre Ruhe. Es ist das, was Weltgeschichte macht. Die Forderung des Gebotes, des kategorischen ..Du sollst", und zwar „mit ganzer Seele" und ,.mit ganzer Kraft", ist das Problem, das durch die Bibel in die Weltgeschichte eingetreten ist. Es ist das einzige Gestaltende, der Weg. Ein neues Wort, das diesen unendlichen Weg bezeichnet, ist das Wort „von Geschlecht zu Geschlecht", die nie fertige Menschheit. Die Bibel fordert, daß das Gebot von jedem Menschen, von jedem Volke erfüllt werde, mit seiner ganzen Seele, mit seiner ganzen Kraft. Jede Macht, wenn sie nur Macht sein wollte, hat sich selbst zerstört und nur neue Trümmer geschaffen. Geschichte können nur Besiegte schreiben, Erfolg- und Machtlose, die es wissen, daß sie die Seienden sind. In diesem Sinne nennt Goethe die Geschichte den „Kampf des Glaubens gegen den „Unglaube n". Es ist wohl gerechtfertigt, in dieser vornehmen tief schürfenden Darstellung eine Apologetik zu sehen, wie sie besser, wirksamer, und idealer nicht gedacht werden kann. Med.-Rat Dr. H. Haas e. Jahrbuch für Soziologie. I. Band, 1925, broschiert Mark 10—, Leinen Mk. 12.—. II. Band, 1926. broschiert Mk. 16.— Leinen Mk. 20.—. Verlag G. Braun. Karlsruhe. Dieses neue internationale Sammelwerk ist im besten Sinne ein Kind unserer Zeit. Getragen von dem starken Wunsch, an dem geistigen Völkerbund konstruktiv mitzuarbeiten, hat der Herausgeber, Prof. S a 1 o m o n aus Frankfurt, hier der jüngsten der Wissenschaften ein internationales Forum geschaffen. Di» Soziologie ist die Wissenschaft von Heute. Das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft ist jedem denkenden Menschen brennendes Problem geworden. Erkenntnis der die Gegenwart beherrschenden Kräfte ist das Ziel weitester Kreise. Für diese bedeutet das Jahrbuch eine Fundgrube von Anregungen, für die wir alle dem Herausgeber und dem Verleger Dank schulden. Fern von aller Schuldogmatik kommen hier die führenden Soziologen Deutschlands, Amerikas, Englands. Frankreichs, Italiens, der Schweiz und Oesterreichs zu Worte. Die beiden Bände, 1923 und 1926, die in kurzer Zeit einander folgten, bilden eine geistige Einheit. Kommt im ersten Band die soziologische Betrachtung des Staates und der Geschichte mehr '.zur Geltung, so ist im zweiten Band mehr die Erforschung der sozialen Gruppierungen und das Verhältnis zur Wirtschaft in den Vordergrund gerückt. Es wäre eine Ungerechtigkeit, einzelne Beiträge und Autoren zu nennen. Obwohl aus den verschiedensten Ländern und Schulen stammend, ist es den Beiträgen gelungen, ein einheitliches Niveau zu wahren. Dennoch wollen wir auf einzelne Arbeiten speziell .hinweisen. So auf die ..Materialien zu einer Soziologie des Fremden", die Robert Michels vorlegt und die auch als Ausgangspunkt für eine Soziologie des Antisemitismus dienen können. Weite Kreise wird auch der Beitrag des Wiener Kunsthistorikers Hans Tietze über „Die soziale Funktion der Kunst" interessieren. Im zweiten Band sind die feinen Untersuchungen von Meusel über „Das Kompromiß" und von Roß über „Herrschaft" von allgemeinerer^ Interesse. Hobsons Beitrag über „Die neue Phase des Imperialismus", der sich vor allem mit den Völkerbundmandaten beschäftigt und diese rücksichtslos kritisiert, wird schon durch die Nationalität des Autors, eines bekannten britischen Gelehrten, bemerkenswert. Die Nennung dieser wenigen Namen und Titel kann natürlich kein Bild des reichhaltigen Sammelwerkes geben, dessen erster Band zwanzig Arbeiten enthält, welche Zahl im zweiten Band um drei Abhandlungen vermehrt wurde. — Ein geistreicher Kritiker sagte einmal, daß man, um die Menschen kennenzulernen, sich mit ein paar guten Büchern in die Wüste begeben möge. Wir wollen den Satz dahin modifizieren, daß man zur Erkenntnis der Strömungen der Gegenwart und der Umwelt sich am besten mit den beiden Jahrbüchern in die Einsamkeit zurückzieht und die Anregungen und Gedanken auf sich einwirken läßt. Dem Vorwort des Herausgebers entnehmen wir, daß der dritte Band bereits in Vorbereitung sei. Vivat sequens! K. G. „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", Sonderheft der „Menorah", jüdisches Familienblatt für Wissenschaft. Kunst und Literatur, Wien Iii, Postfach 161. Preis des Jahresabonnements S 20.—. Die kürzlich erschienene Nr. 10 dieser vorzüglichen Zeitschrift bietet dem jüdischen Publikum eine anerkennenswerte Ueberraschung und zeigt von dem rührigen Eifer der Herausgeber, die „Menorah" zu einem Faktor der modernen jüdischen Kulturbestrebungen zu machen. Unter großen Opfern hat die „Menorah" das soeben erschienene Heft zu einem Sonderheft, „Beiträge zur jüdischen Volkskunde", ausgestaltet, welches von dem bekannten Herausgeber der „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", Herrn Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d, redigiert wurde. Die Publikation ist inhaltlich, wie durch die zahlreichen Bildbeigaben von höchstem Interesse für den jüdischen Leser und wird gewiß zahlreiche Freunde finden. Aus der Fülle der interessanten Beiträge heben wir Arbeiten von Dr. Adolf L ö w i n g e r s. A., Rabbiner S. B a m b e r g e r, Dr. Max G r u n w a 1 d, Matthias Mieses, Dr. Samuel B1 a s c h, Dr. J. Z o 11 e r hervor. Die wertvollen, zahlreichen, zum Teil unbekannten Abbildungen ergänzen glücklich die durchaus volkstümlich gehaltenen Beiträge und werden dem Hefte eine rege Anteilnahme sichern. . ~S4L«XS*äZlfm&l > iJ*Ti£&vJtiaSm*e,SM8il(S-i-**««ftV^«&:i