Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 40-41 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 DIE WAflRHElT Anläßlich der Einführung des obligatorischen Schwimmunterrichtes in den Wiener Schulen mag daran erinnert werden, daß laut Talmud, Kidduschin 29 a. zu den Dingen, in denen der Vater seinen Sohn zu unterrichten hat, nach manchen Lehrern auch das Schwimmen gehört (Grunwald, Hygiene der Juden, S. 209). Dementsprechend gilt in frommen Kreisen das Schwimmen als favoVäsierte Leibesübung. Qlöckl hat also mit seiner überraschenden Reform nur eine alte talmudische Satzung in den Unternichtsplan eingeführt. Mährisch-Ostrau. Donnerstag, den 2. September, fand die feierliche Einweihung eines orthodoxen jüdischen Tempels statt. Der schöne Bau, der nach den Plänen des Architekten Roger errichtet wurde, ist das einzige in den letzten Jahrzehnten in Böhmen, Mähren und Schlesien erbaute orthodox-jüdische Gotteshauses. Die Thorarollen wurden im festlichem Zuge aus der Wohnung des Dr. Max Beer vor den Tempel gebracht, wo die gesamte Kultusgemeindevertretung mit dem Präsidenten Dr. Alois Hilf an der Spitze, den Zug erwartete. Herr Dr. Hilf hielt an die Versammlung eine erhebende Ansprache. Die Einweihungsreden wurden von den Herren Rabbiner Dr. S p i r a, Dr. H o r n, Rabbiner Dr. Baß und Dr. FäTber gehalten. Frau Harriet Kreisler, die Gattin des berühmten Violin- Virtuosen Fritz K r e i s 1 e r, hat im Jahre 1918, als die Not in Wien aufs höchste gestiegen war, das „Vienna Childrens Milk Relief gegründet, welches aus ganz kleinen Anfängen vor allem durch die unermüdliche Tätigkeit dieser hervorragenden und edlen Frau zu einer mächtigen Hilfsorganisation für die durch die allgemeine Not am schwersten gefährdete Jugend geworden ist. Das Komitee hat durch die umfassende Sammeltätigkeit seiner Begründerin und Präsidentin Frau Harriet K r e i s 1 e r in einer verhältnismäßig kurzen Zeit über eine halbe Million Dollar aufgebracht und unter die notleidenden Wiener Kinder verteilt, deren Hunderte vor den schweren Folgen der Unterernährung und Krankheit bewahrt wurden. Anläßlich der nunmehr erfolgten Auflösung des Komitees, welches so viel Segen stiftete, hat Frau K r e i s 1 e r aus noch vorhandenen Mitteln desselben verschiedene Wiener Wohltätigkeitsanstalten mit größeren Spenden bedacht, unter anderen die Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und das Meroresheim. Hierdurch wird es den bedachten:~Wohlfahrtsanstalten ermöglicht, sich ihren charitativen Aufgaben mit um so größerer Kraft zu widmen. Die dankbare Verehrung der vielen Wiener, welche die Wohltaten dieser seltenen Frau genossen haben, ist Harriet K r e i s 1 e r für immer gesichert. Trauung. Sonntag, den 3. Oktober, 143 Uhr nachmittags, findet im Großen Leopoldstädter Tempel, IL, Tempelgasse 3, die Trauung des Fräulein Anny Löwy mit unserem Schriftleiter Herrn Oskar Hirschfeld, Sekretär der „Union deutschösterreichischer Juden", statt. Goldene Hochzeit Samstag, den 2. Oktober feiert Herr Schafranik mit seiner Gattin Rosa, geb. Deutsch im Großen Leopoldstädter Tempel, II., Tempelgasse 3, um 9 Uhr vormittags seine goldene Hochzeit. Todesfall. Herr Kaufmann Leopold Schindler ist in Mistelbach nach langem, schwerem Leiden am 6. September im 51. Jahre seines arbeitsreichen, dem Wohle seiner Familie gewidmeten Lebens sanft entschlafen. Das Leichenbegängnis fand am 8. d. M. in Mistelbach statt. Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung. Ueber Einschreiten des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat die Industrielle Bezirkskommission Wien die Arbeitsnachweise angewiesen, die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung an Personen' israelitischen Glaubensbekenntnisses strengster Observanz, soweit es durchführbar ist, an Stelle des Samstags an einem anderen Auszahlungstage vorr zunehmen; des weiteren, Personen jüdischen Glaubensbekenntnisses an den hohen Feiertagen als von der Kontrolle befreit, bzw. entschuldigt zu betrachten. Die Bibelschule im IX. Bezirk teilt mit, daß der Unterricht am 1. Oktober 1. J. wieder aufgenommen wird. Einschreibungen an Wochentagen in der Zeit .von Vi2 bis H3 Uhr nachm. bei Hrn. Min.-Rat M. Weiner, IX., Servitengasse 13, oder 6 bis 7 Uhr nachm. in der Kanzlei des Müllnertempels, IX., Müllnergasse 21. Eine jüdische Gemeinde in Buenos Aires. In Anbetracht der fortschreitenden Vermehrung der jüdischen Einwohner in Buenos Aires wurden vorbereitende Schritte zur Bildung einer auf demokratischer Wählgrundlage stehenden jüdischen Gemeindeorganisation getroffen. Der Statutenentwurf wurde bereits fertiggestellt. Der Tod des Färsterzbischofs von Czernowitz. Doktor Wladimir von Repta hat auch die Juden der Bukowina in große Trauer versetzt, da der verstorbene Kirchenfürst während seiner langen Wirksamkeit als Metropolit der Bukowina die Juden dieses Landes stets in Schutz genommen hatte. Unvergeßlich bleibt sein Wirken zur Zeit der russischen Okkupation. Als die zaristischen Heere Ende 1914 die Bukowina 0 besetzten und zahlreiche jüdische Geiseln nahmen, intervenierte Dr. v. Repta bei dem russischen Gouverneur und den Generalen zugunsten der jüdischen Geiseln sehr oft mit Erfolg. Als der antijüdische Terror der zaristischen Soldateska in Czernowitz den Gipfel erreichte, flüchteten zahlreiche Juden, die als Geiseln festgenommen werden sollten, in das erzbischöfliche Gebäude, wo ihnen der Metropolit bereitwilligst Schutz gewährte. Als dann auch der große jüdische Tempel in Gefahr stand ausgeplündert zu werden, wurden die Schätze des Tempels in das erzbischöfliche Gebäude gebracht, wo sich die räuberische Soldadeska nicht hineinwagte. An den großartigen Bestattungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Kirchenfürsten beteiligte sich die Czernowitzer Judenschaft in hohem Maße. Vom erzbischöfliehen Palais nahm der Kondukt seinen Weg zum Tempel, wo Halt gemacht wurde. Vor dem Tempel standen an einem mit Flor bedeckten Podium Oberrabbiner Dr. Mark. Rabbiner K a t z, die Kultüsgemeindedecernenten Dr. Mayer, Ebner und F1 e m i n g e r, sowie die übrigen Repräsentanten der Czernowitzer Judenschaft. Der Oberkantor trug Trauerpsalmen vor, worauf Oberrabbiner Doktor Mark einen ergreifenden Nachruf hielt. Er sagte in rumänischer Sprache unter anderem: „Eminenz! Angesichts des Tempels, der h«-ute zu Deinen Ehren geöffnet und beleuchtet wurde, angesichts der Thorarollen, die in demselben sich befinden und die Du, als ihnen während des schrecklichen Weltkriegs Entweihung drohte, unter Deinen Schutz nahmst, entbiete ich Dir den Abschiedsgruß der jüdischen Gemeinde, die Dicht schätzt und ehrt, ja wie einen Vater liebt. Die jüdische Gemeinde vor Czernowitz sowie die Judenschaft der ganzen Bukowina trauert um Dich und wird Dir ein ewiges Andenken bewahren." Vernünftiger Amerikanismus. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hat in den letzten Jahren, namentlich im Warenhausbetrieb, eine ganze Reihe von Umsatzsteigerungen zu verzeichnen, die für europäische Begriffe geradezu unfaßbar sind. Einzelne, erst vor wenigen Jahren entstandene Warenhäuser, gewannen einen enormen Kundenstock und erzielen einen vielen Milliarden Dollar betragenden Jahresumsatz. Dieser ungeheure Erfolg wurde durch Anwendung folgender praktischer Geschäftspninzipien erreicht. Die Leiter dieser Warenhäuser — durchaus neuzeitlich orientierte, großzügige Busineßmänner — verstanden es von allem, die denkbar billigsten Einkaufsquellen aufzuspüren. Sie kauften beim Erzeuger in großen Mengen ausschließlich gangbare, erprobt verläßliche Qualitätswaren, kalkulierten bei Einschränkung der Regien auf das Minimalste mit einem sehr geringen Nutzen, und waren so in der Lage, wirklich besonders billig zu verkaufen und die gesamte Konkurrenz zu schlagen. Das vorzüglich geschulte Verkäuferpersonal hat strenge Weisung, dem Publikum nicht etwa alte Ladenhüter aufzuschwatzen, sondern nur erstklassige und für den vorgesehenen Zweck geeignete Artikel zu empfehlen und im übrigen die Wahl dem Geschmack und Wunsch des Käufers zu überlassen. Der Erfolg bewies, wie richtig so die Psychologie des Käufers eingeschätzt wurde. Die mit dem praktischen und billigen Einkauf zufriedenen Kunden kamen immer wieder, empfahlen das Geschäft ihren Freunden, und die Reklame von Mund zu Mund bewirkte ein riesenhaftes Anwachsen des Kundenkreises. Diese vernünftige Verkaufstechnik, bei welcher Kaufmahn und Konsument gleicherweise auf ihre Rechnung kommen, wird in Wien vom populären Leopoldstädter Warenhaus der Brüder Schiffmann, 2. Bezirk, Taborsttiafie 48, geübt und hat sich auch hier glänzend bewährt. Die dauernde Zufriedenheit der zahlreichen Kunden bewirkt eine immerwährende Steigerung des Umsatzes, welcher immer wieder neue Preisreduktionen ermöglicht. "Ineinandergreifen von Ursache und Wirkung ist es, das das glänzende Renommee des Warenhauses Brüder Schiff mann immer von neuem bestätigt und befestigt.