Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 37-38 (7.9.1926)
- Date
- 1926-09-07
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 37/38 Dffi WAHRHETT Seite 19 [Veröffentlichungen III der III Postsparkassen - Konto iü | „Union deutschösterreichischer Juden** j «Tim* j lfc=»-■ ■===■ ■ ■==■--■ ■===■^=■===■==■==■^=■==^■=11 Sachliche Politik! Von Dr. Paul Nathan, Berlin. Ein neues Jahr steht vor der Türe, für viele von nns wieder ein Jahr der Arbeit und des Wirkens für das Judentum. Die Freude an dieser Arbeit wird uns aber vergällt durch die Erinnerung an manche öde Zwistigkeiten, die uns das abgelaufene Jahr durch den gegnerischen Parteihaß beschert hat. Deshalb mögen die folgenden Zeilen, die zugleich eine grundsätzliche Stellungnahme eines Nichtzionisten zum Zionismus enthalten, bei Freund und Feind nicht ungehört bleiben, überall herrsche im neuen Jahre sachliche Politik! Die Politik hat ein Ziel, und1 der Erreichung dieses Zieles sind alle Erwägungen des Kampfes in der Oeffentlichkeit unterzuordnen. Die Agitation hingegen sollte nie etwas anderes sein, als ein Mittel zum Zweck; ein Mittel, um der Verwirklichung dessen, was erstrebt wird, näherzukommen; um das Endziel schließlich zu erreichen, und zwar unter solchen Umständen zu erreichen, daß nicht im Augenblick des endgültigen Erfolges dieser Erfolg wertlos geworden ist. Eine Armee, die zwar bis an. die vorgesetzte Stelle vordringt, aber bei diesem Vordringen ihre unentbehrlichen moralischen Qualitäten verloren hätte, wäre wertlos geworden und der scheinbare Sieg wäre bedeutungslos. Im politischen Leben zeigt sich der verwandte Vorgang mit ganz besonderer Klarheit. Verwilderung des politischen Kampfes raubt selbst guten politischen letzten Absichten ihren Wert oft genug, und oft vollständig. Es war die Tragik der großen französischen Revolution, daß ihr Weg nicht zur Freiheit, sondern über blutige Zuchtlosigkeit zuf Despotie rührte und führen mußte. Das ist ein grandioses Beispiel solcher Entwicklung, das, entsprechend auf kleine Verhältnisse übertragen, immerhin lehrreich bleibt, um selbst liliputanischen Verhältnissen die rechte Beleuchtung zu gewähren. Für uns Juden handelt es sich um einen erheblichen Gegensatz zwischen Nichtzionis t e n und Z i o n i s t e n. Das, was man heute die Judenfrage nennt, glauben die Zionisten gelöst, wenn Palästina mit Juden besiedelt und diesem jüdischen Palästina die politische Autonomie gewährt ist; gleichgültig, ob im weitesten Umfang oder in einem beschränkteren. Wir Nichtzionisten sind der Ansicht, daß die Besiedlung Palästinas für eine Lösung der Judenfrage in der Welt bedeutungslos ist. Wir stemmen uns nicht entgegen, wenn einzelne Juden aus religiösen oder anderen Erwägungen heraus sich in Palästina anzusiedeln wünschen: ob das zweckmäßig, ob das unzweckmäßig, ergibt sich nur aus der Prüfung des einzelnen individuellen Falles. Aber'wir stemmen uns der Illusion entgegen, daß durch di e Besiedlung Palästinas die Judenfrage in derzivilisiertenWelt irgendwie wesentlich beeinflußt werdenkönnte. Diese Illusion halten wir für gefährlich, wie alle politischen Illusionen, denen schwere Enttäuschungen folgen. Die Gründe für unseren Standpunkt sind ungezählte Male angeführt worden. Aber augenscheinlich noch immer nicht oft genug, um im erforderlichen Umfang wirksam zu werden. Also: Palästina ist ein kleines Land; ein viel zu kleines Land, um auch nur einen wesentlichen Teil aller Juden aufnehmen zu können. Palästina ist ein nach heutigen Ansprüchen wirtschaftlich unergiebigesLand, um auch nur einer kleinen Volkszahl in nationalökonomischer Beziehung Existenzmöglichkeiten zu bieten. Palästina ist nicht herrenloses Land; es ist besiedelt von einer erdrückenden Mehrzahl von mohammedanischen Arabern, die jedem Fortschritt des Judentums in Palästina feindlich gegenüberstehen. Blutige Konflikte zwischen Arabern und Juden haben bereits stattgefunden. Palästina ist endlich ein Faktor in der englischen Weltpolitik. Die englische Weltpolitik ist gewiß nicht antisemitisch eingestellt; aber sie wird sich ganz gewiß auch nicht zu einem Werkzeug dies zionistischen Programms machen lassen. Nur Phantasten können das voraussetzen. England hat d5e Millionen von Mohammedanern, die in seinen Reichen leben, in Ruhe zu halten; es wird nichts tun, um einer mohammedanischen Bewegung, die sich gegen die englische Politik auflehnen will, Vorwände zu liefern. Es wird also das überwiegend von Mohammedanern besiedelte Palästina ganz gewiß nicht an die Zionisten ausliefern. England kann dies auch aus dem Grunde nicht, weil Katholizismus und Protestantismus, soweit sie tief religiös empfinden, solche Uebergabe, die sie als eine Preisgabe empfinden würden, niemals protestlos und kampflos anzuerkennen bereit wären. Diese hier angeführten Behinderungen sind gewiß nicht leicht zu nehmen. Und über welche Kräfte verfügt nun der Zionismus, um gleichwohl zum Ziele zu gelangen? Er verfügt über eine große Hingabe vieler seiner Anhänger, die ich, wie jede große Opferberei tschaft für ein ideales Ziel, gewiß nicht niedrig einschätze, und'ferner über beschränkte Geldmittel, die bald reichlicher, bald spärlicher fließen, und die daher für jede auf weite^ Zeiträume angelegte politische Aktion immer von zweifelhaftem Werte sind. Das ist alles. Die nüchterne Erwägung — nicht die Voreingenommenheit und nicht die blinde Oppositionslust — wird :£m :v^-:^: mmans* ^mm