Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 34 (13.8.1926)
- Date
- 1926-08-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT OestcrreKHsAe Wocfettsaritt für tMtafeclMaress« m fem Bemiatt; feröttcnflldiimiteii der ..ObIob MrisdrtsliniMdMter Joior Redaktion und Administration: Wien HU» Beincrturtig * Penurttf 42-2-1* XLII. Jahrgang Wien, 13. August 1926 Nnmnier 34 Die Propheten und der Friede. Von Rabbiner Dr. A. P o s n e r, Kiel. Von dem Kreislauf der Geschehnisse reden wir gern, so gern auch das Heraklit-Wort „alles fließt4' unserer Zunge entgleitet. Vielleicht ist es kein Kreislauf mehr, wenn wir mit unseren Wünschen ganz weit zurück wollen in einen Anfang, der für uns undeutlich, aber gerade deshalb Gegenstand unserer Sehnsucht ist. Nicht die Kinder allein lauschen in den ersten reifen Jahren dem Lehrer, der vor ihnen das Reich des Paradieses herzaubert, auch wir Großen und Größten, will heißen Alten und Aeltesten, versetzen uns gern in den Garten Eden, um uns auszumalen, wie schön es doch hätte sein können, wenn wir noch im Paradiese wohnten und weilten. Fern wäre alles Leid, das kleine und große, das uns drückt, Gesundheit und Wohlbehagen wären ständig unser, die Früchte würden ohne Mühe uns gedeihen — auch darin sehen wir in Augenblicken der Schwermut einen Vorzug, wiewohl doch auch die Arbeit nur zu unserem Heile geschaffen ist — der Himmel würde den Regen nicht versagen, die Sonne würde ihre Strahlen nicht zurückhalten, und — ja, das Höchste, wir würden nicht Neid, noch Haß, nicht Mißgunst, noch Streitsucht kennen, wir lebten in vollkommenem Frieden, mit den Nebenmenschen, mit den Tieren, mit der Natur, mit dem Schöpfer. Es hat nicht sollen sein! Damit finden wir uns wohl ab, aber nicht aus voller Befriedigung, sondern weil wir zu gleicher Zeit nach dem verlorenen Paradies streben, weil wir der Hoffnung leben, den Kreislauf einmal verwirklicht zu sehen, der im Paradies wiederum endet. Was uns besonders am Paradies gefällt, was uns daher am meisten fehlt, das ist der Friede, der Friede, das beste Gefäß — wie ein talmudisches Wort sagt —, das der Heilige, gelobt sei er, seinem Volke Israel geben konnte, weshalb er es im Psalm 29, 11 mit Frieden segnet. Daher kann das Judentum schlechthin mit dem Frieden identifiziert werden1). Sicherlich ist dieser Wunsch nach Friede schon im ersten Menschenpaar laut geworden, aber nie hat ein Jude mit solchem Nachdruck, mit solcher Wärme und Liebe den Frieden ersehnt, verkündet und erhofft, wie der Mund der Propheten, der in den Zeiten der Unruhe, des Unfriedens und des ewigen Haders lechzend und dürstend danach geschrieen hat. Davon sollen die folgenden Zeilen handeln: *) Dokumente der Frieid'enisbewegiMig^, hexausgegeben von Dr. jur. Botho Losestem, L Heit: Das Judentum ist der Friede. Berlin 1926. Zahl &. Koch. Das Wort „Scholaum" verdient auch erklärt zu werden. Wer in der Kunst des Uebersetzens je sich versucht hat, weiß, daß es sehr oft schwer ist, in der fremden Sprache ein wirklich gleichwertiges Wort zu finden. Das gilt auch für Scholaum, es ist mit „Friede" viel zu mangelhaft wiedergegeben. Ist es ja nicht gerade das Gegenteil des Krieges, bezeichnet es vielmehr auch das Gegenstück zum Bruch, zur Krankheit, zum Unbehagen, fast könnte man es am besten definieren, wenn man deutlich macht, was es nicht ist, aber versuchen wir eine positive Erklärung und Uebersetzung, da dürfte das Wort „Vollkommenheit" oder „Heilsein" noch am meisten zutreffen. Es liegt in diesem Begriff Ordnung und einstimmige Eintracht, Einmütigkeit und Glückssicherheit, Heil und Wohl. Daher kann der einzelne Mensch Friede haben in sich, mit seiner nahen und weiten Umwelt, daher auch die Stadt, der Staat, das Volk, die Welt von Friede durchdrungen sein, in Frieden leben. Von diesem Gesichtspunkte heben sich die Bilder der Friedenszeichnung bei den Propheten ab. Das äußere Glück des Wohlstandes und der Behaglichkeit darf nicht fehlen, wenngleich die Propheten streng gegen die Uebermenge des Besitzes und die Anhäufung des Vermögens sich wenden. „Sie werden wohnen ein jeder unter seinem Weinstocke und unter seinem Feigenbaume, und niemand wird stören", also rühmt Micha 4,4 die Friedenszeit der Zukunft. „Tage werden kommen, heißt es bei Arnos 9, 13 ff., da wird der Pflüger an den Schnitter reichen und der Traubenkelterer an den Samenausstreuer, die Berge werden von Most träufeln und alle Hügel werden zerfließen . . ., sie werden verödete Städte wieder aufbauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihren Wein trinken, sie werden Gärten anlegen und ihre Früchte genießen." So wird die menschliche Arbeit gesegnet sein, sie wird nicht vergebens geleistet, das Mühen der Hände kann verzehrt werden, man sieht Früchte, die man erwartet, denn der Friede herrscht, niemand1 rauht und stört des anderen Arbeit. „Israel wird in Sicherheit wohnen", kennzeichnet Jeremia in Kürze diese erfüllte Friedtenshoffnung (23, 6). Das Friedliche — im Gegensatz zu Kampf und Krieg — zeigt sich in Bildern, die nur in kleinen Zügen von einander abweichen. Im Kern sagt schon Hosea hier das allgemein Gültige: Ich schließe einen Bund — an eben diesem Tage — mit dem Wild des Feldes und mit den Vögeln des Himmels und mit dem Kriechtier der Erde, Bogen, Schwert und Krieg zerbreche ich von der Erde und lasse Israel in Sicherheit wohnen (2, 20 f). Persönlicher gestaltet Jesajas diese Hoffnung durch den