Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 30 (16.7.1926)
- Date
- 1926-07-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 30 r Difi WAHRHEIT Seite 11 Von Woche zu Woche Ein Gedenkblatt für Markus Bondi s. A. Nicht in Wehklagen über das Unvermeidliche wollen wir ..uns verlieren, sondern uns sein Leben vergegenwärtigen und einige Züge seines leuchtenden Charakterbildes festhalten. Wer Markus Bondi s. A. kannte, wird sich gerne seiner erinnern, wird sein Bild liebevoll in der Seele bewahren. Eine Erscheinung von patriarchalischer Ehrwürdigkeit, einer der letzten, wenn nicht der letzte Ausläufer eines alten echt jüdischen Patriziertunis, der noch in unsere Zeit hineinragte. Wir suchen vergebens seinesgleichen. Liebenswürdigkeit war der Grundzug seines Wesens, Heiterkeit die Qrundstimmung seiner Seele. Er hatte einen solchen Vorrat von Jugendfrische in sich gesammelt, daß er. selbst in seinem hohen Alter nicht ganz aufgezehrt war, er wuchs über sein Alter hinaus. Von vielen Menschen aufgesucht, von Vielen und Vielen in Anspruch genommen, erlitt das Gleichmaß seines Wesens nie eine Störung. Zur gelegenen oder ungelegenen Zeit, in wichtiger oder unwichtiger Angelegenheit, man hatte nie die Empfindung, lästig zu sein Und wie erst, wenn der Besucher ein Talmud-Kenner war! Zur Liebenswürdigkeit gesellte sich alsdann die dem Träger der Thora schuldige und gezollte Ehrerbietung. Niemand war für ein Wort Thora, für eine geistreiche Erklärung eines Talmud oder Midraschausspruches empfänglicher und dankbarer als Markus Bondi s. A. Ein wahrer Mokir Rabbanan zog er fromme und Thorakundige Männer in sein Haus, fühlte er sich durch sie geehrt und ausgezeichnet und suchte und fand in der Unterhaltung mit ihnen seine genußreichsten Stunden. Seine Wohltätigkeit war großzügig, aber sie gewann und wurde noch" größer durch die Freundlichkeit, mit der sie geübt wurde, sie half nicht nur, sie senkte sich tief in das Gemüt der Bedürftigen. Markus Bondi s. A. hatte auch viel Schmerzliches erfahren. Wie er es trug und überwand, geht fast über das Maß des Menschlichen. Hier konnte man die Wirkung seines überzeugten Glaubens, der Verankerung Seiner Seele in Gott beobachten und bewundern. Nicht d a ß er ' die Pflichten des traditionellen Judentums bis auf den kleinsten Minhag mit der größten Strenge und Gewissenhaftigkeit betätigte, sondern w i e er sie betätigte, mit welcher Frische und Begeisterung er sie übte, ist es, was seine Individualität hervorhebt. Wie er den Kern mit Leben und Seele erfüllte, ebenso war er auch auf eine äußere würdige Form bei der Erfüllung religiöser Vorschriften bedacht. Das religiöse Leben in seinem Hause präsentierte sich in einer Schönheit, von der man sich nicht leicht eine Vorstellung machen kann. Man lernte hier die Religion von ihrer schönsten Seite kennen und bekam einen anschaulichen Unterricht über Kiddusch Mizwah. {Verherrlichung des Gottesgebotes.) Das Leben des Markus Bondi s. A. war ein weithin leuchtendes vorbildliches Beispiel, welches sich in erster Reihe bei seinen Kindern auswirkt, die seinen Lebensabend durch das ihn überaus beglückende Gefühl verschönerten, daß es ihm vergönnt war, sie in seinem Sinne im Judentume und für das Judentum wirken zu sehen. Das Andenken dieses Frommen wird zum Segen sein. L. Wiesner. * * * * Das Hinscheiden Markus Bondis, über das wir in unserer letzten Nummer infolge Redaktionsschlusses nur kurz berichten konnten, hat in allen Kreisen der Wiener Judenschaft aufrichtigste Trauer hervorgerufen. Alle, die diesen guten, edlen und frommen Menschen kannten, alle, die das Glück hatten, den vornehmen und stets hilfsbereiten Mann näher zu kennen, empfanden den Verlust doppelt schwer. Mögen alle, die das Hinscheiden dieses edlen Mannes mit Trauer erfüllt — und das ist, wie wir glauben, die ganze Wiener Judenschaft — in der Stunde des Abschiedes darin Trost finden, daß das Andenken dieses wahrhaft Gerechten in Israel in seinen Werken fortlebt und von seinen Kindern, die ihren Vater vergöttert haben, weiter gehegt und gepflegt wird. Nach 'einer imposanten Trauerfeier in Wien wurde der Sarg mit den sterblichen Resten des Dahingeschiedenen nach Baden überführt, woselbst am Mittwoch, um 4 Uhr nachmittags unter ungemein starker Beteiligung die Beisetzung auf dem B a d e n e r israelitischen Friedhof erfolgte. Nebst allen Familienmitgliedern, die aus Berlin, Mainz, Halberstadt, Hamburg und Prag herbeigeeilt waren, um den Nestor der Familie das Gelierte zu geben, waren erschienen der Präsident der orthodoxen Gemeinde in Budapest Abraham von Freudiger, in Vertretung der Wiener israelitischen KultusgemeiiMle die Vorstandsmitglieder Pappenheim und Engel in Begleitung des Amtsdirektors Dr. Adler und des Amtsleiters W. Freist a d t, der gesamte Vorstand der Adas J i s r o e 1, des Beth-Hami drasch, des Jesod-Hathora Schulverein, die orthodoxen Bethäuser Stumpergasse und Storchengasse, Herr Obmann Oskar Schramek in Vertretung des Tempeivereines „Aeschel Awrohom'\ dessen Ehrenmitglied der Verstorbene war, Abordnungen aller jüdischen Wohlfahrtsvereine Wien, insbesonders dar Agudas Jsroel Orts- und Jugendgruppe Wien, der Kultusgemeinde und Chewra-Kadischa Baden usw. Herr Oberrabbiner Reich, Baden, würdigte in ergreifenden Worten den Verlust der jüdischen Gemeinde Baden, deren langjähriger Förderer Markus Bondi war. Sodann hielt der Sohn des Verstorbenen, Dr. J. Bondi, Rabbiner in Mainz, dem Vater in tiefster Erschütterung einen alle zu Tränen rührenden Nachruf, dessen Motto war: „Die Krone wurde uns vom Haupte gerissen". Rabbiner Josef Baumgarten sprach für die Wiener Orthodoxie und den großen Freundeskreis des Hauses, Es sprachen noch Herr Wolf Pappenheim namens der Schiffschul, der der Verblichene in jahrzehntelanger Mitarbeit Freund und Förderer war, Herr Dr. Schlesinger, Mainz, für die Religionsgesellschaft seiner Heimatsgemeinde, Herr Bernhard Hofbauer namens der Talmud-Thora Volks- und Bürgerschule und des Vereines „Einheit", herzliche Worte des Abschiedes und schießMch Herr Dr. J e i t e 1 e s. ein Schwiegersohn des Verstorbenen, Prag, namens der Familie. Freunde trugen das, was an Markus Bondi sterblich war, hinaus auf den Friedhof, wo sie ihn an der Seite seiner ihm vor Jahren in den Tod vorausgegangenen Gattin und Sohnes betteten. Es war bereits Abend geworden und die Sonne überschüttete den Friedhof mit dem Golde ihrer letzten Strahlen, als der Mann mit dem goldenen Herzen in die kühle Gruft gesenkt wurde. Linz. In der zweiten Kultusvorstandssitzung am 1. Juli wurde Herr Bernhard Taussig, Fabrikant in Urfahr, einstimmig zum Ehrenmitgliede der jüdischen Kultusgemeirafe ernannt. Herr Taussig, eine durch sein vornehmes und entgegenkommendes Wesen bekannte Persönlichkeit, gehörte durch vierzig Jahre dem Kultusvorstande an und hat sich insbesondere auf humanitärem Gebiete ausgezeichnet. Wer immer sich an Herrn Taussig wandte, fand stets offenes Ohr und vollste Hilfsbereitwilligkeit. Es ist tief zu beklagen, daß Herr Taussig bei den letzten Kultuswahlen kein Mandat mehr im Kultusvorstande annahm. Mögen ihm noch viele Jahre in körperlicher Rüstigkeit im Kreise semer Familie und in Schaffensfreude gegönnt sein. 70. Geburtstag. Vor kurzem feierte Grandrabbin Dr. Israel L € v y in Paris seinen 70. Geburtstag und diese Feier gestaltete sich zu einem festlichen Ereignis für das gesamte französische Judentum, dessen geistiger Führer der Jubilar ist. Der Grandrabbitt "de France ist in der Tat mehr als ein Rabbiner in der üblichen Bedeutung dieses Wortes. Dr. Israel Levy ist ein hervorragender Gelehrter und ein „Ossek bezorche haklall", eine Persönlichkeit von ausgeprägter Individualität Er erfreut sich in allen Kreisen der höchsten Verehrung und Wertschätzung und war am Tage seines Jubiläums Gegenstand großer Huldigungen und Auszeichnungen. Grandrabbifl Dr. Levy wurde im Jahre 1856 in Paris geboren. Nach Absolvierung der jüdischen höheren Schule besuchte er das französische Rabbinerseminar, das er im Jahre 1897 verließ. Zu gleicher Zeit trat er in die Redaktion der „Revue des Etudes Juives" als Mitarbeiter des berühmten Gelehrten Isidore Loeb ein. Später übernahm er die Hauptleitung dieses hervorragenden wissenschaftlichen Blattes und wurde Lehrer für jüdische Geschichte und Literatur am Rabbinerseminar. 1882 wurde Dr. Levy Sekretär und Assistent des Grandrabbin Zadoc-Kahn, 1884 Dozent für die talmudische und rabbinische Literatur an der Sorbonne. Während dieser Jahre entwickelte er eine außerordentliche literarische und wissenschaftliche Tätigkeit, veröffentlichte u. a. eine kritische Ausgabe des Buches „Ben-Sirah", Studien über die französischen Juden, Beiträge zur Literatur der Agada usw. Alle diese Arbeiten zeichnen sich durch besondere Gründlichkeit und kritische Beherrschung des einschlägigen Gebietes aus und gehören zu den besten ihrer Art Gleichzeitig erwarb sich Dr. Levy einen ausgezeichneten Namen als Kanzelredner. Nach dem Ableben des Grandrabbin Zadoc-Kahn galt Dr. Levy an erster Stelle als Kandidat für dessen Nachfolge. Bloß infolge mannigfacher Umstände erhielt Grandrabbin