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Die Wahrheit · 1926-07-02 · Heft 28 (2.7.1926) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 28 (2.7.1926)
Date
1926-07-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 28 radeanjenerStätte, an der dasRecht gelehrt werden soll, das Recht .erbarmungslos mit Füßen getreten wird. An die Adresse der „Hakoah". Wenn die „Wiener Morgenzeitung" einen Preis ausgeschrieben hätte, den derjenige zu erhalten hat, der ihr den entstelltesten Bericht über eine Unionversammlung zukommen ließ, so wäre dieser Preis unbedingt dem p. t. Herrn zuzuerkennen, der ihr über die letzte Versammlung vor den Linzer Kultuswahlen, bei der als Wiener Gast Herr Kommerzialrat Buchwald sprach, berichtete. Da wurden diesem Redner ungeheuerliche Behauptungen in den Mund gelegt, die anzuführen und zu widerlegen wirklich Raumverschwendung wäre, da es auch unter den Lesern der „Morgenzeitung" unmöglich einen einzigen geben kann, der diese Absurditäten ernst genommen hätte. Nichtsdestoweniger hat Herr Kommerzialrat Buchwald in einem privaten Brief an Herrn Oberbaurat R. Stricker sämtliche Behauptungen als „falsch und gehässig" bezeichnet und daran das höfliche Ersuchen geknüpft, „den Gesamtbericht einer tatkräftigen Korrektur unterziehen zu wollen." Herr Stricker, resp. die „Morgenzeitung" haben diesem loyalen Wunsche nicht entsprochen, was uns weiter bei der beliebten Schweigemethode dieses Blattes nicht überraschte. Bedauerlich an der ganzen Angelegenheit ist im Grunde genommen nur der Umstand, daß die „Hakoah", bzw. deren Präsident Herr Dr. H. Körner, dem wohl diese internen Vorgänge nicht bekannt waren, offenbar einen Passus aus dem an Entstellungen strotzenden Berichte glaublich gefunden haben. In diesem Passus wird gesagt: „Die von den, Zionisten zum Zwecke der Ausbildung der Jugend gegründete „Hakoah" nützt dem Judentum nichts. Sie beweist nur, daß sich die Juden aus allen ein Geschäft machen." Abgesehen davon, daß die „Wiener Morgenzeitung" erst vor wenigen Tagen selbst schrieb: „Es hat immer mehr den Anschein, daß der sogenannte jüdische Sport sich von der jüdischen Bewegung zum Selbstzweck emportragen läßt", hat Kommerzialrat Buchwald in Wahrheit etwas ganz anderes bemerkt, als in dem Bericht des zionistischen Blattes stand, und es wird ihm dort als seine Meinung unterschoben, was er als Ansicht der Antisemiten erwähnte. Wir wollen die Gelegenheit dieser Aufklärung benützen, um ein für allemal alle diese von gewisser Seite aus durchsichtigen Gründen verbreiteten Märchen zurückzuweisen. In diese jüdische Sportfrage soll und darf kein politisches Moment hineingetragen werden, wie es leider von bestimmter Seite geschieht. Diesen Standpunkt werden wohl auch die den Sport vor Augen habenden leitenden Persönlichkeiten der „Hakoah" teilen und es wäre nur sowohl im allgemein-jüdischen wie im sportlichen Interesse dringendst zu wünschen, daß dies auch von ihrer Seite klar zum Ausdruck gebracht wird. Sie haben zu diesem Zwecke nun das Wort. Die arische Sommerfrische Mondsee. In dem, Wiener Hakenkreuzorgan lesen wir: „Der schöne Ort Mo^idsee im Salzkammergut hat eine rein christliche und deutsche Gemeindeverwaltung, seine Bewohner wollen keine Juden als Sommergäste, die daher dort auch fehlen. Der Ort, der eine Apotheke, mehrere Aerzte, Spital, Post- und Telegraphenamt, gute Geschäfts- und Gasthäuser hat, empfiehlt sich daher von selbst als angenehme Sommerfrische, die von arischen Sommergästen nun erst recht aufgesucht wird." Wir können diese Empfehlung nur verstärken. Restaurant Biith II., Hollandstraße Nr. 14 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Menü zu S 180 und 2.20 Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus Jebea Samstag unb Sonntag Souper bansant Jeben Sonntag Tünf-VQr-Zee mit Zanz ■^5- Zum Besuch ladet höfl. ein I. GUTH, Besitzer. Ein Todesopier des Numerus clausus. Die Tragödie eines französischen Autors wurde unlängst in B u d a p e s t „wegen ihres aufreizenden Charakters" verboten. Inzwischen hat sich in der nämlichen Stadt eine Tragödie abgespielt, deren aufreizender Charakter gerade darin besteht, daß sie wahr ist. Und doch haben wir nichts davon vernommen, daß sich das moralische Empfinden der herrschenden Gesellschaftskreise dagegen empört hätte. Ein junger Mann warf sich vor einen daherbrausenden Schnellzug und blieb auf der Stelle tot. Grund des Selbstmordes: Er durfte die Hochschule nicht besuchen, denn er war Jude. Der 19jährige Paul Ranschburg, dies ist der Name des unglücklichen! jungen Mannes, hatte im Vorjahre-mit Auszeichnung maturiert und wollte Arzt werden. Er wartete bereits seit einem Jahre auf die Erlaubnis, das medizinische Studium an der Budapester Universität beginnen zu dürfen. Nachdem nunmehr sein Aufnahmsgesuch mit Berufung auf den Numerus clausus endgültig abgewiesen wurde, sah er keine Möglichkeit mehr, zu dem von ihm heißersehnten Berufe zu gelangen. Er nahm sich dies so zu Herzen, daß er seinem jungen Leben ein vorzeitiges Ende bereitete. Vielleicht wäre aus ihm dereinst ein hervorragender Forscher geworden, ein Arzt, der vielen Menschen Gesundheit gebracht haben würde. Er war sicherlich ein großer Idealist und sah seine Bestimmung darin, seinen leidenden Mitmenschen zu helfen, sein Leben zu opfern im Kampfe gegen den gemeinsamen Feind der Menschheit: die Krankheit. Doch vor ihm türmte sich wie eine unübersteigbare Mauer der Numerus clausus auf: er durfte nicht Retter werden, weil er Jude war. Das grausame Gesetz stellte sich vor ihm hin und versperrte ihm den Weg. Bis hierher und nicht weiter! Juden ist der Eintritt verboten! Doch er gab noch nicht alle Hoffnung auf, er wartete Wochen, Monate, ein ganzes Jahr. Endlich kommt die endgültige Entscheidung, die mit einem Male alle seine Hoffnungen zunichte machte. Er ging hin und warf sich vor die daherbrausende Lokomotive . . . Wo bleibt die moralische Entrüstung der sonst so empfindlichen ungarischen Gesellschaft? Warum duldet sie, daß sich täglich solche Tragödien in ihrer Mitte abspielen, die, mögen sie auch nicht immer einen furchtbaren Ausgang nehmen, dennoch nicht weniger „aufreizend" sind als die auf der Bühne ablaufenden? Wie ist diese Einseitigkeit zu erklären? Das eine ist gewiß: Das moralische Empfinden der Kulturwelt wird Stücke, wie das in Budapest soeben verbotene, weit weniger „aufreizend" finden als ein Gesetz, das jüdischen Studenten, wenn sie Aerzte werden wollen, keinen anderen Weg offen läßt, als den unter die Räder der Lokomotive. Menschenpflicht. Die „Schweizer Reformblätter, Volksblatt für freies. Christentum" bringen in ihrer Nummer 23 vom 5. Juni d. J. auf Grund einer' Mitteilung des „Kirchenboten von Elsaß-Lothringen" folgende „Geschichte vom barmherzigen Samariter in überraschender Färbung" zur Kenntnis ihrer Leser: ..Schauplatz: Mitte einer Chaussee, 10 Kilometer von der Stadt. Im Straßengraben ein Unglücklicher, der von einem Auto überfahren ist, das schleunigst das Weite gesucht hat Ein eiligst herbeigerufener Arzt bemüht sich um den Sterbenden. Ein anderes Automobil fährt heran; der Arzt hebt die Hand, es hält. „Hätten Sie wohl die Güte, diesen Schwerverletzten ins Krankenhaus der Stadt mitzunehmen?" Antwort: ^.Gewiß, ich will nur noch schnell meine Damen irgendwo unterbringen; auf der Straße können sie doch nicht bleiben. Ich komme baldigst zurück." Spricht's und — verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Ein zweites Automobil. Genau der gleiche Verlauf. Ein drittes Automobil hält von selbst. Der Besitzer, vom Sachverhalt kurz verständigt, ruft aus: „Meine Damen setzen sich einstweilen in den Straßengraben, bis ich sie wieder abhole. Erst muß der Verunglückte geborgen sein." Beim vorsichtigen Aufladen des Sterbenden erzählt der Arzt, was vorgegangen. „Aber", erwidert der Besitzer des Kraftwagens — „ich denke, es ist Christenpflicht, in solchem Fall sofort zu helfen. Ich bin nämlich — Jude!" So geschehen im Jahre 1926." Im Bücherverlag Otto Orlik, Linz a. d. D., ist ein interessantes Büchlein „Was jeder wissen soll, der mit der Eisenbahn reist" — zum Preise von S 1 — aus der Feder eines Fachmannes erschienen. Die aufschlußreiche Broschüre ist sehr zu empfehlen.

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