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Die Wahrheit · 1926-05-21 · Heft 22 (21.5.1926) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 22 (21.5.1926)
Date
1926-05-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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IE WAHRHEIT Oesterrelcbisclie Wochenschrift iür ffldlsdie Interessen MN dem Beiblatt: VerOfienflUhungen der ..Union üentschösicrreidiisdier Juden** Redaktion und Administration: Wien II., M«Im*«s*B"«U»«5 13- - Fernruf 42-2-16_ XL1I. Jahrgang Wien, 21. Mai 1926 Nummer 22 Enthüllungen über den antisemitischen „Weltkongreß". Die Geheimpläne der „völkischen Internationale". — Putschpläne für April 1926. der Regierung mit dem jüdischen Sejmklub stark beunruhigt, vor allem aber — Ford, der Geldgeber des europäischen Antisemitismus, der noch vor Jahr und Tag dem „Altmeister'' Fritsch mit der stattlichen Summe von 5000 Dollars ausgeholfen hatte, streikte. Keine Bettelbriefe halfen, der „Dearborn Independenf, das Organ Fords, wurde einmal sogar sehr amerikanisch deutlich und Wir sind heute in der seltenen Lage, aus der Feder eines ehemaligen Antisemiten vertrauliches Material über den Budapester Antisemitenkongreß zu veröffentlichen, das zweifelsohne größtes Aufsehen erregen wird. Unser Gewährsmann, der, wie gesagt, früher im gegnerischen Lager stand, ist wohl der einzige deutsche Publizist, der diesen authentischen Kongreßbericht geben kann. Aus Gründen der persönlichen Sicherheit muß unser Gewährsmann den Schutz des Redaktf&nsgeheimnisses voll in Anspruch nehmen. Die Red. Der sogenannte Wiener „Talmudprozeß", der mit einer — allerdings sehr milden — Verurteilung der beiden Angeklagten Gattermeyer und Müller endete, ruft aufs neue die Erinnerung an jenen im Herbste des vorigen Jahres in Budapest abgehaltenen antisemitischen „Weltkongreß" wach, bei dem gerade Gattermeyer, der Wiener Hakenkreuzführer, eine „prominente", wenn auch nicht immer rühmliche Rolle spielte. Jene Reminiszenz nun scheint mir wichtig genug, eines Kongresses zu gedenken, der in der unterschiedlichen Presse nicht nur eine differenzierte Beurteilung fand, sondern auch — entgegen seinen tatsächlichen Erfolgen — zu einem Ereignis „heraufgewürdigt" wurde. Immerhin war es das System einer antisemitischen Kräftesammlung, das erste Lebenszeichen jener bisher irrealen „völkischen Internationale" — dieses Paradoxon prägte als erster der ungarische Antisemitenführer Tibor von Ec khart — und also scheint es mir keine verlorene Zeit, diese sonderbare Tagung einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Welches waren die Voraussetzungen für diesen Kongreß? — Die russisch-antisemitische Bewegung, wie er sie sich in Deutschland etwa seit 1908 entwickelte, hatte sich beim Novemberputsch des Jahres 1923 eine entschiedene Niederlage geholt. Darüber mochten und konnten auch nicht die günstigen Ergebnisse bei den bayrischen Landtagswahlen hinwegtäuschen, die lediglich als letzte Reagenz eines an sich schon toten Körpers zu werten waren. — Im Auslande befand sich die antisemitische Bewegung ebenfalls im vollen Rückzug. In Oesterreich hatte als stärkste bürgerliche Partei die christlichsoziale Partei eine Revision ihrer Einstellung zum Judentum vorgenommen, in Ungarn war der „weiße Horthyschrecken" der liberaleren Bethlenregierung gewichen, der antisemitische. Rozwoj in Polen war durch den Pakt nannte die europäischen Antisemiten eine „zeitstehlende Schnorrergesellschaft". In dieser Zeit des Niederbruches müssen es die Antisemiten aller Länder dem österreichischen Generalkonsul de P o 11 e r e danken, daß er die Reste der einzelstaatlichen antisemitischen Bewegungen zu einem Instrument zusammenschweißte, dem auf weite Entfernung eine gewisse Aehnlichkeit mit einer Internationale nicht abzusprechen ist. De Pottere, alias Olier, das ist sein Geheimname, der zum Unterschied von Fritsch und Genossen kein Geschäftsantisemit, sondern ein verstiegener Doktrinär ist, reiste von Oesterreich nach Frankreich, von da nach England, dann wieder nach Italien und Polen, um Stimmung für einen antisemitischen „Weltkongreß" zu machen, der den Grundstein für eine machtvolle „rassische Internationale" bilden sollte. Die antisemitischen Führer der einzelnen Länder machten ihm die Vorarbeiten schwer genug. Fritsch z. B. wollte für den Kongreß nur dann stimmen, wenn ihm der Vorsitz übertragen wurde und keine Katholiken an dem Kongreß teilnehmen würden, denn — so dekretierte der „Altmeister" — Katholiken und Juden seien wesensgleich. Dr. B ö p p 1 e, München, wiederum wollte sich mit einem Franzosen nicht an einen Verhandlungstisch setzen, und Professor C u z a, der Rumäne, protestierte aus altem Nationalhaß gegen den Sitz des Kongresses, Budapest. — Endlich war es der Diplomatie de Potteres doch gelungen, die streitlustigen Delegierten zu einem prinzipiellen Einverständnis zu bringen, — der Kongreß konnte einberufen werden. Tibor von E c k h a r t, der Präsident der „Erwachenden Ungarn" und Herausgeber der antisemitischen Geheimkorrespondenz „Courier danubien" lud in französischer Sprache zu einem — ornithologischen Kongreß (!), der aber bezeichnenderweise nicht im zoologischen Institut der Hauptstadt, sondern im — Klubgebäude der erwachenden Ungarn stattfand. Worüber sollte nun beraten werden? Natürlich über die Methode, „die versklavten Völker der

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