Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-04-23 · Heft 18 (23.4.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 18 (23.4.1926)
Date
1926-04-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063989--14507-3082069
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Oestcrreichisclie Wochenschrift ihr ffidische Interessen flil dem Beiblatt: leröiientlitiiungen der ..Union deutschOsterreidiischer Juden Redaktion und Administration Wien MB.. HeiwestraOc 13. - Fernruf 42-2-16 XL1I. Jahrgang Wien, 23. April 1926 _Nummer 18 Ein Jahr nach Eröffnung der Hebräischen Universität. Von Joachim Fischer (Tel-Aviv). Vor etwa einem Jahre ist die Universität in Jerusalem eingeweiht worden. Wir haben diesem Ereignis einige Artikel gewidmet und es begrüßt, weil wir glaubten, mit der Universitätsgründung werde die Möglichkeit zu einer für das Judentum ersprießlichen wissenschaftlichen Arbeit eröffnet. Diese Hoffnung gibt uns das Recht und legt uns die Pflicht auf, jetzt, nach dem einjährigen Bestehen dieser jüdischen Universität, zu fragen, weiche Bedeutung sie im jüdischen Leben erlangt hat und was von ihr geleistet wird. Bemühen sich ihre Leiter, sie zu einer kulturellen Macht auszugestalten? Auf diese Fragen gibt der nachfolgende Artikel der Berliner „Jüdischliberalen Zeitung" eine allerdings sehr kritische Antwort. Die Red. Unter den verschiedenen Reserven, welche die zionistische Organisation mobilisierte, um die Erträge für Palästinazwecke auf ein Vielfaches zu bringen und ihnen neue Einnahmequellen zu erschließen, ist die Hebräische Universität als die zugkräftigste erachtet worden. Haben sich gewisse jüdische Kreise gegen ein Beisteuern zum Nationalfonds aus politischen Anschauungen ablehnend verhalten oder diente bisher das politische Schild so manchem als Yorwand, hinter dem man sich in seiner „Harpagonie" verschanzen kann, so nahm ihnen die Universität den Wind aus den Segeln. Denn Wissenschaft steht bekanntlich hoch über jeder Partei, weshalb alle vorzubringenden Gegenargumente, die von politischer Plattform aus starten, zum Wegfallen präjudiziert werden müssen. Die Zeit hat diese Voraussetzung nicht beschämt. Welch jüdisches Herz hat sich nicht vor Freude erweitert angesichts des hehren Momentes der Universitätseröffnung am 1. April 1925. Ein nicht endenwollendes Triumphgeschrei ertönte an diesem Tage: Nunmehr wird der Jude aus dem eigenen unerschöpflichen Born seinen Wissensdurst befriedigen können. Die Alma mater von Jerusalem wird segenspendend ihre Hände über Palästina und die Galuthländer ausbreiten und dem numerus clausus die Giftzähne, dem reichen Amerikaner den Beutel herausziehen. Ein weiter Horizont breitete sich vor unseren Blicken aus und enthüllte Möglichkeiten von unermeßlicher Tragweite. Die jüdische Universität, als Kulturzentrum von Achad Haam gedacht, früher nur nebelhaft umrissen, jetzt die erdenklich greifbarste Form annehmend, wurde zum Stemmeisen, dem kein Kassenschrank erheblichen Widerstand entgegensetzen konnte. Wer nun das eigentliche Gesicht der „Universitär' — nicht mittels Enthusiasmusstift retuschiert — erblicken möchte, selbst auf die Gefahr hin, desillusioniert zu werden, der höre: Den Eröffnungsfeierlichkeiten am 1. April 1925 beizuwohnen, war für einen Nur-Journalisten mit Schwierigkeiten verbunden, den Mittelpunkt dieser Feier in Augenschein zu nehmen, fast ein Ding der Unmöglichkeit; so mußte man sich denn bescheiden und warten. Einige Zeit nach diesem Wirbel besteigt Schreiber dieser Zeilen einen Autoomnibus, der die Verbindung zwischen Jerusalem Stadt und dem Skopusberg vermittelt. Nach etwa 20 Minuten Fahrt hält das Auto, alle verlassen es, und ich tue ein gleiches, in nicht weiter Ferne ward ein schloßartiges Gebäude sichtbar, das ich fälschlich für die Universität hielt. So fragte ich, warum man denn nicht die kurze Strecke bis dahin zufahre? Man staunte mich an und bedeutete mir, ich befände mich bereits am Ziel — falls ich zur Universität wolle — das Schloß wäre nämlich die Residenz Lord Plumers, ein bei der deutschen Reichsregierung gemieteter Bau. Nun war die Reihe des Staunens an mir, denn um mich blickend, gewahrte ich ein zweistöckiges Haus, welches äußerlich verzweifelt wenig Aehnlichkeit mit einer Hochschule hatte, und was ich im Inneren zu sehen bekam, war nicht dazu angetan, die Bezeichnung „Universität" zu rechtfertigen. Das Gebäude enthält in den zwei Stockwerken und im Erdgeschoß insgesamt 25 Räume mit einem Durchschnittsflächeninhalt von je 40 Quadratmeter pro Raum. Die Bestimmungen dieser Lokalitäten sind: Biochemische Laboratorien, Hörsaal (Fassungsmöglichkeit: bis 50 Personen), Fachbibliothek und Hilfskabinette für vorbereitende Arbeiten und dergleichen. Nach den Fakultäten befragt, gab man mir Bescheid, diese werden mit der Zeit gebaut werden; Vorlesungen haben soviel wie keine stattgefunden. Dies ist das naturgetreue Antlitz der „Universität", aus dem Nimbus herausgeschält! Wäre dieses physiologisch-chemische Institut durch regelmäßige Vorlesungen belebt und stünde es zum Vergleiche neben einem deutschen mittleren Kalibers, es würde sich dann ein Verhältnis von 1:30 ergeben. Wohl wird mir mancher mit überlegenem Lächeln entgegenhalten: Wie ist es denkbar, soviel Diplomaten und Gelehrte — zum großen Teil Nichtjuden —, die mit keinem ziLgunsten Palästinas gefaßten Urteil hergekommen sind, wie kommt es, daß diese mitgetan haben? — Darauf könnte ich eigentlich mit einer Gegenfrage erwidern: Wenn ich nun außerstande bin, die Gedanken dieser Herren zu ergründen, soll ich deswegen meinem eigenen Gehör- und Gesichtssinn nicht trauen dürfen? Schließlich sind da auch genug einleuchtende

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.