Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 8 (19.2.1926)
- Date
- 1926-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Österreichische Wochenschrift für iGdisdie Interessen Mii dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union deutschösierreichischer Joden Redaktion und Administration: Wtcn ÜCMlMestraOc - Fernruf 42-2-16 XL1I. Jahrgang Wien, 19. Februar 1926 ~_Nummer 8 Ein Schandstück. Wir leben in der Zeit der Enthüllungen. Alle "Zeitungen haben sich bisher reichlich an dieser wahrhaften Enthüllungsmanie beteiligt und ihren Lesern zuän Frühstück oder zur Jause die weiterschütte rndsten Enthüllungen gebracht. Korruptionen, Bestechungsaffären, Umsturzpläne und dergleichen wurden Tag für Tag aufgedeckt und die tiefsten Geheimnisse ans Tageslicht gebracht. Da ist es verständlich, daß ein Blatt nicht zurückstehen konnte, das alle Ursache hatte, die restlichen Leser an sich zu. fesseln, um dem fortschreitenden Abonnentenschwurad endlich Einhalt zu gebieten. Womit aber fesselt man heute gewisse Zeitungsleser? Nicht mit gehaltvollen Artikeln, sondern mit marktschreierischen Ueberschriften, nicht mit ernsten Berichten, sondern mit fabelhaften Enthüllungen. Auf der krampfhaften Suche nach solchen hat nun auch die „W iener Morgen zeitun g" eine „Enthüllung" gebracht, die eigentlich gar keine ist. Ein Brief ist ihr in die Hände gefallen, der an sich wirklich nicht geeignet erscheint, Aufsehen hervorzurufen. Doch was tut man nicht alles, um den verhaßten Assimilanten etwas am Zeug zu flicken? Eine fette Ueberschrift und das nötige Geschrei machen aus der harmlosesten Angelegenheit einen „Skandal". Unter der Ueberschrift „G e h e i m d i p 1 o - m a t i e in der Wiener K u 11 u s g e m e i n d e" veröffentlichte die „Wiener Morgenzeitung" in ihrer Ausgabe von Donnerstag, den 11. Februar, ein Schreiben des Vizepräsidenten der Kultusgememde und Präsidenten der „Union deutschösterr e i c h i s c h e r J u d e n<", Herrn Dr. Jakob Orns t e in, welches sie als „ein ver ttau 1 iche s Rundschreiben an jüdische Gemeinden und Korporationen im Auslande" bezeichnet. Dieses Schreiben hat folgenden Wortlaut: „Die Wiener Jüdischnationalen betreiben ungeachtet der großen finanziellen Depression, unter der die jüdische Bevölkerung Oesterreichs derzeit leidet, 'eine besonders lebhafte Agitation für ihren Keren Hajessod, indem sie hierbei immer wieder auf die Stellungnahme der jüdischen Körperschaften in anderen Ländern hinweisen. Wir wären Ihnen besonders dafür verbunden, wenn Sie uns, falls es Ihnen möglich ist, zu unserer Information Mitteilungen über das Verhalten der dortigen jüdischen Gemeinde und der dortigen namhaften jüdisch-religiösen Verbände und anderer Institutionen gegenüber dem Keren Häiessoff machen würden, da unsere Vereinigung, respektive deren" Mandatare im Kultusvorstand an dieser Frage lebhaft*interessiertsind." ) L. S. Dr. Jakob Ornstein m. p." Zunächst sei festgestellt, daß das Wesen und die Bedeutung obigen Schreibens von der „Morgenzeiturig" absichtlich entstellt wiedergegeben ist. Ganz vertraulich bemerken wir: Erstens ist es nicht wahr, daß der Brief „vertraulich" war, zweitens ist es falsch, daß es sich um ein „Rundschreiben" gehandelt habe, und drittens ist es eine bewußte Lüge, daß dasselbe „an jüdische Gemeinden und Korporationen in Auslande" versendet wurde. Wahr ist vielmehr, daß das genannte Schreiben, das mit keinem Worte als vertraulich bezeichnet wurde, bloß an fünf Privatpersonen, darunter persönlich Bekannten und Verwandten des Absenders, übermittelt wurde. Und nun zu den Beweggründen für dieses Schreiben. Die „Wiener Morgenzeitung" war es, die in ihrer Ausgabe vom 17. Jänner ein Interview mit dem jüdischnationalen Vizepräsüdenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Josef Löwenherz, veröffentlicht hatte, in welchem dieser im Sinne des Beschlusses des Zionistischen Parteirates eine „mit allem Nachdruck" geführte Aktion der jüdischnationalen Mandatare im Kultusvorstand ankündigte, die eine ausgiebige Unterstützung des zionistischen Keren Hajessod durch die Gemeinde zum Ziele haben sollte. In diesem Interview wurde nun darauf hingewiesen, daß ausländische Gemeinden zum Unterschied von der Wiener den Keren Hajessod „nicht wie irgend eine andere Fürsorgeaktion behandeln", sondern „seiner Bedeutung reifes Verständnis entgegenbringen", das sich auch in der reichen Dotierung in ihren Budgets auswirkt. Nun haben wir allen Grund, allem, was in der „Morgenzeitung" steht, das größte Mißtrauen entgegenzubringen. Denn zu oft haben sich ihre Mitteilungen und Berichte als frei erfunden herausgestellt, die sogar von der eigenen Parteipresse des Auslandes dementiert werden mußten. Erst in der letzten Nummer hat „Die Wahrheit" festgestellt, wie die Meldung der „Morgenzeitung" von der Nichtbeteiligung der Budapester agudistischen Gemeinde an dem dortigen Jubiläumsfeierlichkeiten auf tendenziöser Unrichtigkeit beruhte, eine Feststellung, die trotz aller gegenteiligen Behauptungen der „Morgenzeitung" weiter zu Recht besteht. Was den Keren Hajessod und das angeblich „reife Verständnis, welches anderswo seiner Bedeutung entgegengebracht wird", betrifft, so wußten wir bereits von authentischer deutscher Seite folgendes: Der Vorstand; der Berliner j ü d ischen Gemeinde hat offiziell keine Stel-