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Die Wahrheit · 1925-12-18 · Heft 50 (18.12.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 50 (18.12.1925)
Date
1925-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift ihr iQtiisdie Interessen NU dem Beiblatt: VerOlientlidinngen der ..Union aeutsciiosierreidiisdier laden" Redaktion und Administration Wien ML, ■■«■■»«»*B,€»0« IS. - Fernruf 42-2-15 XLI. Jahrgang Wien, 18. Dezember 1925 Nummer 50 t^Hurra! Vorwärts! Schießen! Das war das Kriegsgeschrei der Hakenkreuzter, als sie die Mödlinger Arbeiter überfielen, mit diesen Ruf stürmten die mit Schuß-, Hieb- und Stichwaffen ausgerüsteten Mordgesellen auf unbewaffnete Menschen los. Die sonst so stillen Gassen Mödlings hallten wider von Gewehrgeknatter, dem wilden Geheut der Hakenkreuzlerhorde und dem Stöhnen der Schwerverletzten ... „Hurra! Vorwärts! Schießen!" Diese Rufe gellten dem armen Müller in die Ohren, als er sich in Schmerzen wand, bevor er seine Seele aushauchte. „Sie haben ihn so zugerichtet" sagte der Arzt zu seiner fassungslosen Frau, „wie ich noch nie einen Verletzten gesehen habe." Unter den zahlreichen Zeugenaussagen, welche über die Mödlinger Vorfälle berichteten, ist die Aussage der Witwe des Gemordeten am erschütterndsten. In knappen Worten, mit tränenerstiokter Stimme schilderte sie den Zustand, in dem sie ihren Mann angetroffen hatte und was er ihr über seine furchtbare Mißhandlung erzählt habe. „Mit den Rufen: „Der rote Hund muß hinwerden, der rote Hund muß krepieren!", haben sie ihn geschlagen, zu Boden geworfen, durch die Straße geschleift und mit Füßen getreten. Seine Kleider waren zerrissen, mit Blut und Schmutz bedeckt und wiesen zwei Stiche auf." Sind das noch Menschen? Können Kreaturen, die derartige ganz unausdenkbare Roheiten begehen, noch überhaupt der Gattung „homo sapiens" zugerechnet werden? Wofern überhaupt die Rassentheorie zu Recht bestünde, wofern es überhaupt einen Sinn haben kann, die Eigenschaften von Menschen aus ihrer Abstammung herzuleiten, wie es besonders gerne die Gesinnungsgenossen der Angeklagten uns Juden gegenüber tun, dann müssen die Mordgesellen von Mödling eine ganz erbärmliche Rasse sein. Man braucht nur die Herrschaften, die auf der Anklagebank Platz genommen haben, anzublicken und ist sich sofort darüber klar, typische Hakenkreuzler vor sich zu haben. Niedrige Stirne, ein stumpfer, direkt tierischer Blick, ein ausgesprochenes Raubtiergesicht zeichnet die meisten von ihnen aus. Besonders scharf sind diese Züge beim Hauptangeklagten Roland Steingruber ausgeprägt, dessen Haltung und Benehmen auch im Gerichtssaale unverschämt, frech and höhnisch ist. Dem Beobachter drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Gelangten jene Individuen zum Hakenkreuz, weil sie von Natur aus bereits froh und gemein veranlagt waren, oder war es das Hakenkreuz, das diese Burschen verroht und vertiert hat? Wie dem auch sein mag, die Mentalität dieser Burschen, von denen einige kaum dem Knabenalter entwachsen sind, ist wahrhaft erschreckend. Schießen, Raufen, Exerzieren und Randalieren scheint ihr eigentlicher Lebenszweck zu sein. Aul diese Tätigkeiten bereiten sie sich vor; sie werden von ihren Führern darin gedrillt und zu Haß, Feindschaft und Menschenverachtung erzogen. Halbwüchsige Burschen erhalten scharfgeladen« Schußwaffen und andere Mordwerkzeuge in die Hand und werden systematisch zu Mördern herangebildet. Juden, Rote und alle übrigen Menschen» die ihnen aus irgend einem Grunde nicht genehm sind, werden als Feinde gebrandmarkt, „die — um in ihrer Sprache zu sprechen — erledigt werden müssen". Was kümmert sie Recht und Gesetz, was moralische oder religiöse Skrupel, Haß und Grausamkeit sind die Motive ihres Handelns: „Der rote Hund muß krepieren" brüllten sie, als sie den schwerverletzten Müller durch die Straßen schleiften. Ein Mann, der Weib und Kind zu Hause hat» ein Mensch, der keinem von ihnen etwas zu Leide getan hat, „muß" hingemordet werden? Warum? Ganz einfach, weil es ein „r o t e r H u n d" ist. Die politische Ueberzeugung eines Menschen war für sie Grund genug, über ihn das Todesurteil zu fällen, ebenso wie die religiöse Ueberzeugung von Staatsbürgern oder ihre Abstammung ihnen Grund genug erscheint, deren „Ausrottung" zum Parteigrundsatze zu machen. So kommt es, daß dank der Tätigkeit der Hakenkreuzler Mord, Totschlag und öffentliche Gewalttätigkeit bei uns auf der Tagesordnung sind und der in diesen Tagen stattfindende Hakenkreuzlerprozeß ist leider nicht der erste seiner Art. Allen diesen Pozessen war es gemeinsam, daß die der schwersten Verbrechen Angeklagten sich der Ruchlosigkeit ihrer Handlungen nicht bewußt waren und erst vom Richter darüber belehrt werden mußten, daß man Menschenblut auch dann nicht vergießen darf, wenn es das eines politischen Gegners ist. „Hurra! Vorwärts! Schießen!" diese Kommandorufe, die das Signal zu den Mödlinger Gewalttätigkeiten gegeben haben, mögen endlich auch die österreichische Oeffentlichkeit aus ihrem Schlafe wecken, so wie die Mödlinger um Mitternacht aus dem Schlummer geweckt und zu Zeugen der entsetzlichsten Szenen gemacht wurden. Sie mögen auch jenen gellend in die Ohren klingen, welche es nicht wahrhaben wollen, daß wir hier in Oesterreich, in unserer friedlichen Republik, eine bis an die Zähne bewaffnete, zu jeder Gewalttat fähige, gut organisierte Rotte von Verbrechern

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