Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 48 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Osterreichische Wochenschrift für ffldfsche Interessen nil dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union dentschosterretchischer laden Redaktion und Administration IWIen II.. Helnetirafte 13*. - Fernruf 42-2-16 XL1. Jahrgang Wien, 4. Dezember 1925 Nummer 48 Locarno und die jüdischen Deutschen. Der Locarno-Vertrag wurde im deutschen Reichstag genehmigt, Reichspräsident fündenburg hat seine Unterschrift daruntergesetzt und in wenigen Tagen findet in London die feierliche Unterzeichnung des Locarno-Paktes durch alle beteiligten Staaten statt. Die Frage, was der Locarno-Vertrag speziell für die deutschen Juden bedeute, hat der Syndikus des „Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Dr. Ludwig Holländer in einer Rede zu beantworten gesucht, die er in einer Versammlung der Ortsgruppe Essen dieses Vereines am 19. November gehalten hat. Da wir glauben, daß diese Rede auch für die deutschösterreichischen Juden von Interesse sein wird, wollen wir sie im folgenden im Auszuge wiedergeben. Die Zusammenstellung Locarno — jüdische Deutsche mag auf den ersten Blick erstaunen. Sie ist aber begründet. Der Begriff „jüdischer Deutscher" ist absichtlich gewählt worden, weil es sich hier nicht um eine innerjüdische Frage, welcher der Bezeichnung „deutscher Jude" mehr entsprochen hätte, sondern um die Stellungnahme des jüdischen Teiles der deutschen Bevölkerung zu den wichtigsten Problemen der deutschen Gegenwart handelt. Ein erheblicher Teil derjenigen, die Locarno bekämpften, tun dies aus dem Gesichtspunkt heraus, daß hier, ebenso wie bei dem Dawes-Abkommen, ein Sieg des „jüdischen Geistes" und des „internationalen jüdischen Finanzkapitals" zu verzeichnen sei, und deswegen müsse das Abkommen als im Wider- $pruch zu den deutschen Interessen stehend bekämpft werden, wie überhaupt der „jüdische Geist" und das „internationale jüdische Finanzkapital" dem Deutschtum besonders schädlich seien. Will man das Wesen von Locarno erfassen, will man das Problem erst richtigstellen, so muß man prüfen, was Locarno bedeutet. Infolgedessen unterzog der Vortragende zunächst den Inhalt des Locarno-Abkommens und der Dawes-Verträge einer eingehenden Untersuchimg und nannte die wesentlichen Gründe, mit denen die Gegner des Abkommens ihre ablehnende Haltung rechtfertigen. Dann ging er zu den Beweggründen der den Verträgen freundlich Gesinnten über und stellte fest, daß von den Anhängern der Vertragsschlüsse zugegeben werde, die positiven Ergebnisse würden im Vergleich mit dem sogenannten Geiste von Locarno, der das Wesentlichste des Erreichten sei, unerheblich sein. Dieser Geist wird sich, wie man sagt, erst in Zukunft auswirken und der Welt die Befriedung geben; Wer Locarno abgeneigt ist, begründet diese Tatsache damit, daß er auf diesen Geist nichts gebe, weil kein ernster Wille dahinterstehe und ein ernster Wille zum Frieden auch nicht vorhanden sei. Dem Judentum, so führte der Redner weiter aus, ist aus Religion und Erfahrung die Bedeutung des Geistes, des Friedens für die Menschheit besonders aufgegangen; das beweist zunächst das Friedensideal der jüdischen Religion, welches seit allem Anbeginn im Frieden das Höchste der menschlichen Güter erblickt hat. Diese Stellungnahme bedeutet aber nicht etwa einen charakterlosen Pazifismus, sondern erstrebt nur die wahre Versöhnung der Menschenklassen und der Völker untereinander. Der Vortragende legte an Hand der Bibel und der jüdischen Gebete dar, wie mit jedem jüdischen Menschen der Friedensgedanke eng verbunden ist und wies anderseits an Beispielen der Geschichte nach, daß nur Friede, Versöhnung und Verständigung die Menschheit festigen und Kultur erzeugen und schaffen könne. Dieser Geist der Verständigung hat in der in den letzten Jahrzehnten immer mehr herausgearbeiteten Lehre von der Solidarität eine genauere Erklärung gefunden und die Möglichkeit erstrebenswerter Entwicklung gezeigt. Allerdings kann die Solidarität nur in ganz wenigen Fällen, wie bei Erdbeben usw., ein Gut der gesamten Menschheit sein, im übrigen gilt es, eine sogenannte partikulare Solidarität zu erstreben, weil eine gesamte eben unmöglich ist. Solche partikulare Solidarität gibt aber dem einzelnen Stamm im Staate und einzelnen Völkern in ihrem Verhältnis zueinander die größtmöglichste Entwicklungsfrei'heit und ist deshalb rm nationalen wie im Menschheitsinteresse ein Gebot der Stunde. Sie hat im Internationalismus im Sinne der Aufgabe des eigenen Volkstums nicht das geringste zu tun. Die jüdischen Deutschen sind durch Religion und Entwicklung jedem Gedanken zugeneigt, der einen Geist der Verständigung und Befriedigung schafft, und haben also Anlaß, das Vorhandensein dieses Geistes zu bejahen, der in höherem Maße Bürgschaft für Gerechtigkeit und Frieden bietet als unter Umständen positiv erreichte Ziele, die ja auch nur durch den Geist der Verständigung gesichert werden könnten. Wenn in diesem Zusammenhang von dem internationalen Finanzkapital gesprochen wird, das im Dawes-Abkommen seinen Triumph zu Ungunsten Deutschlands gefeiert hätte, so muß endlich einmal in allen Kreisen der Bevölkerung auf den Unsinn hingewiesen werden, der in diesem Begriff des „internationalen jüdischen Finanzkapitals" liegt. Dr. Holländer wies dann auf eine neuerdings von Hitler gehaltene und viel' verbreitete Rede hin, in der dieser der volkswirtschaftlichen Grundbegriffe nicht mächtige Redner die Volksmassen in unklarer