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Die Wahrheit · 1925-11-27 · Heft 47 (27.11.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 47 (27.11.1925)
Date
1925-11-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift ihr tonische Interessen Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen Oer Union dentschösterreichischer Inden Redaktion und Administration Ulen II., HelneslroOe IS. - Fernruf 42-2-16 XLI. Jahrgang Wien, 27. November 1925 Nummer 47 Eine Einladung und ihre Beantwortung. Wie wir bereits gemeldet haben, kam es in der am Mittwoch, den 18. d. M., unter Vorsatz des Präsidenten Prof. Dr. A. Pick, stattgefundenen öffentlichen Sitzung des Vorstandes, der israelitischen Kultusgemeinde Wien zu so stürmischen Auseinandersetzungen zwischen der Gruppe der „Union." und den Vertretern, der Jüdischnationalen, daß die Sitzung vorzeitig abgebrochen werden mußte. Die Ursache dieser heftigen Szenen war eine freundliche Einladung der Pester Religionsgemeinde an den Gemeindevorstaiid zu der am 22. d. M. stattgefundenen Feier der dreißigsten Jahreswende der Rezeption der israelitischen Religion in Ungarn und des 125jährigen Bestandes der Pester israelitischen Religionsgemeinide. Während nun die michtnationale Majoritätspartei im Kultusvorstande sich warm für die Teilnahme an dieser Feier einsetzte, welche schon eine selbstverständliche Pflicht der Höflichkeit gegenüber einer jahrelang befreundeten Schwestergemeinde darstelle, vertrat Oberbaurat Ing. Stricker namens der Jüdischnationalen den Standpunkt, daß der Einladung der Pester Religionsgemeinde keine Folge zu leisten sei. Er begründete die Nichtteilnahme damit, daß er die Pester Religionsgemeinde direkt des Verrates an der jüdischen Solidarität beschuldigte und ihre „würdelose" Haltung schärfstens kritisierte. Die Geschichte der ungarischen Gläubensbrüder seit dem Zusammenbruch der Monarchie gehört zu den traurigsten Kapiteln der langen Leidensgeschichte unseres Volkes. Was die Ausschreitungen einer wüsten Kommunisfenherrschaft, was die Verfolgungen eines fürchterlichen weißen Terrors unseren ungarischen Glaubensibrüdern angetan haben, das läßt sich nicht schildern, ohne tiefste Sympathie und innigstes Mitleid mit diesen gequälten, gepeinigten und gehetzten Menschen zu empfinden. Kaum erwacht aus der finsteren Nacht der Verzweiflung, haben diejenigen, welche ihr nacktes Leben aus dem roten und weißen Schrecken errettet haben, allmählich wieder begonnen, sich in den neuen Verhältnissen zurechtzufinden und als erstes Ziel in echt jüdischer Weise-die Wiederherstellung ihrer religiösen Institutionen: und kulturellen Einrichtungen ins Auge gefaßt. Die. vom Pester Kultusvorstande eingeleitete Bewegung zur Rückkehr zur jüdischen Religion und Glaubensfrömmigkeit hat Früchte getragen, die jeder Kultusgemeinde .zur Ehre gereichen würden. Ist es doch eine im Laufe der jüdischen Geschichte oftmals erhärtete Tatsache, daß das Judentum um so fester an seinem Glauben, an seiner Religion hängt, je trauriger die äußeren Verhältnisse sind. Sie gibt ihm Trost und Kraft und Zuversicht. Wenn wir aber das Verhalten der Pester Religionsgemeinde nach außen richtig beurteilen wollen, dann müssen wir uns in ein Land begeben, in welchem bis in die letzte Zeit die politische Freiheit aufgehoben und insbesondere die Presse vollkommen geknebelt war, in ein Land, in dem eine Horde von Rassenschützlern Einfluß auf die Regierungsgewalt hatte und einen derartigem Terror ausübte, daß nicht einmal gemäßigte ungarische Politiker ein freies Wort sprechen durften, ohne befürchten zu müssen, schon in der nächsten Stunde für immer mundtot gemacht zu werden. Und da gibt es in Wien Politiker, die sich das Recht herausnehmen, von Oesterreich aus, wo ja immerhin Leben, Ehre und Eigentum der Juden gesetzlichen Schutz genießen, ein Urteil über Verhältnisse zu fällen, die sie nicht kernen', die sie infolge der strengen Zensur nicht einmal kennenlernen können. Sie, die keine Schreckensherrschaft über sich haben ergehen lassen müssen und reden kennen, was und wieviel sie wollen, halten es für würdevoll, die aufgezwungene politische Taktik und der bitteren Not gehorchende Einstellung der ungarischen Juden als „würdelos" zu bezeichnen. Zur Begründung seiner allgemeinen Anschuldigungen gegen die Pester Religionsgemeinde hat Herr Stricker in obgenaronter Sitzung folgenden Beweis zu erbringen versucht: Vor einiger Zeit hätte Lucien Wolf im Namen der „Joint Foreign Comittee of the Jewish Board of Deputies" beim Völkerbund eine Beschwerde wegen des in Ungarn an den ungarischen Hochschulen herrschenden' Numerus clausus eingebracht. Die Vertreter der ungarischen Judenheit hätten nun gegen diesen vom Auslande eingeleiteten Schritt Einspruch erhoben mit der Begründung, daß sie die Aufhebung der ungerechten Ausnahmsgesetze bei ihrer Regierung selbst betreiben. Hierdurch hätten nun die Vertreter der ungarischen Juden nach der Ansicht des Herrn Stricker, der seinerzeit mit Kunschak an einem Strick zog, das jüdische Solidaritätsgefühl verletzt und wären ihren Helfern „in den Rücken gefallen". Vizepräsident Dr. 0 r n s t e i n, der mit Lucien Wolf über die Vöikerbündemgabe selbst verhandelt hatte und mit diesem auch in Budapest war, ist den Anschuldigungen Strickers sofort entgegengetreten, indem er erklärte, daß er mit den maßgebenden ungarischen Politikern über die Numerus clausus- Frage gesprochen habe und das ihm diese ihre bestimmte Erwartung ausgedrückt hätten, daß die Aufhebung des Numerus clausus in Bälde erfolgen

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