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Die Wahrheit · 1925-11-13 · Heft 45 (13.11.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 45 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 45 Seite 9 § Wahrheiten vom Tage gi| Die Hochschuliffege ist durch die Denkschrift der Rektoren der österreichischen Universitäten aktuell geworden und stellt im Mittelpunkte der Erörterungen aller jener, denen das Wohl und Wehe unserer höchsten Bildungsanstalten am Merzen liegt. Die finanzielle Notlage unseres durch Krieg, Inflation und Wirtschaftskrise verarmten Staates, der Zwang, sich auf jede mögliche Weise einzuschränken, hat leider auch vor den Toren unserer Hochschulen nicht Halt machen können und so befinden sich diese In einer schweren Krise. Es ist selbstverständliche Pflicht unseres Staates, will er nicht seine eigene Zukunft preisgeben, jene Bildungsanstalten, wenn auch mit dem Aufgebot der letzten Kräfte, zu erhalten, in denen die künftigen Führer unseres Volkes herangebildet werden. Denn jede Ersparnis auf diesem Gebiete müßte sich späterhin doppelt, zehnfach rächen, wenn die studierende Jugend mangels entsprechender Unterstützung der Hochschulen nicht die volle wissenschaftliche und praktische Ausbildung erlangen könnte. Genau so wie ein armer Vater lieber sich selbst die größten Entbehrungen auferlegt, um seine Söhne studieren zu lassen, lieber Bücher für diese als Brot für sich selbst kauft, so müßte auch unser Staat in erster Linie für die Hochschulen sorgen, mögen hierdurch auch Ersparnisse und Einschränkungen auf anderen wichtigen Gebieten notwendig werden. Allein die Not unserer Hochschulen ist nicht nur eine materielle, sie ist auch eine geistige. Unabhängige Wissenschaft, Freiheit des Lehrens und Lernens, ehemals und auch in den Zeiten des monarchischen Absolutismus die Grundpfeiler unserer Universitäten, heute werden sie kaum mehr beachtet. Auf allen Hochschulen haben sich unter wohlwollender Duldung der akademischen Behörden Studeutengruppen gebildet, die die Hochschulen terrorisieren und offen die Rassenreinheit der Hochschulen proklamieren. Wiewohl Forschung, Wissenschaft und Wahrheit mit Unduldsamkeit und Rassenhaß nicht däs Geringste zu tun hat, führen diese Gruppen, die nur eine geringe Minorität unter der Studentenschaft darstellen, dennoch das große Wort und vernichten durch ihre unablässigen Ausschreitungen das Ansehen, das unsere Hochschulen im Ausland besitzen, das einzige Aktivum, das ihnen trotz aller wirtschaftlichen Not geblieben ist. Ja sogar innerhalb der Professorenschaft und der höchsten akademischen Behörden macht der Geist der Unduldsamkeit deutliche Fortschritte. Bei der Berufung von Gelehrten ist nicht allein die wissenschaftliche Bedeutung maßgebend, sondern in noch viel höherem Grade der — Stammbaum des zu berufenden Wissenschaftlers. Besteht dieser die Ahnenprobe nicht, dann ist er nicht würdig, an österreichischen Hochschulen etwa Augenheilkunde oder römisches Recht zu unterrichten. Daß sogar solche Gelehrte, in deren Adern kein Tropfen jüdisches Blut fließt, nur deshalb zurückgewiesen werden, beziehungsweise keine Dozentur erreichen können, weil ihre Weltanschauung oder politische Gesinnung den maßgebenden Faktoren nicht gefällt, soll nicht verschwiegen werden. Mit einem Worte, viel schwerer als die materielle Not lastet auf unseren Hochschulen die geistige. Dies ist der Punkt, von dem aus die Hochschulfrage zunächst aufgeworfen werden muß. Mens sana in corpore sano, sagt der Lateiner. Geist und Körper unserer Hochschulen in gleicher Weise zu pflegen, das sind wir unserer Kultur, unserer Vergangenheit und Zukunft schuldig. Die Gegenwart allerdings ist eine sehr traurige. D!e grenzenlose Verrohung, die das Hakenkreuz zur Folge hat, die furchtbaren Verheerungen, die dieses Sinnbild des Hasses und der Gemeinheit in den Gemütern mancher Menschen angerichtet hat, zeigt folgender an sich unbedeutender Vorfall, den wir jedoch aus dem Grunde veröffentlichen, weil er die tiefe Dunkelheit, die in den Gehirnen gewisser Rassenantisemiten herrscht, blitzlichtartig erhellt: Das seit 1844 bestehende und schwer um seinen Bestand kämpfende „Allgem. österr. israel. T a u b s t u m m e n i n s t i t u t" in Wien III., Juchgasse 22, versendet seit drei Jahren jedesmal im Herbst, um seine Einnahmen zu vermehren, hebräische Kalender und bemüht sich hierbei nur Juden zu erreichen. So geschah es auch heuer. Da erhielt das Institut am 20. Oktober einen solchen Kalender zurück. Es war offenbar mit einer Papierschere aus dem Kalender ein Dreieck ausgeschnitten und auch ein Stück des blauen Deckblattes weggeschnitten. Auf dem weißen Titelblatt aber war ein Hakenkreuz gezeichnet, unter dem offensichtlich von der Hand eines Schriftkundigen folgendes geschrieben stand: .Jüdische Lausbuben! Echt asiatische Frechheit, einen solchen Dreck-Kalender bettelnd an einen Arier zu versenden! Ich merke mir genau die Adresse." Der Verfasser dieses geschriebenen Roheitsaktes will sich also die Adresse der Anstalt, in der arme, unglückliche Menschen geborgen werden, *,genau me rk e n'\ während er die Angabe seiner eigenen Anschrift wohlweislich unterlassen hat. Also feige auch noch! Jetzt ist das Bild, das wir uns von diesem würdigen Vertreter der Hakenkreuzgilde machen, vollständig. Eine wohlbegründete Absage au den Rassenantisemitismus bedeutet das Schreiben, in dem der ehemalige Kabinettsdirektor des Exkaisers Karl Polzer-Hoditz der Leitung der „Konservativen Volkspartei" seinen Austritt anmeldet. Seit der Rückkehr des Führers dieser Partei, des Herrn S c h a g e r, vom Antisemitenkongreß in Budapest, macht sich in ihr in immer stärkerem Grade eine antisemitische Strömung bemerkbar, ja es wurde sogar in der letzten Parteienunziation der Antisemitismus als wichtiger Programmpunkt verkündet. Herr Polzer-Hoditz, der bisher eine führende Stellung innerhalb dieser Partei innegehabt hatte, erblickte nun in dieser neuen Einstellung eine Verleugnung der monarchischen Idee und eine schwere Schädigung der Partei. Das Schreiben, mit dem er seinen Austritt begründet, hat folgenden Wortlaut: ..Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß die Parteileitung unter dem Einfluß deutsch radikaler Elemente die konservative Völkspartei in eine Strömung treibt, welche sich mit Legitimismus und Konservativismus nicht verträgt und sogar für unser restliches Oesterreich in höchstem Maße schädlich ist. Was den kürzlich bekanntgewordenen Programmpunkt der Parteileitung, den Rassenantisemitismus, betrifft, so ist von diesem am letzten Parteitag keine Rede gewesen. Ich hätte dem niemals zugestimmt. Jeder mag sich zur J udenfrage stellen, wie er will. Ich halte es aber für eine Anhänger der Monarchie werbende Partei für schädlich, gegen wen immer eine Kampfesstellung einzunehmen, zudem gegen die Juden, unter denen sich zur Zeit des Kaiserreiches t r e u e An h än ge r befanden, was ich als ehemaliger Kabinettsdirektor Kaiser Karls der Wahrheit zur Ehre bezeugen muß. Im übrigen kann ich als gewesener Kabinettsdirektor und langjähriger Vertrauensmann Kaiser Karls bezeugen, daß dieser die L o ya 1 i t ä t der Juden in gegebenen Fällen voll anerkannte und daß der Rassenantisemitismus seiner Wesensart nicht entspricht." Mag man nun zu dem Programme der Monarchisten welche Stellung immer einnehmen — die unsrige ist ja ohnedies bekannt — man wird sich dennoch nicht der Erkenntnis verschließen können, daß der Judenhaß den Legitimismus ebenso wie jede andere politische Bewegung nur diskreditieren kann. Deshalb ist das Schreiben des ehemaligen Kabinettsdirektors ein offenes und ehrliches Wort eines aufrichtigen Mannes und muß auch von politischen Gegnern als solches gewürdigt werden. Stinnes — ein Jude! Die Prager kirchlich-antisemitische Zeitung „Czech" hat jüngst einen langen Artikel über den Plan der jüdischen Kolonisation in der Krim gebracht, der darin ausklingt, die jüdische Kolonisation in der Krim werde so enden, wie die in Palästina. In Palästina seien höchstens 80.000 Juden, die mit Ausnahme der polnischen Juden alle wieder davonlaufen, kaum daß sie dahinkommen. Es sei eben der ganze Zionismus Schwindel, wie bei den Juden alles Schwindel sei. Das beweise der jüngst stattgehabte Kongreß der christlichen Juden, d. h. deT getauften Juden; die sich immer noch als Juden fühlen, wie es der getaufte Jude Neugewürz aus Montreal auf dem Kongresse betont habe, daß die 250.C00 getauften Juden weiter treue Juden seien. Die Juden seien heute in allen Staaten am Ruder und trotz aller Gegenbeweise seien die Juden Schuld am Kriege und wenn auch Regierungsrat K r e p p e 1 in seinem Werke „Juden und Judentum von heute" ausrechne, daß die Juden perlentuell mehr Gefallene aufweisen als die arideren, so sei es doch nicht wahr, die Juden seien auch die Kriegssewinner, das zeigt am deutlichsten Stinnes. Also da hört sich doch die Gemütlichkeit auf! Stinnes war bekanntlich ein Hakenkreuzler, diesen Antisemiten den Juden zuzuschieben, das vermag nur krasseste Tgnoranz oder skrupelloseste Verlogenheit. Welches immer der Grund ist, für den Klerus muß es beschämend sein, solch ein Blatt als Organ zu haben. Völkische Intelligenzprobe. Das „Israelitische Familienblatt" schloß kürzlich einen Artikel über eine republikanische Befreiungsfeier in Bochum, an der auch ein Rabbiner teilnahm, mit dem Satze: „Keine Hakenkreuzler — aber ein Rabbiner, Tableau". Hierüber entrüstete sich die Redaktion des „Völkischen Beobachters" und schrieb: „Ein würdiger Zug in der Severingschen Atmosphäre, wenn bei einer Befreiungsfeier von den französischen Söldnerhorden des jüdischen Kapitals der Synagogenfürst mit dem französischen Namen teilnimm t.il Der „Völkische Beobachter"' glaubte, daß der Rabbiner Tableau hieße. --• Tableau.

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