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Die Wahrheit · 1925-11-06 · Heft 44 (6.11.1925) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 44 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 44 Literaturdenkmal des jüdischen Volkes geblieben ist, so ist auch das Hebräische bei der Bibel nicht stehen geblieben, sondern hat seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert eine weitere Entwicklung zum Neuhebräischen genommen. Davon sprechen die Literaturwerke der alten Zeit: Mischna, Gemara (Talmud) und Midrasch. Eine weitere bedeutsame Entwicklung nahm das Neuhebräische und die neuhebräische Literatur seit den Tagen der jüdischen Emanzipation, da nach und nach auch in das Ghetto der slawischen Länder (Polen und Rußland) die Geistesschätze der westeuropäischen Kultur durch das Medium der hebräischen Sprache eindrangen. So wurde ein Großteil der deutschen klassischen Literatur beispielsweise damals übersetzt und in den Schulen in Polen und Rußland wurde das so verjüngte Hebräisch als lebendige Sprache gelehrt Der Eifer, die alte Mundart in verjüngter Form zu pflegen, regte zu Werken in neuhebräischer Sprache an. So wurde der ideelle sprachliche Grund geschaffen, auf dem sich die hebräische Universität in Jerusalem erheben wird, wie der Zionismus naturgemäß der stärkste Hebel der sprachlichnationalen Bewegung wurde. Ein Institutum Judaicum (wie es in England und Deutschland an einigen Universitäten blühte) soll in Prag entstehen. Der neue Lektor wird in den Räumen des Seminars für semitische Philologie im Winter» semester 19,25/20 folgende Uebungen und Vorträge halten: Grammatik, Lese- und Redeübungen. — Uebersicht der neuhebräischen Literatur (von der Zeit der Mischna an) mit Proben. — Der ethische Mischnatraktat: Pinde Aboth. Pogromprozesse. Dieses Wort, welches seit dem Kriege so populär wie kein zweites geworden ist, jagt dem Juden Schrecken ein, auch dann, wenn es in Verbindung mit einer Nachricht erwähnt wird, die an sich, wenn schon nicht tröstend, aber doch beruhigend wirkt. Denn nichts kann uns darübei trösten, daß in manchen Ländern Europas unschuldiges jüdisches Blut in Strömen geflossen ist, daß hunderttausende jüdische Familienhäuser vernichtet wurden, daß blühende jüdische Gemeinwesen vom Erdboden verschwunden sind, daß die vom Henkersbeil Geretteten das Opfer von Pestilenzen wurden, daß hunderttausende jüdische Kinder verwaist und verwahrlost, von Wurzeln lebend in den Wäldern der Ukraina umherirren, und daß eine Verrohung der Moral und Sitten eingetreten ist, die nur nach einigen Generationen und nur von der Zeit geheilt werden kann. Denn menschliches Hinzutun kann wohl viel erzielen, aber die bösen Folgen gänzlich aüs der Welt zu schaffen, ist es nicht imstande. Es wirkt beruhigend, wenn wir vernehmen, daß die russischen Sowjetbehörden den Pogromhelden einem nach dem anderen den Prozeß machen. Den von den Pogromen Betroffenen ist damit wohl wenig geholfen. Ihre abgeschlachteten Familienerhalter, ihre verbluteten oder in aller Welt zerstreuten Kinder sind für sie nicht mehr da. Aber einige Kühlung findet ihr unaussprechlich tiefer Schmerz doch darin, wenn sie sehen, daß sich doch eine Instanz findet, die das an ihnen begangene Unrecht ahndet. Die Sowjetregierung fand es ihrer würdiger, den Pogromisten den Prozeß zu machen, wiewohl doch auch sie Amnestie hätte verkünden können. Denn wie schlecht es immer um das Kulturniveau des russischen Muschik gestanden ist und wie groß auch immer die Verrohung infolge der behördlich aufgepeitschten Mordlust geworden ist, ist es doch klar, daß die Juden doch nur das Opfer eines verbrecherischen politischen Spieles geworden sind. Des verbrecherischen Spieles der Konterrevolution. Das muß dem kleinen Pogromhelden zugute gehalten werden. Er war nur ein Werkzeug. Und dennoch läßt die Sowjetregierung die schärfste Strenge des Gesetzes gegen sie walten. Luiggi Luzattis Judentum. Der römische Korrespondent der Jüdischen Telegraphenagentur besuchte den Senator und früheren Premier Italiens, Luiggi Luzzatti Der greise Politiker und Menschenfreund zeigte sich sehr erstaunt und erbost über die Behauptung des polnischen Sentors Buzek, die dieser in polnischen Zeitungen aufstellte, daß Luiggi Luzzatti noch vor Jahren zum Christentum übergetreten wäre. Senator Luzzatti ermächtigte den J. T. A.-Vertreter^ öffentlich zu erklären, daß an dieser Behauptung kein wahres Wort sei- „Ich bin", sagte Luzzatti — „Zeit meines Lebens ein guter Jude gewesen, bin nie dem Glauben meiner Väter untreu geworden. Ich bin stolz auf mein Judesein und habe immer, wo das Judentum angegriffen worden war, es verteidigt und meine jüdischen Brüder in Schutz genommen. Ich kann nur mit Verdruß und Verachtung über die Behauptung denken, ich hätte meine grauen Haare geschändet und hätte dem Judentum nach einem Leben voll Kampf den Rücken gekehrt" Luzzatti betonte, er habe den polnischen Senator Buzek, der diese lächerliche Behauptung in der polnischen Presse verbreitet hat, niemals empfangen und nie ein Gespräch mit ihm geführt. Preuß und Ebert Der Schöpfer der deutschen Reichsverfassung, Prof. Dr. Hugo Preuß, der ein großer Deutscher und ein treuer Jude war, ist, wie berichtet, vor kurzem verschieden. Sein Andenken ehren besonders die nachfolgenden Sätze, die Dr. Paul Nathan, des Toten bester Freund, dem heimgegangenen Freunde gewidmet hat: „In jenen Spätherbsttagen (1918) betrat Preuß, der keine Besuche zu machen pflegte, überraschend meine Wohnung und legte mir die Frage vor: ,Ebert hat mir angetragen, die deutsche Reichsverfassung der Republik zu entwerfen; soll ich in das Ministerium eintreten, soll ich diesen Antrag übernehmen und ausführen?' Ohne zu zögern, sagte ich: .Natürlich, wenn Ihnen freie Hand für die Schaffung einer demokratischen Verfassung garantiert wird.' Eine halbe Stunde später waren wir bei Theodor Wolff vom »Berliner Tageblatt', unmittelbar darauf trat auch dort noch Witting, der frühere Oberbürgermeister von Posen, ein, und wir alle, die Preuß zusammengerufen hatte, waren einig, daß Preuß seine Zusage Ebert geben müßte, die nötige Unabhängigkeit der Bewegung vorausgesetzt. Und so fuhr Preuß von der Jerusalemer Straße nach der Wilhelmstraße, zum Sitze der provisorischen Regierung, und als er Ebert verließ, gab es in Deutschland den neuen Reichsminister des Innern, der den Auftrag hatte, der Republik Deutschland das Grundgesetz zu schaffen — Preuß war der Schöpfer der republikanischen Reichsverfassung. Er hat niemals im kaiserlichen Deutschland ein Staatsamt innegehabt, er hat niemals im kaiserlichen Deutschland eine außerordentliche Professur erlangen können, er hat niemals einen Sitz im Parlament sich bis dahin zu erobern vermocht- Warum? Er war doppelt belastet: er war Demokrat und er war Jude, und das eine wie das andere hätte schon genügt, ihn von jeder umfassenden politischen Tätigkeit im wilhelminischen Zeitalter auszuschließen. . . . Die .Verfassung des Deutschen Reiches' ist das Werk von Hugo Preuß, sein stolze» Denkmal . . ." Kleiner Brockhaus. Das neue (9.) Heft bringt eine klare Uebersicht über die Theorien und die Ideengeschichte des Sozialismus, eine andere führt uns in die Sozialpolitik ein. Die Folgen1 des Turmbaues zu Babel erkennen wir in der Zusammenstellung der unheimlich zahlreichen Sprachen der Erde. Blättern wir weiter, dann finden wir eine Uebersicht über die vielen Steuern. Eine farbenprächtige Tafel führt uns die einheimischen Singvögel vor, unter anderem ein reizendes Braunkehlchen, das sein Junges füttert. Die Photographie feiert in allernächster Zeit ihr hundertjähriges Jubiläum. Mit umsomehr Interesse betrachten wir deshalb die beiden Tafeln Optik, die auch über die Photographie und Kinematographie unter der Berücksichtigung der neuesten Erfindungen berichten. Die Tafeln Plastik zeigen den Werdegang dieser Kunst von der ältesten Steinzeit bis zum jüngsten Expressionismus. Alles in allem können wir sagen, daß auch diese vorletzte Lieferung wieder ein prächtiges Zeugnis tadelloser Arbeit ist. Das Geheimnis des Erfolges. Der moderne Kaufmann muß in Berücksichtigung der allgemeinen Geldknappheit des konsumierenden Publikums vor allem darauf bedacht sein, die Kauflust seiner Kunden durch besonders preiswerte Angebote anzuregen und durch immer neue Beweise seiner Leistungsfähigkeit das Vertrauen derselben zu stärken. Diesem Grundsatze folgend, hat das führende Leopoldstädter Warenhaus Brüder Schiffmann, IL, Taborstraße 48, folgende Neueinführung getroffen: Bei einem Wareneinkauf von 30 Schilling erhält jeder Kunde eine Anweisung an ein erstklassiges künstlerisches Atelier, gültig für eine photographische Aufnahme und drei Väsitbilder. Erreicht der Einkauf 50 Schilling, dann erhält man schon drei Künstlerkarten und bei 100 Schilling überdies noch ein großes Kabinettbild. Da dieses Geschenk nachweisbar ohne Preisaufschlag ausgefolgt wird, kommen die Kunden des Warenhauses Brüder Schiffmann auf diese Weise umsonst zu einem wertvollen Andenken. Diese Neueinführung wird diesem bestrenommierten Unternehmen sicherlich viele neue Freunde gewinnen. Met Abonnenten für „Die Wahrheit"!

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