Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 42 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 EHE WAHRHEIT Seite 11 Wahrheiten vom Tage ||| Ein Antlsemitenkongreß in Budapest. Vom 3. bis zum 7. Oktober tagte in deT ungarischen" Hauptstadt ein „internationaler" antisemitischer Kongreß, der sich mit der Frage beschäftigte, wie die Methoden, die heute in Ungarn und Umgebung den Juden gegenüber geübt werden, auch in anderen, kulturell höherstehenden Staaten eingeführt werden könnten, angeblich „um die christlich-arischen Völker vor der Unterjochung durch das internationale Judentum zu schützen", in Wahrheit aber, um dem Rückschritt und der Wiederherstellung längst verflossener, mittelalterlicher Zustände die Wege zu ebnen. In der Tat konnte bezüglich des Ortes dieser Tagung der völkisch-antisemitischen Verbände keine bessere Wahl getroffen werden als Budapest, die Hauptstadt eines Landes, in dem der Antisemitismus geradezu zur Staatsmaxime geworden ist, in dem mächtige Parteien dein Pogrom in ihr Programm aufgenommen haben, in dem Gewalt und Rechtsbruch den jüdischen Bürgern gegenüber an der Tagesordnung ist. In dieser passenden Umgebung fanden' sich also jene edlen Seelen zusammen, die den Judenhaß zu ihrer Weltanschauung oder zu ihrem Berufe gemacht haben. Allerdings blieb die ,Jnternationalität" des Kongresses auf fünf Staaten beschränkt, und zwar saßen neben den Vertretern der beiden Oststaaten Ungarn und Rumänien die Vertreter Deutschlands, Oesterreichs und der Tschechoslowakei, dreier Staaten, die, wiewohl im Zentrum Europas gelegen, ihren jüdischen Bürgern gegenüber oftmals Methoden in Anwendung bringen, wie sie auf dem Balkan üblich sind. Der Einberufer des Kongresses war der Rassenschützling Tibor Eckhardt, während die übrigen Pcgromhelden die — Honneurs machten. Die Zusammensetzung der einzelnen Delegationen ist nicht uninteressant Deutschland war vertreten durch den Hitlerianer Rosenberg und B o e p p 1 e aus München, ferner durch einen Baron Mannteufel aus Berlin und durch den Sohn des berüchtigten Hammer-Fritsch aus Dresden. Aus Oesterreich waren erschienen: Die Hakenkreuzler Haubenberge r, Wimmersperg und Körb er, letzterer in Vertretung des „Deutschen Kulturamtes" sowie der völkische Gymnasialprofessor Immendörfer aus Salzburg, ferner „Staatsrat" Oskar Teufel und „Baron" Schager für die monarchistische „Konservative Volkspartei", während Dr. J e r z abek in einem schönen Schreiben seine Abwesenheit entschuldigte; die Vertreter Rumäniens waren der genügend bekannte antisemitische Universitätsprofessor Cuza. sowie die Studenten Somolea'nu. und M o z a. Hauptgegenstand der Verhandlungen war die Schaffung einer übernationalen arischchristlichen Einheitsfront „zur Bekämpfung der immer drohender werdenden Juden- und Bolschewikengefahr" sowie die Ausarbeitung eines gemeinsamen Arbeitsprogrammes zur Förderung der antisemitischein und antibolschewistischen Bewegungen in allen Ländern. Als erste „Abwehrmaßnahme" wurde beschlossen, an alle Hochschulen der Welt die Aufforderung zu richten, den Numerus clausus für die jüdischen Hörer allgemein durchzuführen. Die Delegierten Deutschlands, Oesterreichs und Rumäniens erklärten ihre Bereitschaft, sofort mit den notwendigen Arbeiten zu beginnen, „zumal die Judengefahr in diesen drei Staaten besonders groß ist und daher eine sofortige Abwehraktion verlangt.'* In Durchführung dieses Beschlusses haben die österreichischen Antisemiten sogleich mit der „Arbeit" begonnen, die ungeachtet der inneren Gegensätze, die zwischen den habsburgerischen Monarchisten und den hohenzollerischett Hakenkreuzlern bestehen, schöne Fortschritte zeitigt. So haben beispielsweise die „konservativen Volksparteiler", die sich um Schager und Teufel schaTens unmittelbar nach der Rückkehr ihrer Führer aus Budapest folgenden „Beschluß der Reichsparteil eitung" gefaßt, der deutlich zeigt, was die Herren als felehrige Schüler Tibor Eckhardts in der Hauptstadt des iagyarenreiches zugelernt haben: 1. Die Juden sind eine besondere Nation, die sich weder -durch einen Uebertritt zu einer anderen Religion noch durch Erlangung der Bürgerrechte eines anderen Volkes assimilieren läßt Die Aberkennung der Bürgerrechte der ariochristlichen Staaten für die Juden ist daher eine unvermeidbare Folge dieser Feststellung. 2. Die Ausscheidung der Juden als Einzelpersonen und als Masse aus allen arischen Staaten ist die einzige vollkommene Lösung der Judenfrage. 3. Das jüdische Volk Ist auf einem Gebiete anzusiedeln, das nicht von einem Kulturvolke bewohnt und groß genug ist •<die gesamte Judenschaft aufzunehmen und ihr die Möglichkeit zu bieten, sich einen eigenen nationalen Staat zu errichten. Palästina kommt jedoch als jüdisches Ansiedlungsgebiet nicht in Betracht, weil es diesen Bedingungen nicht entspricht und weil die Achtung vor den heiligen Stätten die Ao~ siedlung der Juden verbietet 4. In dem völkischen Kampfe gegen das Judentum ist eine Einheitsfront aller deutscharischen Volksangehörigen und darüber hinaus eine Einheitsfront aller christlicharischen Völker zu schaffen, damit dieser Kampf zur Erhaltung abendländischer Kultur siegreich durchgeführt werde. 5. Bis zur Erreichung dieses vollen Sieges der arischchristlichen Idee ist der Kampf gegen das Judentum in der Weise zu führen, daß sein zersetzender, zur Macht strebender Einfluß wenigstens zurückgedämmt werde, daß Schule, Presse und staatliche Einrichtungen vom Judentum befreit und daft ihm innerhalb des österreichischen Staates nur jene Rechte eingeräumt werden, auf die es als fremdnationale Minderheit Anspruch erheben kaain. Genau so wie in Ungarn der Judenhass nur zu de» Zwecke immer wieder aufgepeitscht wird, um ein System aufrecht zu erhalten, welches allen Grundsätzen der politischen Freiheit und sozialen Gerechtigkeit ins Gesicht schlägt, ebenso wie in Deutschland der Antisemitismus als Vorspann benützt wird, um jenen Parteien wieder zur Macht zu verhelfen welche das Volk abermals entrechten wollen, so sehen wir, daß auch in unserer Republik der Antisemitismus gerade vou jenen geschürt wird, die aus irgendwelchen persönlichen oder politischen Gründen mit der Republik unzufrieden sind und statt an ihrer Verbesserung zu arbeiten, Haß und Verachtung gegenüber der jetzigen Staatsform predigen. Doch das eine mögen sich die Herren Antisemiten und Reaktionäre gesagt sein lassen: Das Rad der Weltgeschichte läßt sich nicht gewaltsam zurückdrehen und die Freiheit, welche die Völker in langen, schweren Kämpfen errungen haben, werden diese niemals und an niemandem verkaufen, auch nicht um den Preis eines — Judenpogroms. Die Vorgänge an der Klagemauer zu Jerusalem. Die Erregung unter der Judenheit Palästinas wegen der Störung der Andacht am Jom-Kippur vor der Klagemauer durch die Jerusalemer Polizei dauert fort Die jüdische Presse greift die Regierung, insbesondere Gouverneur Storrs, der den Befehl zur Entfernung der Sitzgelegenheiten vor der Klagemauer erteilt hat, heftig an. Gouverneur Storrs beruft sich in einer Mitteilung an die Presse darauf, daß Sir Herbert Samuel vor einigen Jahren infolge eines Protestes der Araber die Entfernung der Bänke vor der Klagemauer angeordnet hat. Storrs erklärt weiter, er habe dem neuen Oberkommissär Lord Ptamer empfohlen, eine spezielle Verordnung zu erlassen, laut welcher den Juden das Anbringen von festen Sitzgelegenheiten vor der Klagemauer erlaubt sein soll, da die Juden mit diesef Forderung im Rechte seien. Herr Storrs teilt ferner mit: in» Jahre 1918 wandte sich Dr. Weizmann an ihn mit der Bitte, den Juden den Platz vor der Klagemauer für 75.000 Pfund zu überlassen. Die Regierung konnte diese Bitte nicht erfüllen, da die Mohammedaner sich weigerten, den Platz abzutreten. Versicherung gegen Pogrome. Der polnische Senator Dr. Michael Ringel hatte sich mit Senator Ciraolo, dem Präsidenten der vom Völkerbund eingesetzten Kommission für Versicherung in Verbindung gesetzt damit diese auch die Pogrome in den Bereich der Versicherung einbeziehe. In einer seiner Sitzungen anläßlich der letzten Völkerbundssession wurden die Vorschläge des Senator» Ciraolo einstimmig angenommen. In diesem Zusammenhang ist ein Artikel Dr. Ringels von besonderem Interesse, den er über seine Anregung veröffentlichte. Darin schrieb Dr. Ringel: Es soll eine dauernde internationale Hills- Organisation geschaffen werden zu dem Zwecke, rasch und ausgiebig der von einem Unglücksfall betroffenen Bevölkerung, die auf dem Territorium eines der Mitgliedsstaaten des Völkerbundes wohnt Hilfe und Beistand zu leisten. Zu diesem Zwecke soll unter Zugrundelegung der Idee der Versicherung auf Gegenseitigkeit ein Fonds geschaffen werde« durch Zuschüsse von Mitgliedsstaaten sowie durch private Schenkungen,welcher unter der Leitung eines internationalen Organes dazu verwendet werden soll, im Falle einer Katastrophe unverzügliche Hilfe zu leisten. Die Verteilung der Hilfsgelder soll durch die Rote-Kreuz-Organisatiou der einzelnen Staaten erfolgen. Im Sommer 1924 wurde dieser Vorschlag von der Völkerbundsversammlung angenommen untf der Völkerbundsrat ist an die Durchführung herangetretes, nachdem von den meisten Staaten günstige Aeußerangen ete» gelangt sind.