Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 41 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 41 wolle, hatte er nur ein spöttisches Achselzucken. Dieser in religiösen Dingen ganz freidenkende Mann war zu stölz, sich das berühmte Heinesche „Entreebillett zur europäischen Kultur" durch einen Akt der Gesinnungslosigkeit zu erkaufen. Die Revolution räumte für ein paar Wochen mit den Religions¬ und Rassevorurteilen auf. Preuß wurde Reichsminister des Inneren und schuf die Reichsverfassung, die in seinem Entwurf kühner und noch besser war als in ihrer endgültigen Form. Trotz seiner leuchtenden Verdienste um die deutsche Republik ist Preuß nie wieder bei einer späteren Minister-Kombination in Frage gekommen. Er selbst hatte das Gefühl, daß sein Judentum als zu schwere Belastung für die öffentliche Betätigung angesehen werde. Nur ein paar Monate liat er auf dem Platze gestanden, der ihm gebührte. Das deutsche Volk, das wirklich über keinen Ueberfluß an politischen Köpfen verfügt, hat einen der besten von ihnen kaltgestellt, weil er — Jude war. Dennoch — sein Name ist unauflöslich mit der Geschichte Deutschlands verbunden. Er hat der Republik ihre Grundlage gegeben. Sein Werk überlebt ihn. Siegmund Breitbart ist dieser Tage im Alter von 33 Jahren in Berlin gestorben. Noch vor nicht zu langer Zeit schwebte sein Name im Munde vieler Tausender, die seine übermenschlichen KÖrperkräfte bewunderten und wie vor einein unlösbaren Rätsel vor einer Stärke standen, die eiserne Ketten auseinanderriß, Hufeisen zerbrach, als wenn sie Holzstäbe wären, und Nägel mit den Zähnen zerbiß. Der Mann, der solche Proben einer geradezu unglaublichen Muskelkraft gab, war der Sohn eines armen polnischen Ghettojuden, also einem Stamme entsprossen, welcher, ein Opfer jahrhundertelanger Bedrückung, körperlich sicher nicht zu den ausgezeichneten zu rechnen ist Schon in frühester Jugend, hat Breitbart große Stärke gezeigt, und als ihn sein Vater zu einem Schmied in die Lehre gegeben hatte, fand, er Gelegenheit, die ihm angeborenen außerordentlichen Kräfte weiterzuentwickeln. Von Wien aus hat Breitbart seinen Siegeszug durch die ganze Welt angetreten, in Wien hat er zum erstenmale das Staunen und die Begeisterung einer nach Tausenden zählenden schaulustigen Menge hervorgerufen. Diese grenzenlose Bewunderung begleitete ihn auf allen seinen Reisen, sie eilte ihm voraus und überall, wo er auftrat, sprach man von ihm als dem Manne, der die Macht des Eisens gebrochen hat. Und es ist, als ob sich die besiegte und beleidigte Materie an ihrem Ueberwinder hätte rächen wollen: an einem kleinen rostigen Nagel, den er sich in das Knie gestoßen, ist er. der stärkste Mann unserer Zeit, zugrunde gegangen. Breitbart war stets ein treuer Sohn des Judentums. Auch auf dem Gipfelpunkt seines Ruhmes, als er vielbewundert und beneidet Erfolg auf Erfolg häufen konnte, blieb er im Herzen derselbe, der er als armer Judenjunge, im polnischen Ghetto gewesen war, und es war eine der schönsten jüdischen Tugenden, die er in vollem Maße besessen hat: Wohltätigkeitssinn. Er, der Mann mit dem stärksten Arm, hatte das weichste Herz und verteilte die großen Summen, die er durch seine Darbietungen erwarb, unter die Armen, besonders unter seine armen Glaubensgenossen, er selbst behielt nur wenig für sich zurück, da er sehr bescheiden lebte und starb in den einfachsten Verhältnissen. Kraft und Stärke sind vergänglich, bestehen aber bleiben die guten Werke, die wir in unserem Leben vollbracht haben. — Dienstag, nachmittags, wurde auf dem Friedhof Falkenberger Chaussee'Br eitbart zu Grabe getragen. Da Breitbart gesetzestreu war, wurde die Bestattung von der Gemeinde Adaß Jisroel übernommen. Unter den Trauergästen, die nach Tausenden zählten, bemerkte man viele hervorragende Künstler sowie zahlreiche orthodoxe Juden. Am offenen Grabe hielt Rabbiner Dr. Hildesheimer dem unter tragischen Umständen jung verstorbenen Artisten einen ergreifenden Nachruf, in welchem er ihn auch als stolzen, aufrechten Juden feierte. 60. Geburtstag. Kantor Feiwel Hirsch im Fünfhauser Tempel erreichte am Schemini Azereth-Tage sein 60. Lebensjahr. Abhold allen Ovationen wollte Kantor Hirsch diesen Tag in stiller Zurückgezogenheit begehen, doch sein Kollege Oberkantor Schleifer benützte den Anlaß, um ihn durch einen schönen Mischeberach zu ehren. So weckte er die Aufmerksamkeit des Vorstandes seines Tempels, in dessen Kreise auch Herr Vizepräsident der israelitische Kultusgemeinde Dr. Jakob O r n s t e i n weilte, der dem vorzüglichen Funktionär herzliche Glückwünsche entbot. Nach dem Gottesdienst erschien der Chor im Wohnhause des Jubilars und trug einen feierlichen Psalm vor. Wir schließen uns den Gratulanten für den hochverdienten Kantor an. der schon nahezu ein Vierteljahrhundert im Dienste der Kultusjemeinde ehrenvoll wirkt Möge es ihm beschieden sein, in voller Frische sein heiliges Amt noch lange Jahre auszuüben. Todesfall Freitag, den 9. d. M. wurde Paul K1 e b i n d e r, der Sohn des Regierungsrates und Herausgebers der „Sonn- und Montags-Zeitung" Ernst Klebinder, im 24. Lebensjahre zu Grabe getragen. Dieses tragische Einzelschicksal, das sich hier begeben hat, ist so furchtbar und unfaßbar für alle, die seine Umstände kannten, daß es nicht zu schildern ist. Der junge Mann, dem ein gutes Schicksal alles gab, was die Welt zu bieten vermag, der Jüngling, der mit offenen Augen durch das Leben ging, starb nach monatelangen entsetzlichen Qualen. Und alle Liebe, die Eltern geben können, ihm ward sie zuteil, und wer das Verhältnis kannte zwischen Vater und Sohn,, dieses rührende, ergreifende, der wird verstehen, was für eine unsagbare Katastrophe in diesem Hause eingetreten ist. Und nun standen sie und die Freunde des jungen Mannes und der Eltern vor dem frischen Grabe, an dem Herrn Rabbiner Grunwald zur Linderung des Schmerzes der tiefgebeugten Eltern, die Teilnahme, die aus dem Herzen kam und sich ihnen zuwendet, verdolmetschte. Oberrabbiner Samuel Jakob Rabinowitsch, das Oberhaupt des orthodoxen Rabbinates Rußlands, ist, wie aus Moskau gemeldet wird, dortselbst im Alter von 67 Jahren verschieden. Rabbi Rabinowitsch wurde in Cholm im Jahre 1857 geboren und zeichnete sich schon in jungen Jahren durch sein großes jüdisches Wissen und seine Frömmigkeit aus. Seit vielen Jahren an der Spitze des orthodoxen Judentums in Rußland stehend, ist er stets mit Energie für die Interessen seiner Glaubensbrüder eingetreten und wurde von der gesamten Judenschaft des weiten russischen Reiches besonders verehrt Rabbi Schalom Hakohen Jottes aus Stryj ist in Jerusalem im Alter von 70 Jahren gestorben. Er war ein Sohn des „Samborer Rebben" und eine der einflußreichsten Persönlichkeiten Galiziens, wo er eine große Jeschiwah leitete. Er war Mitglied des rabbinischen Rates der Agudas Jisroel. Einer seiner Söhne ist sein Nachfolger als Rabbiner von Stryj, ein zweiter ist Oberrabbiner von Philadelphia. Oberkantor Bogomilny. Aus Döbling wird uns geschrieben: Die Besucher des Döblinger Tempels empfingen beim Simchas-Thora-Gottesdienst von der Doppelfunktion des hervorragenden neuen Oberkantors Bogomilny erhebende Eindrücke. Der Oberkantor fügte sich in den Rahmen des Chors und der Orgel mit seinem glänzenden, nicht erlahmenden Stimmaterial rasch ein und die Anerkennung, die ihm die den schönen Tempel füllenden Andächtigen zollten, verbürgen dem trefflichen Oberkantor eine wohlverdiente Popularität. Jüdische Fleischhauer werden hierdurch aufmerksam gemacht daß in Graz für einen fachtüchtigen, fleißigen jüdischen Fleischhacker die Gelegenheit geboten ist, sich eine gesicherte Existenz zu gründen. Die israelitische Kultusgemeinde Graz ist bereit nähere Auskünfte zu erteilen und überhaupt einem solchen Unternehmer alle Förderung angedeihen zu lassen. (Entgeltlich.) Genesungsheim Meran. Die Eröffnung findet bereits am 1. November statt; Aufnahmssuchende wollen die Gesuche an den Verein „Asyl für kranke Israeliten in Meran" richten, von wo ihnen die Bedingungen bekanntgegeben werden. ^..■..■■.■■^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■»■■»■■■■»■■»»■■■■■».■•».■■■■.■■■.■r VERGESSEN Sie nicht das Abonnement zu erneuern. Unterstützen Sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit unseren Preßfonds