Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 39 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064058--14019-3081554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12 DIE WAHRHEIT viele Tausend«, die er durch die Schöpfungen seiner Kunst erheitert und innerlich aufgerichtet hat Er war ein Mensch, welcher immer auf der Sonnenseite des Lebens gewandelt ist und als wahrer Sonnenmensch auch Sonne in die Herzen jener gesenkt hat, die das Glück hatten, in seiner Nähe zu weilen. Die himmlische, einem gütigen«, wannfühlenden Herzen entspringende Heiterkeit seines Wesens strahlte aber auch auf alle jene aus, welche dem Klange seiner unsterblichen Weisen folgten. Mag auch die sterbliche Hülle des großen Meisters in Staub zerfallen, seine Lieder werden weitertönen und seinen Ruhm verkünden!" Nach den ergreifenden- Worten Dr. Feuchtwangs sprach Präsident Ludwig Stärk im Namen der Kartellorganisation deutscher Schauspieler und zeigte die Verdienste auf, welche sich Leo Fall um die deutsche Kunst erworben hat Regisseur Tuschl vom Theater a. cL Wien sagte, das Theater an der Wien rechne es sich zur Ehre an, die Stätte gewesen zu sein, an der Fall seinen ersten großen Erfolg erzielte. Schriftsteller Leopold Jakobson überbrachte die Jetzten Grüße der Genossenschaft dramatischer Autoren und Komponisten. „Dich grüßt an Deinem Sarge das Handwerk, Leo Fall", schloß er mit dem alten Meisterspruch seine Rede. Sodann sprach Eugen Heltai seinem Freunde einen in ungarischer Sprache gehaltenen Nachruf und zum Schlüsse sprach namens seiner Freunde au§ der Schauspielerwelt Theodor Weiß, welcher von dem toten Freunde in rührender Weise Abschied nahm. Hierauf wurde der Sarg der Erde übergeben und in einer von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde gespendeten Ehrengruft beigesetzt Es ist einigermaßen befremdlich, daß die Stadt Wien beim Begräbnis des wienerischesten unter den modernen Operettenkomponisten nicht vertreten war. Warum? Goldene Hochzeit. Der in Hernais sehr bekannte Herr Rudolf Pollatschek, Eisenhändler, feierte am 20. September d. M. mit seiner Gattin Rosa das Fest der goldenen Hochzeit. Das Ehepaar, das bereits 50 Jahre im 17. Bezirke wohnhaft ist hat sich zufolge seiner Beliebtheit und seines stets liebenswürdigen Entgegenkommens einen gToßen Kreis von Freunden und Bekannten geschaffen, die sich bei diesem schönen Feste mit vielen und herzlichen Glückwünschen einfanden. Todesfälle. Ein guter, braver, ehrlicher Mann und ein treuer Sohn Israels ist mit dem königl. Rat Dr. Adolf W i n k 1 e r hier in Wien dieser Tage zu Grabe getragen worden, dessen Andenken in unserer Mitte ein gesegnetes bleiben soll. Sein Bild verdient, auch in diesen Blättern festgehalten zu werden. Geboren zu Raab in Ungarn, den 20. September 1849, besuchte er zunächst die israelitische Volksschule in seiner Heimatstadt, in deren Jubiläumsberichte vom Jahre 1896 er nebst Zuckerkand! und Dr. Philipp Pfeiffer zu den Zelebritäten gerechnet wird, die aus dieser Stadt und aus dieser Schule hervorgegangen. Als Advokat lebte er längere Zeit in Oedenburg, wo er sich das Vertrauen seiner Mitbürger im weitesten Maße erwarb und war auch bei der Regierung so sehr angesehen, daß er mit dem Titel „königl. Rat" ausgezeichnet wurde. Eine schöne, männliche Erscheinung, machte ihn die ungarische Magnatentracht, in der er manchmal bei öffentlichen Festen auftrat besonders vornehm. Der israelitischen Kultusgemeinde in Oedenburg stand er als Präsident mehr als 25, bzw. als Ehrenpräsident mehr als 30 Jahre vor: in dieser seiner Eigenschaft hat er sich auch speziell um die Judenschaft recht verdient gemacht Solange er vermögend war, spendete er auch mit freigebiger Han<L Mit Frau Marie, geb. Weiss, glücklich verheiratet, hatte er die Freude, auch einen herrlichen Sohn, Dr. jur. Ernst Winkler, heranblühen zu sehen, doch starb ihm dieser einzige hoffnungsvolle Sohn durch ein tückisches Leiden plötzlich auf einer Studienreise in Berlin, den 12. Mai 1914, und der Umstand, daß dessen Leiche nach Wien überführt und hier begraben wurde, veranlaßte die betrübten Eltern, ihren Wohnsitz nach Wien zu verlegen. Hier lebte der Verstorbene bescheiden und zurückgezogen, einzig bestrebt das Andenken des verstorbenen Sohnes wach zu erhalten. Zu diesem Zwecke machte er große und vielfache Stiftungen in der Stadt und in der israelitischen Gemeinde Oedenburg, wie auch in anderen Orten, und unter anderem wurde die erlesene Bibliothek des Sohnes der Bibliothek der Stadt und der jüdischen Volksschule in Oedenburg vennacht, der Stadt ferner ein Lieblingsgärten des verstorbenen Sohnes geschenkt, der ein öffentlichej Park werden sollte, und ehrte die Stadt Vater und Sohn damit, daß der anstoßende Weg „Winkler-Weg" genannt wurde. Von Gram gebrochen, hatte der Verblichene in Wien keine Rolle gespielt doch ehrten und liebten den hochgebildeten gütigen. Mann auch hier viele, die zu seinem engeren Kreise gehörten, darunter auch der Schreiber dieser Zeilen» In letzterer Zeit kränkelte er und litt an einem Fußleiden und, obzwar ihm der Fuß amputiert wurde, konnten ihm die Aerzte sein Leben nicht retten, und er verschied sanft den. 21. September 1925, einen Tag nach vollendetem 76. Lebensjahre. Still, wie er gelebt hatte, wünschte er auch begraben zu werden, und so wurde er am 23. d. M., in aller Stille auf dem israelitischem Friedhofe beigesetzt, in derselben Gruft, die er vor mehr als zehn Jahren seinem Sohne hat errichten lassen; an seiner Bahre trauerte als einzig Hinterbliebene seine untröstliche Witwe. Friede seiner Asche! S. Kr. — Am ersten Neujahrstag ist nach langem schweren Leiden Ephraim N i w e s von uns gegangen. Die Nachricht von seinem Tode hat tiefe Trauer im Herzen all derer wachgerufen, die diesen braven und stillen Juden kannten. Ich lernte ihn im Jahre 1920, als ich meinen Wohnsitz nach der Brigittenau verlegte, jn einem ostjüdischen Bethause im XX. Bezirke, 'dem er Jahre hindurch vorstand, kennen. Er war das Vorbild eines wahrhaft „chassidischen" Juden, wie man ihn. heute kaum noch, selbst im Osten selten, findet. Er war zwar kein Gelehrter, aber aus seiner Seele quoll wahres Judentum: Wohltätigkeit und Redlichkeit. Arme gingen bei ihm ein und aus und ich übertreibe gewiß nicht, wenn ich ihn „Vater der Armen" nenne. Ich bewunderte, wie er seine Wohltätigkeit ohne irgend welche Nebenabsichten, ohne Aufhebung und ohne Selbstzweck übte. Uns Ostjuden wird häufig die „Tarnopoler Moral" ins Gesicht geschleudert und durch diese Moral unser Wesenszug, unser Handel und Wandel gekennzeichnet. Niwes war ein Tarnopoler Kind. Und so oft ich von „Tarnopoler Moral" sprechen hörte, kam mir der einfache Tarnopoler Jude Ephraim Niwes in den Sinn. Er wurde am 22. d. AL zur ewigen Ruhe gebettet und eine große Gemeinde gab ihm das Geleite. An der Bahre hielt zunächst Rabbiner Doktor Funk einen ergreifenden Nachruf. Ihm folgten mit den „HespedimC' die Rabbiner H o r o w i t;z, Hager, und Weiger. Im Bethaus „B'nei B'rith", in dem der Verstorbene fast zwanzig Jahre als Vorstandsmitglied wirkte, würdigten die Herren Lippmann, Hojda und Josef Budsheim den. Verstorbenen in tiefempfundenen Nachrufen. Er hatte acht Kinder, die nicht nur in der engeren Familie durch ihr Zusammenhalten den alten Vater erfreuten, sondern auch durch ihre soziale Stellung allgemein beliebt sind. Es trauern die tiefgebeugte Gattin Elke, die Söhne Wilhelm,. Bernhard, Moritz und A s r i e I. die Töchter Ernestine H e 1 i c z e r, Rosa Horowitz und Vita und Cilly N i e w e s, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter und Enkelkinder. Möge es der Familie ein Trost in ihrem Schmerze sein, daß ihr verstorbener Vater sich einen so ehrenvollen Namen erworben hat. Segen seinem Angedenken! Bl. — Am Dienstag, den 22. d. M. verschied in Neutitschein Herr Isidor Körner, Präsident der dortigerr israelitischen Kultusgemeinde, Präsident des Verwaltungsrates der Ersten Körner Holzindustrie A.-G., Prag, irrt 75. Lebensjahre. Der Verblichene hat durch seine stets bewährte Ehrenhaftigkeit und vornehme Gesinnung sich das Vertrauen und die Wertschätzung der weitesten Kreise erworben. Viele, denen er in ihrer Not beigestanden, verlieren in ihm einen' tatkräftigen Wohltäter und die sozialen Institutionen einen stets opferfreudigen Förderer. Aus Vukovar (S. H. S.) wird uns berichtet: Auf denr hiesigen Friedhofe fand am ersten Slichothtage anläßlich der fünfjährigen Wiederkehr des Todestages des ehemaligen Vorff Stehers der Kultusgemeinde Moritz Land es mann eine ergreifende Feier statt, bei welcher Herr Oberrabbiner Doktor Diamant eine gehaltvolle Rede hielt, in welche er die Verdienste des Verstorbenen hervorhob und das Leid des Sohnes" des ehemaligen Vorstehers schilderte, welcher einen hoffnungsvollen Sohn an der Blüte seiner Jahre verlieren mußte. Soeben ersdilenen: „Ji€i€liscJhi4es leben in östfer reidi In Wnrt und Bild" mitGemeinde- und Vereinskalender f0rdasJahr5686 (1925-1926) Herausgegeben von Jakob Krausz und Michael Winkler Enthält das Verzeichnis der jüdischen Gemeinden und Vereine, ihrer Vorstände und Funktionäre Biographie SALOMON und JOSEF SULZER Reich illustrierte Beiträge zur Geschichte der Juden in Wien. Statistische Tabellen u. a. m. Zu beziehen: durch Redakteur JAKOB KRAUSZ, XIX., Brechergasse 9 - Tempelverwalter MAX SCHWAGER, IL, Zirkusgässe 50 MICHAEL WINKLER, VII., Badhausgasse <