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Die Wahrheit · 1925-09-18 · Heft 37-38 (18.9.1925) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 37-38 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Kr. 37/38 Plätzen hingeschlachtet zu Ehren einer römischen Festtages. Was uns als Juden am tiefsten berührt in dieser Welt von Ruinen und uns den schmerzlichsten Gram bereitet, ist der Triumphbogen des Titus „zur Erinnerung an die Niederlage der Juden, gewidmet von seinem Nachfolger Domitian". Genug gesagt und geschrieben wurde darüber von Archäologen und Theologen; jene die Skulpturen der Reliefs bewundernd, diese einen Beweis für die Erfüllung der wohlbekannten Stelle im Neuen Testament darin sehend. „So kam es zur Zerstörung des Tempels, obgleich Titus sich bemühte, ihn zu retten". Wer jedoch Bernays Chronik des Sulpirius Severus gelesen hat, weiß, daß es wahrscheinlicher ist, daß er den Befehl gab, Feuer an das Heüigtum zu legen als es zu beschützen. Josephus, der die Demütigung seiner Volks- und Glaubensgenossen mit eigenen Augen sah, hat uns einen ausführlichen Bericht des i'riumphzuges hinterlassen. Nur ein Journalist gleich Josephus konnte die gleichgültige Ruhe aufbringen, die Ereignisse des „bitteren Tages" zu beschreiben, die uns das Blut sieden machen. Seine Schilderung stimmt vollkommen mit den Darteilungen des Reliefs überein, wo die Tische mit den Schaubroten, die Leuchter mit den sieben Lampen und die goldenen Trompeten im Zuge (erscheinen. Was wir vermissen, ist das „Gesetzbuch der Juden", welches nach Josephus als letztes Beutestück gebracht wurde. War es ein Versehen des Künstlers oder hatte er keinen Platz dafür oder hat Josephus den Irrtum begangen, einen anderen Gegenstaid für die Gesetzesrolle anzusehen? Ich hoffe sehr, daß dies der Fall war. und daß Heine in wahrer dichterischer Eingebung von der Heiligen Schrift schrieb: „Die Juden, welche den Wert kostbarer Dinge zu schätzen wissen» wußten wohl, was sie taten, als sie beim Brande des Zweiten Tempels die goldenen und silbernen Opfergeräte, die Leuchter und Lampen und das mit Edelsteinen geschmückte Brustschild des Hohepriesters ihrem Schicksal überließen, — und die Bibel retteten. Diese allein war der wahre Tempelschatz und Gott sei Dank! — sie wurde kein Raub der Flammen und fiel nicht der Wut eines Titus Vespasian anheim, jenes Elenden, der, wie die Rabbinen uns sagen, in einem fürchterlichen Tode, sein Ende fand." Es waren jedoch andere, welche die frohe Botschaft des alten Testaments nach Rom brachten, lange bevor ein neues Testament existierte. Und in diesem Sinne ist Rom auch füT den Juden „Heiliger Boden". Es ist wahr, wir finden dort keine Fußspuren von Propheten, von welchen nicht einmal die Tradition als von „Reisenden in Glaubenssachen" spricht. Aber ist der Boden nicht geheiligt durch das Faktum, daß auf ihm die Gesandten des Judas Makkabäus (um 161 v. Chr.) sich bewegten, um Bande der Freundschaft und Bruderschaft mit dem römischen Senate zu schließen^ Von der Gesandtschaft des Simon Makkabäus (tun 140 v. Ch.) etwa zwanzig Jahre später, ging eine Belebung des Judentums, auch unter den Heiden aus. Etwa siebzig oder achtzig Jahre hernach hatten die Juden schon ein eigenes Wohnviertel in Rom, in welchem sich jüdisches Leben entfaltete. In ihren Synagogen verweilten sie an den heiligen Sabbathtagen und pflegen öffentlich ihre nationale Philosophie. Wie viele von den ältesten Lehrern in Israel, die Tannaim, gingen als Abgeordnete nach Rom; deren einer, RUlathia ben Chaces, gründete dortselbst schon im zweiten Jahrhundert n. Chr. eine Lehranstalt, was eine geschichtlich beglaubigte Tatsache ist. Man würde gerne wissen, was sie dachten und worin ihre nationale Philosophie bestand. Besonders aber wüßte man gerne, welcher geistigen Mittel sie sich bedienten, um ihr Missionswerk, in dem sie so erfolgreich waren, unter den Heiden auszuführen. Predigten sie in den Straßen? Oder hielten sie öffentliche Redeschlachten ab? Oder sandten sie Briefe aus als Vorläufer der Apostel eines anderen Glaubens? Wie manches Problem würde gelöst, wie manches Wunder würde verschwinden, wie manches Buch würde überflüssig sein, wenn wir darüber Gewißheit hätten! Der Talmud sagt uns wenig, fast nichts über diese wichtigen Dinge, die römischen Schriftsteller aber haben nur Spott und Hohn für uns! Für diese ehrenfesten Römer waren wir Juden nur ein Haufe ungelehrter Ungläubiger. Gewiß konnte ein rechtgläubiger Heide eine Religion ohne Bilder und Skulpturen, mit einem Gotte ohne Stammbaum seiner Göttlichkeit nur als ein Unding ansehen. Diese armen Metaphysiker! Jedoch, warum so lange bei einier vergangenen Welt verweilen? Ein berühmter Rabbi rief einst aus: „Wenn jemand dich frägt: Wo ist denn Gott?, antworte ihm: In der großen Stadt Rom!" Der Grundgedanke dieses Ausspruches war: gegenwart geführt und begleitet. Und Rom war in iener Zeit Wohin immer Israel wandert, es wird von der göttlichen Allder Rabbinen, das Land, wohin der Strom der Auswanderung aus dem Heiligen Lande sich ergoß. Heute aber — dürfen wir nicht auf London und New-York hinweisen, die an Stelle des alten Rom in der jüdischen Wanderung getreten sind? * * * Nachstehende Betrachtungen, deren Verfasser als Rektor des Rabbinerseminars zu New-York im November 1916 die Augen schloß, sind gerade durch den Zeitpunkt ihrer Entstehung, am Vorabend der zionistischen Volksbewegung, aber doch noch in vollkommener Ahnungslosigkeit von ihrem herannahenden Inslebentreten, höchst aktuell. Der Verfasser wußte mit seinem natürlichen jüdischen Gefühl sich bald im Zionismus zurechtzufinden und nahm an dem 13. Kongreß in Wien, Sep-< tember 1913, tätigen Anteil. Er kannte Wien, wo er unter der Leitung der Lektoren s. A. Weiß und M. Friedmann von Wiener Bettha-Midrasch Studienjahre verlebt hatte. R. E. F. Der Eonig der Narren. In einem polnischen Städtchen starb der Stadtnarr, und da eine ostjüdische Gemeinde ohne Stadtnarren ebensowenig wie ohne Raw und Chasen denkbar ist, sollte dieser Posten möglichst bald neubesetzt werden. Eine Prüfungskommission wurde eingesetzt, die an einem bestimmten Tage öffntlich auf dem Schulhofe ihres Amtes waltete. Es bewarben sich viele um das lustige, einträgliche Amt und suchten ihre Meisterschaft in der Narrheit zu beweisen. Doch niemand wurde von der Kommission für närrisch genug befunden. Bin junger Dichter, der bereits fünf dicke Dramen und über hundert Gedichte in seinem Schubfache hatte, schaute unwillig diesem Treiben zu und endlich schrie er voller Empörung: „Ihr Philistergesindel, ist denn jedes Schamgefühl in euch abgestorben, daß ihr wegen einiger armseliger Zloty den Götterfunken Vernunft in eurer Brust tötet und eure Menschenwürde verleugnet? Wo bleibt da die Kultur und die geistige Hoheit?" Da erhob sich der Vorsitzende der Prüfungskommission und klopfte dem Dichter auf die Schulter: „Junger Freund, ich glaube, Sie sind der würdigste für den Posten. Denn wer noch heute von Vernunft, 'Kultur und Menschenwürde zu sprechen vermag, ist der König der Narren." Die vorliegende Festnummer unseres Blattes ist 28 Seiten stark. Die nächste Nummer erscheint wegen der hohen Feiertage Freitag, den 2. Oktober 1925. Fördert mit allen Kräften Die Brotaktion der Agudas Israel Jugendgruppen zugunsten der Palästinaauswanderer (ii., Ob. Donaustraße 69) Spenden werden von der Redaktion des Blattes angenommen.

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