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Die Wahrheit · 1925-09-04 · Heft 35 (4.9.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 35 (4.9.1925)
Date
1925-09-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift ihr indische Interessen flu, dem Belhlafl; Yerdnenflldiungen der ..Union deutsdiosterrehhisdier Juden" Redaktion und Administration: Wien ML, HeinesirilOe IS- - Fernruf 42-2-18 XLI. Jahrgang Wien, 4. September 1925 Nummer 35 Die Krise und ihre Losung. Unter dem Eindrucke der bei der Generäldebatte auf dem XIV. Zionistenkongreß gehaltenen Reden haben warn die Ansicht ausgesprochen, daß es der bisherigen Leitung der zionistischen Bewegung und insbesondiere ihren Führern Prof. Chaim Weizmann und Nahum Sokolow gelingen werde, die Voraussetzung dafür zu schaffen, daß sich das nationale und das nichtnationale Judentum für die Zwecke des PalästiSnaaufbaues vereinige. Die von uns ausgesprochene Hoffnung ist schließlich in Erfüllung gegangen, wenn es auch eine Zeitlang so geschienen hat, als ob eine heftige Opposition gegen die Politik der Exekutive und mangelhafte Unterstützung derselben seitens dreier starker Gruppen die Veneinigung aller zibnsfreundlichen Juden gefährden sollte. Doch nicht allein die Politik, die die Erweiterung der Jewish Agency zum Ziele hat, wäre durch den Rücktritt dteir derzeitigen Exekutive gefährdet worden, sondern eS war vorauszusehen, daß bei der derzeitigen politischen Situation sowohl innerhalb als auch außerhalb der zionistischen Bewegung eine Krise im der Leitung {Derselben auch krisenhafte Zustände innerhalb des gesamten Zionismus notwendigerweise nach sich gezogen hätte. Denn einerseits fehlte es an Persönlichkeiten, welche so wie Weizmann das Vertrauen insbesondere Englands und dbs Völkerbundes besitzen, und anderseits waren dlte heterogenen Gruppen, welche der bisherigen Leitung ihre Unterstützung versagten, nur einig in der Negation, in sämtlichen übrigen Belangen aber derart verschiedener Einstellung, daß ein Zusammengehen derselben ein Ding der Unmöglichkeit war. Welches waren nun die Ursachen, die zu dieser gefährlichen k Situation) geführt haben, und wodurch wurde die Lösung der Krise herbeigeführt? Die Ursachen der Krise waren mittelbar in der Zusammensetzung des Kongresses selbst gelegen, welche wiederum eine Folge der so divergierenden religiösen, poMsehlen und sozialen Strömungen innerhalb des Zionismus sind. Machen sich schon innerhalb des Parlamentes eines kleinen Staates — man denke an unser Abgeordnetenhaus — die schärfsten Gegensätze bemerkbar, um wieviel*stärker müssen dieselben auf einem Kongreß in Erscheinung treten, dessen Teilnehmer aus der ganzen Welt zusammenströmen. Da sitzt ein hochgewachsener zionistischer Delegierter aus New-York, in seinem ganzen Tun und Lassen der geborene Amerikaner, neben einem engbrüstigen, schwächlich1 gebautön Glaubensbruder aus einer kleinen polnischen Stadt, einem typischen Ghettojuden mit sorgenvollem, von intensiver geistiger Arbeit gefurchtem Antlitz; dort wieder spricht ein Mitglied! der deutschen Delegation, dessen gesamte Persönlichkeit das Produkt einer vollkommenen Verbundenheit mit der deutschen Kulturgemeinschaft ist, mit einem jüdischen Arbeiter aus Palästina, dessen sonnverbranntes Antlitz Zeugnis gibt von jahrelanger schwerer Arbeit im Lande der Väter. Mögen sie auch alle von der Id£e des Zionismus entflammt sein, so ist doch ihre Auffassung von demselben einte verschiedenartige. Leben sie ja m ganz anders gearteten Verhältnissen und bringen aus den Gewohnheiten ihrer Umgebung und ihres Herkunftslandes die verschiedensten« Welt- und Lebensanschauungen in den Kongreßsaal mit. Die hierdurch zutage tretenden natürlichen Differenzen werden noch verstärkt durch das temperamentvolle Wesen, das manche Juden besitzen. Dieses Besitzes erfreuen sich vor allem einige Herren, welche der radikalen "Opposition angehören und durch besondere Heftigkeit im Auftreten die geringe Anzahl ihrer Stimmen wettmachen wollen. Einen traurigen Beweis hierfür bot z. B. die Rede des ehemaligen Abgeordneten Stricker, der als einer der Fülhner der radikalen Opposition sich berufen fühlte, die Würde des Kongresses, den die Zioniisten gerne als das „jüdische Parlament" bezeichnen, durch eine herausfordernde Sprache vor aller Welt zu diskreditieren. Die Mißfallsbezeigungen, welche sein Auftreten und das seiner 13 Gesinnungsgenossen begleitete und sich anläßlich der Abstimmungen über das Vertrauensvotum zu einem Entrüstungssturme steigerte, dürften diesem jüdischen Volksführer deutlich gezeigt haben, wie sein extremer Nationalismus nun auch im eigenen Lager und bei den „anonymen Massen", mit denen er so gerne operiert, beurteilt wird. Eins aber muß man der Opposition zubilligen. Sie ist, wie sie es schon lange vor Beginn des Kongresses angekündigt hat, offen gegen Weizmann und seine PoMtik aulgetreten und ist auf diesem Standpunkt auch geblieben, im Gegensatze zu den beiden Flügelparteien, der Misrachisten und vereinigten Sozialisten, welche bei der ersten Vertrauensabstimmung durch Stimmenenthailtung Weizmann das Vertrauen verweigerten. War die Opposition der radikalen Zioniisten eine prinzipielle, so war die Stellungnahme der Flügelgruppen nur eine Folge von parteipolitischen Bedenken. Während nämlich die sozialistischen Delegierten sich nicht scheuten, den Klassenkampf dort hineinzutragen, wo er am allerwenigsten hingehört und wo nur ein einträchtiges Zusammenarbeiten aller zum Erfolge führen kann, hat die

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