Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52/35 DIE WAHRHEIT Seite 17 Aber noch sind alle Ziele, die gesteckt wurden, nicht erreicht. Der Zeitpunkt ist hoffentlich nicht mehr ferne, da auf dem Siegesmaste des olympischen Stadions der Mogendovid flattern wird und der Welt verkündet, daß ein Jude im ehrlichen Wettbewerb mit den Besten aller Nationen für sich und sein Volk die höchste Ehre errungen hat, die auf dem Felde des Sportes erreicht werden, die des olympischen Siegers. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Wh* bringen nachstehend eine kurze Darstellung des Wesens und Wirkens des rührigeil Reichsbundes jüdischer Front- Söldäfefl, da auch in Oesterreich Bestrebungen im Gange Sind,^ die jüdischen Kriegsteilnehmer zu vereinigen, als lebenden Protest gegen die von antisemitischer Seite gegen die Juden erhobene Beschuldigung v der Feigheit und Drückebergerei. Unmittelbar nach dem Waffenstillstand im Jahre 1918 setzten Bestrebungen ein, die dahin zielten, die jüdischen Frontsoldaten in, einem Verband zusäffiftfenzufassen, dessen Zweck es sei, wirksam gegen den Antisemitismus aufzutreten und besonders den Vorwurf, den die Antisemiten damals in Deutschland in schamloser Weise erhoben, nämlich den der Drückebergerei, sdhofl durch die Existenz des FrontsoldatenbündeS zü entkräften. . Dr. Leo Löwen stein, der den Bund seit seiner Gründüng als erster Vorsitzender führt. War es, der in Berlin und an anderen Steilen des Riehes zu seiner, öründörtg anregte. Anfangs waren Schwierigkeiten zu überwinden, die Vöfl den Verschiedenen jüdischen Parteien und Behörden dem Bunde gettiächt wurden. Aber das Prinzip striktester Neutralität veThäif dem Bunde dazu, sich durchzusetzen und ei« machtvoller Faktor ka jüdischen und allgemein politischen Lebe« zu werden. Er breitet sich immer weiter und weiter in Deutschland aus. Erst in der Zeit der größten Inflation, trat ein gewisser Stillstand ein. Denn wie viele Organisationen, so harte der R. j. F, durch die immer schärfer werdende Geldentwertung Schwierigkeiten im seiner Geschäftsführung. Es waren die im Herbst 1023 in Berlin und anderwärts einsetzenden pogromartigera Unruhe«, die in den weitesten jüdischen Kreisen die Notwendigkeit des Frontbundes zeigten. Denn die in aller Stille vorbereitete Abwehrorganisation, die sich selbstverständlich in den gesetzlichen Bahnen zu halten hatte, setzte automatisch ein und ihr ist es zu verdanken, daß ein Pogrom von größter Ausdehnung damals vermieden worden ist. Der Frontbund darf sich rühmen, durch seine ebenso taktvolle, bestimmte und, wo es nötig war, nachdrückliche Aktion sich Respekt bei seinen Gegnern verschafft und an manchem Stellen die Lebensgefahr von den jüdischen Glaubensgenossen abgewandt zu haben. Der Aufgabenkreis des Bundes hat sich dank semer machtvollen Entwicklung — er umfaßt heute 16 Landesverbände mit 500 Ortsgruppen und Untergruppen (etwa 40.000 Mitglieder) — erheblich erweitert. Seit dem Sommer 1923 hat der Bund für seine Mitglieder und für die weiteren Kreise der jüdischen Jugend die Frage des Sports m die Hand genommen. Insbesondere liegt ihm daran, die bestehenden Organisationen zusammenzufassen, um durch deren Vereinigung neue Kräfte zu schaffen. Es ist dies bereits in Berlin und im Rheinland geglückt, wo zionistische und nichtzionistische sowie neutrale Turn- und Sportvereine zusammenarbeiten. Eine bereits dem Bunde angeschlossene Segelfliegerabteilung hat namhafte Erfolge auf deutschen Wettfliegen zu verzeichnen gehabt. ' In diesem Jahre betrat der R. j. F. nun ein neues Feld seiner praktischen Betätigung, nämlich im wahrsten und schönsten Sinne des Wortes „Das Feld"! Damit leitet der Bund eine Aktion ein, die die landwirtschaftliche Berufsumschichtung der Juden auf deutschem Boden zum Ziele hat. Bereits 1922 hat der R. J. F. diese Forderung aufgestellt und Propaganda dafür gemacht Jedoch gelang es erst anfangs dieses Jahres ein eigenes Lehrgut zu pachten, wo die jüdische Jugend zu Landwirten und Gärtnern ausgebildet werden soll. Weiin man sich in den Kreisen des Bundes bewußt ist, daß dies erst ein kleiner Anfang ist, so sollen späterhin auch an anderen Stellen im Reiche, wenn der erste Versuch glückt, ähnliche Unternehmungen ins Leben treten. Es versteht sich von selbst, daß es den Frontsoldaten ejne besondere Ehrenpflicht bedeutet, das Gedächtnis an unsere 1 2.0 0 OjO^G e f a 11 e n e n wachzuhalten. In dankenswerter Weise hat Max Liebermann eine Radierung der Mütter der 12.000 dem Reichsbund gewidmet. Er sorgt dafür, daß allerwärts Gedenktafeln und Grabdenkmäler zur bleibenden Erinnerung auf jüdischen Friedhöfen und Gotteshäusern errichtet werden. Der Bund besitzt eine wöchentlich erscheinende Zeitschrift, „Der S c h i 1 d", die sich aus kleinen Anfängen tapfer kämpfend durchgesetzt hat und heute eine der lesenswertesten jüdischen Zeitschriften in Deutschland bedeutet Im eigenen Verlag hat der R. j. F. ein Buch herausgegeben, nämlich das von Dr. Felix A. Theilhaber verfaßte „Jüdische Flieger im Weltkrie g". In diesem wird nicht nur nachgewiesen, daß der zahlenmäßige Anteil der Juden an der besonderen Mut verlangenden Waffe der ihnen zustehende und sogar darüber hinausgehend war, sondern daß sie auch ganz Besonderes geleistet haben. Ein jüdisches Jugendbuch ist im Erscheinen und weitere Publikationen sollen folgen. Gibt es noch in Deutschland gründlich Arbeit im Kampf gegen den Antisemitismus zu leisten, so ist es zweifellos« zum guten Teil der Arbeit des R. j. F. zu verdanken, daß ein Teil seiner Gegner, nämlich die Völkischen, erheblich an Zahl zurückgegangen ist und demzufolge ein Abflauen des jahrelangen in Deutschland üblichen Radauantisemitismus beobachtet werden kann. Aus Seelennachtswelten. Gedichte eines Tröstenden. Von Dr. Adolf Altmann*) 1. Von einem, der beten wollte. (Nach eigenem Erlebnis.) . ... Da trat der Leutnant vor: „Kinder, morgen ist die Schlacht!" Da dachte jeder, was vollbracht Noch werden müßte bis zum Morgen. Da gab es kleine und große Sorgen. Und ein Jude abseits in der letzten Reih' War auch dabei Der verstand, wußte, um was es geht, Und sein Gedanke war: „Ich bet' Zum großen Gott der Schlachtenreihen". Doch kein Gebetbuch er besaß und auch zu leihen Es keines in der Runde gab. Allein, der Rabbiner war beim Stab. Zu diesem flog ein Zettel schnell. Hastig hingeschrieben der Appell, Ein Andachtsbüchlein ihm zu senden, Denn bitter wär's, ohn' Gott zu enden. Gerührt erfüllt der Priester die edle Bitt\ Nach drei Tagen aber tritt Der Feldbote ein und bringt zurück Unerbrochen das gesandte Stück. Und auf der Schleife stand rot geschrieben: „Retour! Adressat am Schlachtfeld geblieben —". 2. Das ist noch mehr. (Nach eigenem Erlebnis.) An Kampf und Tod, an Feuer und Blei Ging's vorbei; An Ringen und Morden, an Schrecken ohn' End, Und wahrlich, ich fänd' Die Kraft zur Dauer kaum, Wenn nicht im Herzen Raum Gewesen wär' für Stärkeres noch. Das sich eingeprägt im Schützenloch. Wo lebendig begraben man war Und zu Berge standen die Haar', Wenn Donner auf Donner sauste hernieder Und 's Echo ging durch alle Glieder: „Jetzt ist es aus!" Doch, gottlob, wir kamen 'raus. *) Herr Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier, im Kriege Feldrabbiner der X. österreichischen Armee an der Südtiroler Front, überläßt uns für unsere Jubiläumsnummer eine Auswahl seiner Gedichte aus seinem in Vorbereitung befindlichen Werke: „Denkwürdigkeiten eines Feldrabbiners-" zum Vorabdrucke.