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Die Wahrheit · 1925-07-30 · Heft 30 (30.7.1925) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 30 (30.7.1925)
Date
1925-07-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Veröffentlichungen der I „Union deutschösterreichischer Juden" I Wien IX. ( Berggasse 4 : Postsparkassen - Konto : Nr. 9464 Telephon Nr. 19-2 77 Sommernachtsträume eine« Unionisten. i. Hier handelt es sich nicht, wie man meinen könnte, um das bekannte Werk des großen Briten. Fern vom Getriebe der Hauptstadt mit ihrem ewigern Lärm, fern von Geschäften aller Art tritt die Muße in ihr Recht. Die Gedanken bewegen sich da nach unglaublichen Richtungen. Das Paradieseskind Phantasie (Schiller) stellt sich in mannigfacher Gestalt ein und zaubert uns nicht selten Geschichten und Bilder vor, die mitunter den Stempel der Wirklichkeit tragen. Es sind Träume bei offenen Augen. Und diese versetzen den Menschen mit einem Schwung in eine Lage, die er sich im wachen Zustande kaum zu erwünschen getraut. Wer war nicht schon einmal in so glücklicher Lage? Und wie der Wunsch oft Vater des Gedankens ist, so erscheint in diesen Sommernachtsträumen ein Großteil jener sehnlichst herbeigewünschten Zustände verwirklicht, die von uns in erster Linie für begehrenswert gehalten werden. Freilich zeigt Fee Phantasie nicht immer das, was wir erstreben wollen. Manchmal legt sie einen dunklen Schleier über die rosigen Auen, in die sie uns versetzt hatte. Dann sehen wir dem Augenblick entgegen, wo das sonst so liebliche Kind wieder in sein Paradies enteilt. Doch, wir wollen von unseren Träumen berichten .... Tief im Schatten des Waldes lag ich mit einem modernen Buche in der Hand. Es regte mich nicht an. Die Stille der Natur — der Tag ging gerade zur Neige — nahm meine Gedanken in Beschlag. Und so fing ich an zu träumen. Ich sah mich ins Herz der Republik getragen, nach Wien, zu allen Straßen und Plätzen, zu meinen lieben Glaubensgenossen. Zuvörderst zu jenen, die seit Jahr und Tag um etwas kämpfen, das jedem Sterblichen — soweit die Sonne ihre Strahlen sendet — gewährleistet werden sollte: Eine Heimat und das Recht auf dieselbe. Nirgends zu Hause zu sein, das ist wohl das bitterste Los, das ein Erdenkind treffen kann. Anfangs trauerte ich mit diesen Armen. Doch alsbald füllte sich mein Herz mit Freude. Ich hatte das Gefühl, als wenn alle diese Leute, denen man bei uns die Zugehörigkeit so mutwillig streitig macht, plötzlich beglückt worden wären. Es war mir, als wären unsere Behörden über Nacht anderen Sinnes geworden, hätten den vielgenannten Artikel 80 des St. Germainer Vertrages richtig ausgelegt und den zahlreichen Petenten das gewährt, wonach sie solange vergeblich gestrebt hatten. Ja ich sah, so lebendig als dies nur sein kann, wie diese Leute ihre Dokumente einander vorwiesen, wie sie freudestrahlend jedem Bekannten, dem sie begegneten, die glückliche Botschaft zuriefen: „Nun sind wir von der Sorge erlöst! Wir wissen nun, wohin wir als Staatsbürger gehören. Wir haben im schönen Oesterreich unser Heim!" .... Eine geraume Zeit verfolgte ich dieses herzerquickende Treiben, schwelgte mit diesen Beglückten in ihrem Freudengefühl und fühlte die Wonne, die mein Herz umfing. Da erwachte ich. Dunkle Nacht hüllte mich ein. ich befand mich wieder in der sorgenvollen Wirklichkeit. Der erste Sommemachtstraum war vorüber .... IL Man sollte es nicht glauben, wenn man es nicht selbst erlebt hat, was so ein Traum dem Menschen an Unglaublichkeiten vorzugaukeln vermag. Geradezu fabelhafte Erscheinungen stellt er uns vor Augen. Dinge, von denen sich die Schulweisheit der Gelehrten wirklich nichts träumen läßt. Romanciers, Techniker, Modekönige und alle anderen, die sich mit Erfindungen befassen, werden durch Traumgtbilde ganz einfach in Schatten gestellt. Und so ging es auch Schreiber dieser Zeilen während einer der jüngsten Nächte. War es die Tageshitze, war es etwas anderes, das da eingewirkt hat, ich weiß es nicht. Ein seltener Traum war es, der mich stundenlang beschäftigte und aus dem ich angstvoll endlich erwacht bin. Auf einem großen Platze, so trämte ich, lagen unzählige Scharen von Menschen auf den Knien vor einem hohen schwarzen Gerüst, dessen Spitze von einem zertrümmerten Gestell gekrönt war. Bei näherer Betrachtung gewahrte man ein eingeschlagenes Hakenkreuz. Was soll das bedeuten? Ich trat näher. Da bemerkte ich auf dem Boden Knüppel, daneben Gummistöcke und andere Totschlägern ähnliche Werkzeuge. Die Leute murmelten etwas, das Gebeten ähnlich war, das ich aber nicht verstehen konnte. Eine Weile blieb alles ruhig. Da sah man plötzlich von einer Seite schwerbeladene Wagen kommen, die langsam sich gegen das Gerüst bewegten. Gleich darauf kam von der anderen Seite ein Zug von Männern und stellte sich dicht vor das Holzgerüst hin. Allen voran ein Mann, der so aussah, als wäre er der Minister Waber. Neben diesem Manne andere Herren, vielleicht von der Regierung, ich habe es vergessen. Den Schluß bildeten Polizeibeamte. „Auf!" kommandierte ein Polizeiorgan. Alle erhoben sich gesenkten Hauptes vom Boden. Nun entblößte der Mann, der etwas Aehnlichkeit mit Waber hatte, sein Haupt und hielt folgende Ansprache : „Geliebte Brüder und Genossen! Ihr habt im Laufe des letzten Jahres überaus Ersprießliches geleistet für unsere Rasse. Ihr habt die Juden verfolgt und anderweitig angegriffen und noch vieles anderes auf diesem Gebiete vollführt, womit ihr unsterblichen Ruhm euch erworben. Die Geschichte wird eure edlen Taten mit goldenen Lettern in die Tafeln unseres Vaterlandes eintragen. Leider habt ihr aber die Grenze eurer Pflichten überschritten, deshalb haben wir uns entschlossen, euch

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