Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 27 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT DeotsdiOsttTreidUscIie Wocfiensdirltt rar fttdlsfflc Interessen HU fem BclMalf; Ver&ffenflltiiungen Her „Union dentscbftsterrei B«d«ktion und Administration: Wien 0„ H «S. - Pmrat 4M-10 XLI. Jahrgang Wien, 10. Juli 1925 Nummer 27 Der Kämpf um den Numerus clausus. Vom 20. bis 24. Juni tagte in Wien im Gebäude der Universität ein Kongreß, welcher sich den stolzen Namen ,J>r i 11 e r Deutscher H o c hschultag Deutschösterreichs" beigelegt hat, obwohl er nur von einem Teil der deutschen Studentenschaft, nämlich den deutschvölkischen und deutsch-christlichen Hochschülern beschickt war, während alle übrigen deutschen Studentenvereinigungen dieser auf rein völkisch-antisemitischer Grundlage stehenden Tagung fernegeblieben sind. Nichtsdestoweniger nahmen die Rektoren vieler Hochschulen und zahlreiche Hochschulprofessoren an dieser durchaus parteipolitisch eingestellten Versammlung teil und sogar eine Anzahl liberaler und freisinniger Zeitungen brachte — offenbar in Unkenntnis des Charakters dieser Tagung — mehr oder weniger ausführliche Berichte über die stattgehabten Verhandlungen. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, wenn in der einstimmig angenommenen Resolution folgender Passus vorkommt: Der Hochschultag spricht sich im Sinne des Referates des Altbundeskanzlers Dr. Seipel dahin aus, daß im Rahmen der Hochschulen jede parteipolitische Betätigung unbedingt zu unterlassen ist. Er ersucht die akademischen Behörden der österreichischen Hochschulen, keine Vereinigung, die irgend einer Partei eingefügt isfr oder deren Namen trägt oder deren Mitglieder ausschließlich solche sein können, die zugleich Mitglieder bestimmter politischer Partei sind, die Anerkennung zu gewähren und eine wie immer geartete Betätigung zu gestatten. „Parteipolitik" ist in den Augen der antisemitischen Studentenschaft natürlich nur jene Politik, welche nicht auf völkischer Grundlage steht. Wenn dem nicht so wäre, so könnten alle wahren Freunde der studierenden Jugend mit dem an und für sich sehr vernünftigen Beschlüsse vollkommen einverstanden sein. Aber .... Von besonderem Interesse vor allem für uns Juden sind nachfolgende Stellen der Resolution, welche am Schlüsse des Kongresses zum Beschluß erhoben wurde: Antrag 4. Bei den nichtdeutschen Studierenden aus dem Auslande hat sich das ihnen zu gewährende Entgegenkommen nach den Beziehungen ihrer Heimat zu Oesterreich und die Behandlung der dort heimatberechtigten und dort lebenden Deutschen zu richten. Es ist auch zu erwägen, ob die Zulassung einzelner Gruppen von solchen nichtdeutschen Studierenden aus dem Auslande unter Umständen nicht überhaupt unerwünscht ist, zumal einer Ueberfremduhg der österreichischen Hochschulen nicht Vorschub geleistet werden darf. Antrag 5. Mit Rücksicht darauf, daß bereits die Zahl der inländischen, jüdischen Hörer gegenüber den inländischen deutschen Hörern das Verhältnis in der Bevölkerung weit überschreitet, sind Ausländer jüdischer Volkszugehörigkeit womöglich überhaupt nicht mehr, weder als ordentliche, noch als außerordentliche Hörer an den österreichischen Hochschulen zuzulassen, dies um so mehr, da einwandfrei nachgewiesen ist, daß eingeschriebene ausländische Hörer jüdischer Volkszugehörigkeit ihre Anwesenheit an den österreichischen Hochschulen zur Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft mißbrauchen. Nicht allein wir Juden, die besonders durch den letzten Punkt der Entschließung auf das schwerste verletzt werden, sondern auch alle nichtjüdischen Oesterreicher, denen das Wohl unserer Hochschulen am Herzen liegt, werden diese Anträge entschieden zurückweisen müssen. Nicht allein deshalb, weil sie der V/ürde unserer Hochschulen widersprechen, sondern auch, weil die Einführung solcher Beschränkungen in der Zulassung der ausländischen Hochschüler den Vorwand für eine gleiche Maßregel gegenüber österreichischen Hochschülern an ausländischen Hochschulen nach sich ziehen würde. Es liegt im Wesen einer Hochschule, die eine „U n iversitas litterarum" sein will, ihre Pforten allen wissendurstigen jungen Männern ohne Rücksicht auf Herkunft, Abstammung und Religionsbekenntnis offenzuhalten. Die Wissenschaft selbst ist ja international und kennt weder staatliche noch nationale oder konfessionelle Grenzen. Gerade die deutschen Hochschulen waren es, welche Studierende aus allen Ländern der Erde herangezogen und wesentlich zur Verbreitung von Licht und Kultur in kulturell noch nicht vorgeschrittenen Ländern beitrugen. Abgesehen von den Verdiensten, die sich die deutsche Wissenschaft hier um die gesamte Menschheit erworben hat, ist hierbei auch das deutsche Volk als solches nicht schlecht gefahren, zumal die geistige Verbindung, die auf diese Weise zwischen den deutschen und anderen Völkern geschaffen wurde, von gewaltiger volkswirtschaftlicher Bedeutung gewesen ist und sich sicher auch politisch ausgewirkt hätte, wenn nicht unverzeihliche Fehler der maßgebenden politischen Kreise immer wieder das Werk der deutschen Gelehrten und Professoren vernichtet hätten. Innerhalb der deutschen Hochschulen nimmt die Wiener Universität einen hervorragenden Ehrenplatz ein, da sie ganz besonders dazu beigetragen hat, deutsche Kultur und Bildung nach dem Osten zu tragen. In hervorragender Weise haben zu dem Ruhm der Alma mater Vindobonnensis jüdische Hochschullehrer beigetragen, die Seite an Seite mit ihren nichtjüdischen Kollegen, denen