Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 22 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 DIE WAffRHEIT Nr. 22 Wiens Konfessionen. Die „Statistischen Nachrichten" bringen aus den Ergebnissen der Volkszählung vom 7. März 1923 die Gliederung der Wiener Bevölkerung nach Religionsbekenntnissen. Von den 1,865.780 Einwohnern, welche als Bevölkerung Wiens am 7. März 1923 gezählt wurden, sind 1,518.830, das sind 81,4% der Gesamtbevölkerung, Katholiken, 201.513, das sind 10,8% der Gesamtbevölkerung Juden, 89.132, das sind 4,8% der Gesamtbevölkerung Protestanten, 33.087, das sind 1,8% der Gesamtbevölkerung Konfessionslose, 14.911, das sind 0,79% der Gesamtbevölkerung Altkatholiken. Von dem Rest sind 2402 griechisch- oder armenisch-katholisch, 5331 entfallen auf sonstige Bekenntnisse, während von 1074 Personen das Bekenntnis nicht angegeben wurde. Die Zahl der J d e n hat sich gegen das Jahr 1910, wo 175.318 Bekenner der mosaischen Religion ermittelt wurden, absolut (um 26.195 Personen) und auch relativ (von 8,6% auf 10,8% der Gesamtbevölkerung) vermehrt Auch die Protestanten (unter denen 79.843 der Augsburger Konfession angehören) sowie die Konfessionslosen weisen absolute und relative Vermehrung auf. Dagegen hat sich die Zahl der Katholiken absolut und relativ vermindert. Am stärksten überwiegen die Römisch-Katholischen mit 98,1% im 11. Bezirk Simmering und mit 91,0% im 12. Bezirk Meidling, dann mit 90,5% im 21. Bezirk Floridsdorf,- dagegen sind sie am schwächsten vertreten im 2. Bezirk Leopoldstadt mit 55,9% und im 1. Bezirk Innere Stadt mit 64,6%. Von den 202.513 Juden wohnen 59.722 im Gemeindebezirk Leo p o 1 d stadt, wo sie 38,5% der Bevölkerung bilden. Ferner zahlten die Bezirke Aisergrund 23.746 — 25,1 %, Landstraße 14.204 9,83%, Innere Stadt 10.462 24,3%, Brigittenau 17.572 18,04%, Mariahilf 8941 16,4%, Neubau 9838 15,6%, Josefstadt 6932 13,8%, Hietzing 5977 4,6% und Döbling 5665 10,2% Juden. Hierauf folgen: Wieden mit 5570, Ottakring mit 4881, Währing mit 4601, Margareten mit 4471, Favoriten mit 4011, Hernais mit 3829, Rudolfsheim mit 3706, Fünfhaus mit 2904, Meidling mit 2405, Floridsdorf mit 1676 und an letzter Stalle der Bezirk Simmering mit 400 Juden, die dort 0,87% der Bezirksbevölkerung bilden. Ein begrüßenswerter Antrag. Mit Gesetz vom 29. August 1922, LGB1. Nr. 134, wurde verordnet, daß bei einem Zahlungsverzug von über fünf Tagen in der Zahlung von Abgaben oder Gebühren an die Gemeinde Wien an Stelle der Verzugszinsen zu den fälligen Beträgen ein Verzögerungszuschlag in der Höhe von 25 Prozent des rückständigen Betrages einzuheben ist; hierdurch sollte angesichts der zu jener Zeit fortschreitenden Entwertung der Valuta verhindert werden, daß die säumigen Steuerzahler auf Kosten der Gemeinde gewinnbringende Spekulation betreiben. Dieses Moment ist heute vollkommen weggefallen, die herrschende Wirtschaftskrise, wodurch Industrie, Handel und Gewerbe'schwer leiden und die Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag wächst, rechtfertigt die Aufhebung dieses Gesetzes, da heute ein Verzug in der Zahlung meist auf die Unmöglichkeit zu zahlen, nicht aber auf böse Absicht zurückzuführen ist. Daher stellten die jüdischen Bezirksräte des IX. Bezirkes Simon Weiner und Dr. Georg Wein er den Antrag, an den Bürgermeister als Landeshauptmann die Bitte zu richten, dafür zu sorgen, daß in Abänderung des Gesetzes vom 29. Juli 1922, L. G. Bl. Nr. 134, in Hinkunft bei Nichteinhaltung der Termine für städtische Steuerabgaben die gleichen Verzugszinsen berechnet werden wie bei den Bundessteuern. Dieser Antrag der jüdischen Bezirksräte wird von allen im Erwerbsleben stehenden Mitbürgern sicherlich freudig begrüßt werden und der Bürgermeister Wiens dürfte sich kaum den Gründen, die die Antragsteller anführen, versagen und dieses unzeitgemäße, das Wirtschaftsleben schwer belastende Gesetz abschaffen. Generalversammlung. Am 21. Mai fand Im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde die ordentliche Generalversammlung der israelitischen Allianz statt Präsident Dr. Arthur Kuranda eröffnete die Versammlung, indem er die Beschlußfähigkeit und die rechtzeitige Ausschreibung derselben in der „Wiener Zeitung" konstatierte. Sekretär Dr. Armand Kaminka verlas den Tätigkeitsbericht für die verflossenen Jahre, aus welchem hervorgeht daß der Verein auch während der Jahre, da er nicht öffentlich hervortrat ununterbrochen mit den Hilfswerken für Flüchtlinge, für durchreisende Emigranten aus den östlichen Ländern, für die infolge des Numerus clausus in Not geratenen Studierenden, und während der Jahre der großen Not in Wien auch für bedürftige Lehrer, Beamten und andere Angehörige des Mittelstandes befaßt war. Im Jahre 1924 wurden für Flüchtlinge 25,314.000 Kronen, für Studenten 14,175.000 Kronen und für die aus Rußland geflüchteten und in zahlreichen Orten in Polen weilenden theologischen Studienanstalten 106,101.000, für hebräische Schulen in Karpatho-Rußland 10,458.000 Kronen verwendet. Der Verein sei sich der großen Aufgaben bewußt, welche seiner harren und er werde in Zukunft seine Aufmerksamkeit auch in größerem Maße der landwirtschaftlichen Arbeit, sowie den Kulturanstalten in Palästina zuwenden. Der Bericht wurde ebenso wie der von Dichter Ernst Goldschmidt erstattete Finanzbericht einstimmig genehmigt. Es wurden hierauf per Akklamation die ausscheidenden Vorstandsmitglieder: Dr. Arthur Kuranda (Präsident), Hofrat Dr. J. Löwner, Hof rat Prof. S. Ehrmann und Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Jakob Ornstein (sämtlich Vizepräsidenten der israelitischen Allianz), Generaldirektor Jacques Brichta und Dr. Arnold Ascher (Schriftführer), Direktor Ernst Goldschmidt (Kassier), ferner die Herren Notar Dr. Julius B ermann, Richard Bettelheim, Ferdinand Bloch- Bauer, Siegmund Bondi, Dr. Josef Breuer Ernst Hirsch, Dr. Felix K atz au, Baurat Wilhelm Kempler, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Josef L öwenherz, Prof. Dr. Heinrich Neumann, Dr. Bruno Pollak-Parnau und Alexander Weiner in den Vorstand wiederge wäalt. Tempelverein „Aeschel Awrohom", IL, Pazmanitengasse 6. Das verflossene Schwuosfest, das Fest Matan Tauro, wurde in unserem Gotteshause besonders erhebend gefeiert. Wieder hat sich der Satz bewahrheitet: „Lau Almon Isroel", Israel ist nie bar an Mannern, welche das Herz auf dem rechten Fleck haben. Erew Jaomtow wurde aus einem neuen Silberbecher, welchen unser beliebter, langjähriger Vorsteher und Gabbe, Herr A. Knopf, anläßlich seines 40. Hochzeitstages unserem Tempel widmete, Kidusch gemacht und das Schehechijonu war doppelt berechtigt. Am ersten Tag Jaotow wurden Kle Kaudesch, herrliche Silberarbeit, gewidmet von unserem Vereinsmitglied Herrn J. Neumann zum Andenken an seinen verstorbenen Vater seiner Bestimmung zugeführt. Der Spender wurde zur Thora gerufen. In seiner Ansprache hob Rabbiner Dr. Funk besonders hervor, daß es eine schöne Pietät sei, das Andenken seines Vaters durch die Widmung einer Kle Kaudesch zu ehren und, von dem Satze ausgehend „Kabed es owicho wees imecho lemaan jarichu jumecho", wünsche er dem Spender ein langes Leben, damit er noch mehrere edle Werke schaffen könne. Am zweiten Tage hielt Rabbiner Dr. Funk anläßlich des Maskir eine ergreifende Predigt. Unter anderem hob er hervor, daß vor 50 Jahren 17 Männer in der Springergasse ein Minjam gegründet haben, aus welchem der Leopoldstädter Tempelverein „Aeschel Awrohom" hervorging, der eben im Begriffe ist, dieses Jubiläum festlich zu begehen. "Die hervorragenden kantoralen Leistungen unseres Oberkantors. Müller vervollständigten die schöne Feier. Todesfall. Mittwoch, den 3. d. wurde Moritz Koh'n, der langjährige Sekretär des Tempelvereines „Aeschel Awrohom" unter großer Beteiligung weiter und angesehener Schichten der Bevölkerung zu Grabe getragen. Der Vorstand des erwähnten Tempelvereines war vollzählig unter Führung seines Obmannes, Herrn Oskar Schrämek, erschienen. Der von ihrrL betraute Redner, Herr Obmannstellvertreter Samuel Adler, dankte dem Verewigten in der Wohnung für die treuen Dienste, die er dem Tempelvereine geleistet und nahm in ergreifenden Worten Abschied von dem treuen Beamten der Gottesgemeinde. Vor dem Gotteshause nahm Rabbiner Dr. S. Funk Abschied von „dem Priester, der sein Heiligtum verläßt, den Altar, an dem er Jahrzehnte hindurch seinen Dienst verrichtet." In der Leichenhalle entwarf derselbe ein ergreifendes Bild von der freudlosen Jugend des Dahingeschiedenen im Elternhause, von seinem Leben, das voller Arbeit und Mühe gewesen und das erst am Abende von dem Lichte der Liebe und der Treue, von dem schönen beglückenden Dienste für das Heiligtum verklärt wurde. Wir alle, die ihm im Leben nahe gestanden, wissen, daß wir mit Moritz Kohn einen treuen, pflichtbewußten Beamten und 'einen guten Juden zu Grabe tragen. Nachdem Herr Leenmann im Namen des Vorstandes und der Vereinsmitglieder ihm für seine Dienste in schönen Worten gedankt und die Herren Oberkantor Müller und erster Kantor A. Stift die Totengesänge in gewohnt meister- . hafter Weise vorgetragen, wurde der Sarg in das Grab gesenkt, welcher einen Vertreter der alten Zeit, einen originellen'; Mann in sich barg.