Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 22 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sefte 10 frti* WAttRtffilT Nr. 22 arbeiten und dergleichen ihren kärglichen Lebensunterhalt verdienen können, kostbarer Studienzeit beraubt. Die Hörsäle und Bibliotheken sind verödet, der Studienbetrieb ruht vollkommen und das so kurze Sommersemester, das kaum erst begonnen hat, nähert sich rasch seinem unfreiwilligen Ende. Arme Väter — ich spreche hier nicht von den jüdischen allein —, die selbst schwer zu kämpfen haben, sparen sich den Bissen Brot vom Munde ab, damit ihre Söhne studieren können und sich so ein besseres Los schaffen, als es das ihrige ist; diese aber stehen untätig vor den verschlossenen Pforten der Alma mater, weil eine stets radaulustige Horde von gewalttätigen Hakenkreuzlern sich das Herrscherrecht an den Hochschulen anmaßt. Entweder der Rektor hat die Macht, selbst Ordnung an den Hochschulen zu schaffen, indem er den hakenkreuzlerischen Studenten, die mit Waffen die Stätten friedlicher Wissenschaft unsicher machen und die Würde der Hochschulen schänden, die Erlaubnis zur Fortsetzung ihrer „Studien" ein für allemal entzieht, oder er besitzt sie nicht, dann muß er sich, weim es nicht anders geht, diese Macht von auswärts verschaffen, um lernbeflissene Hochschüler gegen Angriffe von seiten nichtStudierender Raufbolde zu schützen. Vollkommen ausgeschlossen aber erscheint es mir, daß er vor den Hakenkreuzlern gleichsam kapituliert und die Hochschule sperrt. Denn sonst könnten diese die Sperrung regelmäßig erzwingen, wann es ihnen paßt, da sie ohnehin kein Interesse am Studium zu haben scheinen. Ich ersuche Sie, im Namen vieler Leidensgenossen, diesen Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte, das stets die Interssen der jüdischen studierenden Jugend so energisch verteidigt, Raum zu geben und ihr auch fernerhin in ihrem schweren Kampfe für Recht und Gerchtigkeit zur Seite zu stehen. Hierfür im Voraus meinen besten Dank. Jacob R., cand. jur. Warum gerade der Stadtpark? Ebenso wie am vergangenen Samstag hielten auch diesen Samstag die Hakenkreuzler im Stadtpark ihre Promenade ab, hüteten sich aber angesichts des großen Polizeiaufgebotes Radauszenen hervorzurufen. Als sie sahen, daß sie in der Minderheit seien, steckten sie schnell ihre Abzeichen ein und mischten sich möglichst unauffällig unter die Besucher des Parkes. Nur zwei Burschen, die zu provozieren versuchten, wurden zur Ausweisleistung angehalten. Unsere Leser werden sich die Frage vorlegen: „Warum ist ausgezeichnet — der Stadtparkt vor allen anderen öffentlichen Qärten, deren Wien so viele besitzt?" Anfangs war es durchaus nicht klar ersichtlich, warum das Parteiblatt der Nationalsozialisten gerade den Stadtpark als Ort des allwöchentlichen Stelldicheins ihrer Parteigänger ausgewählt hat Nunmehr aber wird dieses Hakenkreuzrätsel gelöst: Die sich jeden Samstag im Stadtpark „ergehenden" Nationalsozialisten wollen nach den eigenen Worten der „Deutschen Arbeiter-Presse" hierdurch „ihrer Ansicht entsprechenden Nachdruck(!) verleihen, daß der Jude dorthin gehört, woher er gekommen ist — in die Leopoldstadt, ins Ghetto". Wir bringen der „D. A. P." geziemend zur Kenntnis, daß die Ghettomauern endgültig gefallen sind. Auch machen wir sie darauf aufmerksam, daß die Juden nicht bloß in der Leopoldstadt wohnen, sondern auch . . ., übrigens weiß sie selbst sehr gut, wo die Juden noch wohnen, da sie das in der gleichen Nummer ihren Lesern kundgibt. Wir wollen uns durchaus nicht vorschreiben lassen, in welchen Gärten wir Erholung suchen dürfen, ebenso wie es vermessen von uns wäre, den Nationalsozialisten den Ort ihrer Zusammenkünfte anweisen zu wollen. Sollten sie auch fernerhin ihrer Sympathie für die jüdischen Spaziergänger und Kaffeehausbesucher im Stadtpark durch zahlreiches Erscheinen Ausdruck verleihen wollen, so haben wir nichts dagegen. Allerdings möchten wir schon bitten, den „entsprechenden Nachdruck" lieber bleiben zu lassen. Denn erstens tut man so etwas nicht, weil es unanständig ist, und zweitens macht man sich hierbei unnötige Scherereien mit der Polizei. Und wieder Ludendorff als Antisemit In einem Schreiben vom 29. Mai wirbt der in München erscheinende „Weltkampf" für seine von Alfred Rosenberg „umfassendste und weitschauendste Zeitschrift" für die Judenfrage aller Länder. In diesem auch uns zugegangenen Schreiben (heißt es doch darin: „Auch auf Sie kommt es dabei an!") muß neben Hitler als besonders gute Reklame der „große General" Ludendorff, oder besser Lindström, herhalten; und so schreibt er selbst: „Ich bin seit Jahr und Tag Leser des „Weltkampfs" und habe meine Zustimmung zu seiner Haltung dadurch gezeigt, daß ich selbst in ihm einige Zeilen über das jüdische Weltproblem, d. h. die Befreiung aller Völker des europäischen Kulturkreises aus den Krallen des jüdischen Volkes, schrieb. Diese weltbewegende Frage kann nicht mit genügender Gründlichkeit in einer Tageszeitung behandelt werden, wenn sie auch hier nie aus dem Auge verloren werden darf, dazu ist eine Zeitschrift nötig. Der „Weltkampf" hat mit sehr wenig anderen diese Aufgabe übernommen und ihr nach Kräften gedient. Ich wünsche ihm noch weiteren Leserkreis, denn die Völker werden nicht gesund vor dem Ausscheiden des Judentums. Man erinnert sich bei diesem neuesten Bekenntnis unwillkürlich an Ludendorffs Aufruf „Zu die Jidden in Paulen" vom Herbst 1924: („Wie Freind kummen wir zu eich . . . Die gleiche Recht far Jidden soll werin (— werden, Dr. R.) gebaut auf feste Fundamenten . . ." und an den Besuch des „graussen Generols" beim Herrn Oberrabbiner. („Boruch habo" usw.) Die Zeiten aber sind vorüber, wo dieser General sagte, die Juden im Heere sind ein gutes Element, man könne sie überall hinstellen, es sind doch ausgezeichnete Kerle usw. Graf Herrmann Keyserling, der Begründer der „Schule der Weisheit" in Darmstadt, dürfte wohl der bedeutendste Denker im heutigen Deutschland sein und gehört neben dem Franzosen Henry Bergson zu den hervorragendsten jetzt lebenden Philosophen. Sein umfassendes Wissen, das er nicht allein aus Büchern geschöpft, sondern sich zum größten Teil durch eigene Anschauung erworben hat (in seinem „Reisetagebuch eines Philosophen" schildert er seine Eindrücke auf einer Weltreise) und sein tiefes, intuitives Denken vereinigen sich bei ihm zu einer Weltanschauung von gewaltiger Universalität und bedeutendem ethischen Gehalt, die vielleicht nur in der Klarheit der Wesenskenntnis und in der Exaktheit der Formulierungen hinter der der großen deutschen Idealisten des vorigen Jahrhunderts zurücksteht. Umso bedeutungsvoller ist das, was Keyserling jüngst über das Judentum sagte: „Der Ursinn des Judentums ist das ethische Prinzip, Welches seinen Ausdruck in der Bibel gefunden hat, aus welcher heraus sich die ganze sogenannte westeuropäische Kultur geformt h a t. Die weiteren Entwicklungsperspektiven der jüdischen Gemeinschaft, insbesondere die Gestaltung des idealen jüdischen Typus hängt davon ab, wieweit dieses ethische Urprinzip noch in dem Juden fortwirkt. Die gegenwärtig vor sich gehende jüdische Wanderung nach Palästina ist vom soziologisch-ethischen Gesichtspunkte höchst interessant. Alles hängt von dem moralischen Werte jener Elemente ab, die jetzt in Palästina ihren dauernden Wohnsitz nehmen. Sind es opferwillige, moralisch geläuterte Pioniere, dann wird ein besonders gearteter, schöner, gesunder jüdischer Stamm auf dem neuen Boden entstehen. Man denke an die Puritaner, die, vor den Verfolgungen in der Heimat nach Amerika geflüchtet, ein neuartiges spezifisch amerikanische Volk gebildet haben. Das gleiche gilt von den französischen Siedlern in Kanada. Die jüdische Universität in Jerusalem wird viel zu einer solchen Entwicklung beitragen können, da der Jude, mit seiner vielhundertjährigen westeuropäischen Kulturerfahrung, die er hat schaffen helfen und durch die er gleichzeitig menschlich gestaltet worden ist, zweifellos neue Kulturwerte zu schaffen vermag." Es ist klar, daß dieser Ausspruch des baltischen Philosophen den deutschen Antisemiten nicht angenehm ist und sein Landsmann Alfred Rosenberg nennt diese Ansicht im „Weltkampf" das „Nonplusultra der Oberflächlichkeit", ohne aber eine sachliche Widerlegung der Behauptungen Keyserlings auch nur zu versuchen. Es würde Herrn Rosenberg auch kaum gelingen, Keyserling auch nur im geringsten der Oberflächlichkeit zu zeihen, gehört doch Keyserling zu den am tiefsten schürfenden Wahrheitssuchern, die es je gegeben hat. Graf Herrmann Keyserling oder Alfred Rosenberg? Auf wen kann Deutschland eher stolz sein? Der Mord in Kischinew. Am Abend des 29. April wurde in Kischinew in Bessarabien ein junger Chaluz namens Bendit N e i c h i n unter dem Vorwande, daß er kommunistische Aufrufe verteilt habe, von Siguranzaagenten erschossen. Da die bessarabische und rumänische Presse über dieses Ereignis nicht ein Sterbenswörtchen verlautbaren, ja nicht einmal die Todesnachricht des ermordeten jungen Mannes bringen durfte, sind wir erst heute in der Lage, über den Vorfall zu berichten, denn nunmehr werden, trotz der Vertuschungsversuche der rumänischen Polizei, nähere Einzelheiten über diese schreckliche Mordtat, welche im ganzen Lande ungeheure Aufregung erregt hat, bekannt. Nach den uns vorliegenden Nachrichten hat sich das Verbrechen, das die rumänische Geheimpolizei an dem jungen Juden begangen hat, folgendermaßen abgespielt: Bendit Neichin, ein bescheidener Junge, welcher sich nie politisch betätigt hatte, verließ um 9 Uhr abends das Büro, in welchem er tagsüber beschäftigt war, ging mit einem befreundeten Mädchen ein wenig spazieren >