Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 21 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. Öl bm WAÜRtiOT Seite & aus dem Auslande nicht durchsetzen konnten, kamen die arischen Techniker ihren Kollegen zu Hilfe und so kam es an der Technischen Hochschule zu Ausschreitungen, die alle bisherigen wüsten Szenen in den Schatten stellten. Ein „äußerer Anlaß" für diese von den Hakenkretuizlern „Repressalien" genannten Angriffe gegen die jüdischen Hörer war bald gefunden. Hofrat Prof. Kobes machte in seiner am 14. d. M. gehaltenen Vorlesung über theoretische Maschinenkunde verschiedene politische Bemerkungen über Pazifismus, Wehrmacht, Republik, über die „gewisse Rasse" und andere sicher nicht in den Rahmen einer Vorlesung über Maschinenkunde passende, höchst kriegerisch gehaltene Aeußeruingen. Diese Aeußerungen nun, die vom Rektor der Technik nachträglich als „nicht ernst gemeint", ferner als „derb und burschikos" bezeichnet wurden, sind in einigen Zeitungen glossiert worden, indem sie auf die Ungehörigkeit solcher Abschweifungen ins politische Gebiet hinwiesen. Dies war der „Anlaß" für die hakenkreuzlerischen „Repressalien" gegen die — jüdischen Hörer. Die antisemitischen Studenten besetzten am 19. Mai um 8 Uhr früh die Hochschule und forderten alle Studenten zur Ausweisleistung auf. Die jüdischen Hochschüler wurden unter Beschimpfungen an dem Eintritte in die Hochschule gehindert. Um 9 Uhr wurde das Gebäude von den Nationalsozialisten gestürmt. Patrouillen suchten alle Hörsäle, Lesezimmer und Laboratorien ab, insultierten die jüdischen Studenten tätlich und jagten sie durch alle Gänge. Es verdient rühmlichst hervorgehoben zu werden, daß im Gegensatz zu diesen Helden ein großdeutscher Stutent namens Erich Ginzel gegen die Brutalität der Eindringlinge protestierte, denen er er sagte: „Hier sind Hörer von den älteren Jahrgängen, die hier zeichnen wollen. Verlasset sofort den Saal!" Er wurde unter Pfuirufen gepackt, auf einen Tisch niedergerissen und bloiitig geschlagen. Die jüdischen Hörer, die sich in den Saal geflüchtet hatten, unter ihnen eine Studentin, wurden nun wieder aus dem Saal getrieben und unter fortwährenden Beschimpfungen, wie: „Die haben ja Watschengesichter! Saujuden!" zum Haustor gebracht. Zu dieser Szene kam der Prorektor Halter und verkündete in diesem Augenblick, daß die Hochschule bis auf weiteres gesperrt bleibe. Das Präsidium der Kultusgemeinde wurde noch im Laufe des Vormittags, während die Szenen an der Technik andauerten, von den Vorfällen verständigt und der'Präsident der Kultusgemeinde Prof. Pick begab sich sofort in Begleitung der Vizepräsidenten Dr. 0 r n s t e i n und Dr. Löwenherz in das Unterrichtsministerium, wo die Herren schärfsten Protest gegen die Vorfälle einlegten und die sofortige Entfernung des aufreizenden Plakates, den Schutz der jüdischen Studenten vor antisemitischen Gewalttätigkeiten und die Mißbilligung der Ausschreitungen der halkenkreuzdierischen Studenten durch den Rektor der technischen Hochschule verlangten. Das österreichische Judentum wird dem Präsidium der Kultusgemeinde Dank wissen für sein ebenso rasches wie entschiedenes Eintreten für die Interessen der jüdischen Studenten. Denn es ist eine Lebensfrage der österreichischen Judenschaft, daß seine Söhne sich ungestört ihrer wissenschaftlichen Ausbildung an unseren Hochschulen widmen können, da diese jungen Leute ja späterhin unsere geistigen Führer sein werden. Es sind wirklich unerhörte Zustände, daß Repressalien gegen jüdische Studenten ergriffen werden, wenn den Hakenkreuzlern irgend etwas wider den Strich geht und es ist einfach unerträglich, daß jüdische Hochschüler gleichsam dafür „bestraft" werden, wenn in irgend einer Zeitung Dinge stehen, welche den antisemitischen Studenten nicht passen. Auch an der Universität und der Hochschule für Welthandel ist es zu empörenden Ausschreitungen gegen die jüdischen Studenten gekommen, die noch Gegenstand angehender Behandlung sein werden. Es kann ganz einfach in einem Rechtsstaate nicht geduldet werden, daß eine gewalttätige Horde unsere Hochschulen ständig terrorisiert und jüdische Studenten an ihren Studien verhindert oder gar tätlich insultiert. * In Mödling. Ein bezeichnendes Licht auf die Vorgänge an den Wiener Hochschulen werfen die blutigen Ausschreitungen der Hakenkreuzler in Mödling, wo diese, im Anschluß an eine „Gedenkfeier", mit Schuß-, Stich- und Hiebwaffen über die wehrlose Arbeiterbevölkerung hergefallen sind. Und auch hier handelt es sich gewissermaßen um „Repressalien". Ebenso wie die Juden an den Hochschulen, so sollten hier die Arbeiter dafür „bestraft" werden, daß die Nationalsozialisten bei den jüngsten Landtags- und Gemeinderatswahlen vollkommen geschlagen wurden. Was also der nationalsozialistischen Bewegung an politischer Bedeutung fehlt, soll durch ein möglichst aufreizendes und gewalttätiges Verhalten wettgemacht werden, die geringe Zahl ihrer Anhänger soll damit verdeckt werden, daß die wenigen Mitglieder dieser „Partei" stets von sich reden machen. Die Tätigkeit der Nationalsozialistischen Partei sowie ihrer Anhänger an den Hochschulen besteht einzig und allein in einer andauernden Verletzung des § 302 des österr. Strafgesetzbuches, welcher folgendermaßen lautet: „Wer andere zu Feindseligkeiten gegen Nationalitäten, Religionsgemeinschaften, Körperschaften und einzelne Bürger auffordert, macht sich, soferne nicht andere strafbare Handlungen vorliegen, eines Vergehens schuldig und soll zu drei bis sechs- Monaten Arrest verurteilt werde n." Die Hakenkreuzlerfrage ist demnach nicht allein eine Angelegenheit, mit der nur die Juden, als die unmittelbar Betroffenen, sich zu befassen hätten, sondern es liegt im Interesse der gesamten Bevölkerung, daß dem die Gesetze unserer Republik verhöhnenden Treiben der Hakenkreuizler raschest Einhalt geboten wird. Wenn in einem entwaffneten Staate eine bewaffnete und zu jeder Gewalttat entschlossene Horde, zügellos ihr Unwesen treibt, „Repressalien" und „Exekutionen" gegen wehrlose Staatsbürger durchführt, militärische Uebungen und Paraden veranstaltet und selbst nicht vor den Toren unserer Hochschulen, der Stätten wissenschaftlicher