Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 20 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 20 DIE WAHRHEIT Seite 11 Von Woche zu Woche Israelitische Kultusgemeinde Wien. Donnerstag, den 14. d. M., fand im großen Saale neuerlich eine öffentliche Sitzung des Kultusvorstandes unter Vorsitz des Präsidenten Prof. Dr. A. Pick statt. Daß die Beratungen des Kultusvorstanidies jetzt des öfteren öffentlichen Charakter tragen, ist unbestreitbar eine Errungenschaft der „Vereinigung für soziale Tätigkeit". Wir und mit uns die vielen Anwesenden, die diesmal im Auditorium weilten, darunter die Obmänner der Bezirkskommissionen, haben aber den Eindruck gewonnen, daß die Herren der erwähnten Gruppe sich nicht lange ihrer Errungenschaft freuen werden, denn die" ihnen erwünschte Oeffentlichkeit dürfte sehr bald fernbleiben. Vorn Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt und so kann man es bei allem Interesse für die Tätigkeit des Kultusvorstandes niemandem zumuten, daß er es sich gerne anhört, wie diesen Beratungen durch Anwürfe banalster Art durch einzelne „Vorsteher" auf ein jeder Beschreibung spottendes Niveau herabgedrückt werden. Eingangs der Sitzung berichtete der Präsident, daß vom Keren Hajessod-Direktorium in London ein Dankschreiben für die Spende von 200 Millionen Kronen eingelaufen sei. Sekretär G. Fuchsgelb bringt ein Schriftstück der Chewra Kadischa zur VerliesiüRg, laut welchem dieselbe in Ansehung der großen Verdienste ihres Ehrenmitgliedes Präsidenten Prof. Dr. A. Pick eine Bettstiftung im Rothschildspital beschlossen und den für das erste Quartal bedingten Betrag übermittelt hat. Anläßlich der Pessachfeiertage wurden 20.000 Kilogramm Mazzoth und 50 Millionen Kronen an Arme zur Verteilung gebracht. Der auch nach dein Staatsvertrag von Saint Germain ungerechtfertigte Beschluß der steiermärkischen Landesregierung, den israelitischen Vertreter in der Schulaufsichtsbehörde (bisher Landesrabbiner Dr. Herzog) auszuschließen, veranlaßte auf Ersuchen der Grazer Kultusgemeinde eine Aktion der Wiener beim Bundeskanzleramt und im Unterrichtsministerium. (Wir haben uns mit dem Beschluß des steirischen Landtages, bei dem die Stimmen der Sozialdemokraten entscheidend waren, bereits ausführlich befaßt und müssen es leider dahingestellt sein lassen, ob der sicher nicht genug zu begrüßende Schritt der Wiener Kultüsgemeinde von Erfolg gekrönt sein dürfte, denn nicht nur in der grünen Steiermark, sondern auch im roten Wien konnten wir in der Schulaufsichtsbehörde gleich Schändliches erleben.) Durch die vielen Abänderungen bedingt, wurde auf Verlangen des Wiener Magistrats eine Neuauflage der Kultusgemeindestatuten veranlaßt. Erster Sekretär Dr. Adler beantragte zwecks rascherer Erledigung der Steuerrekurse eine Teilung des Vertreterkollegiums, das mit Arbeit überbürdet ist, in vier Senate, dem je ein Vorstandsmitglied angehören soll. Nachdem sich an der Debatte zu diesem Gegenstand die Herren Vorsteher Buchwald, D o h a n und Hoffmann beteiligt liatten, wird der Antrag des Referenten angenommen. t ftetfo* I ROTGASSE 1 Nun brachte der Finanzreferent Regierungsrat Dr. H. Oppenheim, der sehr rasch die schwierige Materie bewältigt hat, in einer überaus anschaulichen Weise ein Bild über das finanzielle Ergebnis des ersten Budgetquartals. Dieses weist wohl noch eine Aktivpost von 72.000 Schilling auf (1,200.000 Schilling Einnahmen gegen 1,128.000 Schilling Ausgaben). Es kommt wohl sehr selten vor, daß eine zur öffentlichen Rechnunglegung verpflichtete große Korporation dieselbe quartalweise vornimmt, doch begründet Referent dies ganz richtig damit, daß der obige Aktivstand in Anbetracht der trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse und der daraus resultierenden schwachen Steuereingänge kaum auf die Dauer beibehalten werden könne. Deshalb sei der Referent verpflichtet, auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen, daß man das veranschlagte Budget nicht einhalten werde können. So werde man schon in der allernächsten Zeit gezwungen sein, zur Deckung der laufenden Ausgaben Anleihen aufzunehmen, und' wurden diesbezügliche Verhandlungen bereits eingeleitet. Es ist selbstverständlich, daß (Jem Gebote der größten Sparsamkeit folgend die Finanzkommission nur die allernotwendigsten Ausgaben und Investitionen vornehmen könne. Diesem Gebote der Sparsamkeit falle leider die geplante Zeremonienhalle auf dem neuen Friedhofe momentan zum Opfer, mit deren Bau erst nach Aufbringung der gesamten Kosten begonnen werde. Für die Renovierung der der Kultusgemeinde gehörenden Häuser wurden, wie Ing. L i n d n e r, der Leiter des technischen Amtes berichtete, 1,001.800 Schilling ausgegeben. Nun gelangte eine Interpellation der „Partei für soziale Tätigkeit" betreffs Einsichtnahme der Vorstandsmitglieder in sämtliche Akten und Protokolle durch das Präsidium zur Beantwortung, die dahin lautete, daß die Protokolle der gegenwärtigen Mandatsperiode stets zur Einsichtnahme aufliegen, die der früheren Perioden nur mit Bewilligung des Präsidiums und durch ein besonderes Interesse motiviert nachgelesen werden könnten. Wenn die bisherigen Zwischenrufe lediglich heiteren Charakter trugen, so wurden sie in dem folgenden Stadium der Beratung viel aggresiver und geradezu unerquicklich und das darf nicht Wunder nehmen, denn was Dr. Glanz für die soziale Vereinigung in seiner Dauerreplik auf die Antwort des Präsidiums vorbrachte, das bestätigte fast in jedem Wort unsere eingangs festgelegte Ansicht. Es ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, all das hier zu wiederholen, was Dr. Glanz zum Besten gab, das Wichtigste (nach seiner Ansicht) sei herausgegriffen: dem Präsidium wurde nicht mehr oder weniger vorgeworfen, als daß es die Akten deshalb verborgen halte, weil dieselben wohl nicht in Ordnung seien. Um die Gemüter zu beruhigen, bemühte sich Regierungsrat Dr. H. Oppenheim zunächst an Hand der Statuten und Geschäftsordnung nachzuweisen, d'aß das Vorgehen des Präsidiums gerechtfertigt sei, und der geschäftsführende Vizepräsident Dr. J. Ornstein ergänzte unter außerordentlichem Beifall der Anwesenden die meritorischen Ausführungen seines Vorredners durch eine ebenso energische wie richtige Widerlegung der unberechtigten Anwürfe gegen das Präsidium. Hierauf folgte eine vertrauliche Sitzung.