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Die Wahrheit · 1925-05-22 · Heft 20 (22.5.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 20 (22.5.1925)
Date
1925-05-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 20 DIE WAHRHEIT Seite 9 Dies- und jenseits der Grenzen, Die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten in Deutschland hat eine Fülle von Kommentaren ausgelöst. Wie sich die einzelnen Regierungen des Auslandes zu diesem Wechsel im Deutschen Reiche verhalten, ist aus den unterschiedlichen Stimmen der auswärtigen Presse, die in hiesigen Blättern wiedergegeben wurden, zur Genüge bekannt. Wir wollen uns also nach dieser Richtung mit dem Umschwung jenseits unserer Grenzen nicht weiter befassen. Anders aber steht es mit den Auffassungen diesseits der Grenze, bei uns in Oesterreich. Namentlich bei jenen Elementen, die von jeher ihre Richtlinien und noch viel mehr von „draußen" bezogen. Der Geschäftsantisemitismus — und dieser ist ja der allein maßgebende im Kampfe gegen die Juden — ebenso das Geschäftshakenkreuzlertum, das in spezieller Uniform die gleich großartigen Kämpen in die Arena stellt, haben sich des Wahlresultates in einer Weise bemächtigt, als gehe die ganze Welt einer neuerlichen Renaissance entgegen. Der große Fackelzug, den sie zu Ehren des greisen Feldmarschalls veranstaltet haben, ist nur so ein kleiner Beweis dafür. Solche Veranstaltungen wird ihnen wohl kein Mensch verargen. Paraden und Aufmärsche, das ist ja das richtige Milieu ihres glorreichen Daseins. Das mögen sie immerhin tun, mögen singen und schreien nach Herzenslust, nach der Tendenz Wilhelms von Doorn: Niemandem zuliebe, niemandem zuleide. Allein, wer tiefer in die Verhältnisse und Gesinnungsäußerungen unserer biederen Rassenkämpfer blickt, wird auf etwas stoßen, das ein unverkennbares Zeichen einer Neubelebung, eines Ausdruckes von Hoffnungsfrohsinn darstellt, die sich eben wieder gegen die Judenschaft richten. Man braucht nur einige Zeilen bestimmter Schundblätter zu lesen und man kommt sofort auf den widrigen Geschmack. Fanfarentöne erschallen, mächtiger Jubel wird allenthalben laut und der Refrain des Taumels drückt sich dahin aus: Jetzt wird erst recht die Hetze losgehen! Juden nehmt euch in acht!____Gelassen wie immer, sehen die deutschösterreichischen Juden diesem wüsten Treiben zu. Es läßt uns für den Augenblick ziemlich kühl, aber wir stehen nicht mit verschränkten Armen da. Das von den Großdeutschen unterstützte Toben mag sich ausleben, vorausgesetzt, daß nicht wieder impertinente Lügen, boshafte Erfindungen und Verleumdungen aller Art ihr schmachvolles Haupt erheben. Und zu solchem Vorgehen sind ja unsere lieben Hakenkreuzler jeden Augenblick bereit. Darin stecken ihre wahren Lebensinteressen, das bedeutet ihr Ziel, das trägt Zinsen. Ob aus der Wahl Hindenburgs jene Folgen herauswachsen werden, wie sie von den überphilosophischen Köpfen unserer Gegner erträumt werden, ist freilich eine andere Sache. Wir haben vor der geraden Soldatennatur Hindenburgs eine viel zu hohe Achtung, als daß wir annehmen könnten, er werde dem Geschmeiß der Rassenschützler in irgend einer Weise Vorschub leisten. Es muß ja eine Natur wie die Hindenburgs bis in die Seele hinein anekeln, wenn er auch nur von der Ferne betrachtet, in welchen Sümpfen sich die Meute wälzt, welcher infamen Mittel sie sich bedienen, um ihr wohlbezahltes Dasein zu rechtfertigen. Niemals kann Verleumdungssucht und verächtliches Gebaren bei einem Charaktermenschen einen anderen Eindruck hervorbringen als Abscheu. Das ist gewisser als das Amen im Gebet. Das mögen sich die überaus gediegenen Leutchen stets vor Augen halten. Mögen nun die nächtlichen Schreier und Lärmer nach Herzenslust toben, wir diesseits, wir deutschösterreichischen Juden, wir lassen uns dadurch nicht einschüchtern. Wir halten die Verleumdungsbrut scharf im Auge und werden nicht ermangeln, jeden Ausfall unserer Gegner mit gebotener Kraft abzuweisen. Das Rauschen des antisemitischen Morastwaldes setzt uns nicht in Schrecken. Eines sei ihnen aber gesagt: Unser Kampf ist ein ehrlicher, mit ehrlichen Mitteln, d. h. mit offenen Waffen. Und das ist vor allem jenes Recht, das vor keiner Niedertracht zurückschreckt und das auch der Kampfmethode der Gegner, mögen sie nun dies- oder jenseits die geistige und finanzielle Unterstützung finden, das gebührende Ende zu bereiten imstande ist. Mit hämischer Freude weisen gewisse Schmutzfinken auf die Stimmung des deutschen Volkes hin, das mit der ..enormen" Majorität von neunmalhunderttausend Stimmen „ihren" Kandidaten die Wahl gesichert hat. Das sei, so kalkulieren sie in ihrer Geistesfrische, der Hinweis, daß man drüben jenseits der Grenzen, ihre (in Oesterreich) wüsten Bestrebungen lobend gutheiße, daß das Hakenkreuz nunmehr die rechte und richtige Felswand besitze, an die es sich bei Angriffen auf die „fremde Rasse" stützen könne. Gemach, ihr Mauldrescher, so steht die Sache noch lange nicht. Wir befinden uns diesseits, in Oesterreich und nicht im Deutschen Reiche. Bei uns liegen die Verhältnisse anders, trotz eures ungebärdeten und frechen Benehmens. Wir Juden in Oesterreich werden unentwegt auf dem Qui vive stehen, werden uns mit allen gesetzlichen und nur gesetzlichen Mitteln zu versehen wissen, auf daß die Radaubrüder bei uns von der Herrschaft fernbleiben. E i n G e s e t z hat für alle zu gelten. Diesen Standpunkt werden die österreichischen Juden, in erster Linie die „Union", festhalten. Das schreibet euch hinter die Ohren! .. . Ph. L. Judenreine Sommerfrischen. In Fortsetzung unserer Veröffentlichungen in der vorigen Nummer unseres Blnttes oreben wir heute folgende „judenreine" Sommerfrischen bekannt: Nußdorf am Attersee. Oberösterreich, Murau in Steiermark. Auf Anfragen teilen wir mit, daß wir selbstverständlich keine Zirkulare an Wirte oder Hotelbesitzer in österreichischen Sommerfrischen ausgesendet haben, wie dies seitens einer jüdischen Wochenschrift geschehen sein soll, und dies auch künftighin nicht zu tun beabsichtigen. Wir stützen uns lediglich auf Beschlüsse von Ortsvertretungen, wie dies heute der Fall ist, sowie auf Erfahrungen, die bisher gemacht wurden. Eine allgemeine Rundfrage ist aus dem Grunde vollständig überflüssig, weil die wenigen rassenreinen österreichischen Sommerfrischen ohnehin in Worten und Taten für die allgemeine Verbreitung ihres Namens Sorge traigen. Bei dieser Gelegenheit bitten wir unsere Leser nochmals, uns ihre diesbezüglichen Erfahrungen bekanntzugeben und so unsere Abwehrarbeit zu unterstützen.

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