Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 17 (1.5.1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Deaföcnosferrefdüsclie Wocbenstiirift für indische Interessen im dem DelDlaff: YerOffenffltiiunfgen der .Union denfscMlsferretililsdier JMar Redaktion und Administration: Wien W-, Helm«»tr«öe «3. - Fen«r*f 42-2-ls XLI. Jahrgang Wien, 1. Mai 1925 Nummer 17 Nach der Wahl Hindenburgs. Die Wahl des Generalfeldmarschalls Hindenburg zum deutschell Reichspräsidenten wird von seinen erfolgtrunkenen Anhängern wie ein zweites Tannenberg gefeiert. Der Vergleich stimmt leider bis auf die Kleinigkeit, daß diesmal Hindenburgs Sieg eine furchtbare Niederlage für Deutschland bedeutet. Wen die Aeußerungen der besten Männer Deutschlands nicht überzeugten, den müssen die Stimmen belehren, die aus dem feindlichen Auslande, aus dem Lager der Gegner ertönen. Nur zu rasch bestätigt es sich, daß die Befürchtungen, die bereits in der Kandidatur Hindenburgs eine bedenkliche Herausforderung aller Staaten erblickten, die siegreich aus dem großen Kriege hervorgegangen waren, nur zu berechtigt waren. Verstummt sind die frem den Politiker, die vertrauensvoll einer versöhnlicheren Haltung gegenüber den Deutschen das Wort geredet hatten. Umso lauter erschallen die Drohrufe gegen den Staat, der durch die Mehrheit seiner Wähler den Wunsch zur Stärkung des Militarismus, zur Wiederaufrichtung der Monarchie, zur Schürung des Revanche-Qedankens verraten habe. Schon hört man, daß Painleve, einer der besonnensten und friedfertigsten Franzosen, von dem man hoffen durfte, daß er die politischen Ziele Herriots verfolgen werde, auch über andere Töne verfügt und daß die von berufswegen mißtrauischen französischen Militärs die Kandidatur Hindenburgs als den günstigen Anlaß benützten, um den führenden Politikern die Deberzeugung einzuimpfen, Deutschland müsse bis zum letzten Gamaschenknopf und bis zum letzten Vorderlader entwaffnet werden. Die Wahl Hindienburgs ist aber wahrlich milcht geeignet, die Besorgnisse zu verscheuchen, die schon die Kandidatur Hindenburgs erweckt hatte. Ebenso laut ertönen jedoch auch schon die Stimmen, die die finanzielle Lage des Staates, der so sehr auf den Kredit des Auslandes angewiesen ist, hart bedrohen. Kündigung des politischen Vertrauens und Schädigung des finanziellen Kredits, das ist die Morgengabe, die Handenburg seinem Volke bringt. Auch die verschiedensten Gegner Himd'emburgs werden ihm nicht das Zeugnis versagen, daß er im guten Glauben, seinem Vaterlande ein Opfer zu bringen, die Wahlschlacht aufgenommen habe. Aber wenn dem greisen Feldherrn auch das politische Verständnis dafür fehlte, daß ein geschlagener, niedergeworfener Staat bei der Wahl seines Oberhauptes seiner Ehre nichts vergebe, wenn er aus Klugheit mit der Stimmung des Auslandes rechne, so wird Hindenburg vielleicht doch schon mit Bedauern erkannt haben, daß er im Grunde genommen seinen Sieg nur den zwei Millionen kommunistischer Stimmen verdanke, die — Marx zu Falle brachten. Hindenburg, der in den Kommunisten sicherlich den gefährlichsten Feind des Reiches erblickt, wird diesen unwillkommenen Helfern keinen Augenblick ein Gefühl der Dankbarkeit zollen. Aber er wird vielleicht nur zu bald aiuich fühlen, dlaß seine nächsten Freunde, die ihn zur Kandidatur gedrängt hatten, ihm keinen guten Dienst leisteten. Hindenburg hat wohl begriffen, daß er seinem Lande es schuldig sei, der feindlichen Außenwelt, die in ihm die Verkörperung des deutschen Kriegswillens sieht, mit einem aufklärenden und beschwichtigenden Worte entgegenzutreten. Wird aber seine feierliche Ankündigung: „Ich erkläre vor der ganzen Welt, daß mein heiligstes Bestreben sein wird, neue Kriege fernzuhalten" genügen, um auch das Mißtrauen zu bannen, das so manche ihm nahestehenden Männer durch ihre unverantwortlichen, von Kriegsgerassel erfüllten Reden unausgesetzt hervorrufen? Hindenburg, von der Größe der nunmehr auf ihn ruhenden Verantwortung durchdrungen, möchte es vielleicht jetzt gerne vergessen machen, daß er am Jahrestage der Schlacht von Tannenberg Anreden an Studenten hielt, in denen es zum Beispiel hieß: „Deutschland liegt tief darnieder. Die herrlichen Zeiten des Kaisers und seiner Helden sind dahin. Aber die Kinder, die hier »Deutschland über alles" singen, diese Kinder werden das alte Reich erneuern . . . Sie werden wiederkommen sehen die herrliche Zeit der großen Siege . . . Und Ihr, meine lieben Primaner, werdet siegreich, wie die Väter waren, in Paris einziehen." Aber die anderen haben diese Reden nicht vergessen und man fürchtet nicht ohne Grund, daß sich an die Rockschössel des Reichspräsidenten Hindenburg Leute hängen, deren Streben nicht dahin geht, daß die Erinnerung an die Reden des Generalfeldmarschalls Hindenburg verblasse. Das sind die Leute, die es dahin gebracht haben, daß man das deutsche Volk gegen den Verdacht, es sei verrückt geworden, in Schutz nehmen muß. Hindenburg als Pazifist ist eine ganz neue Erscheinung. Aber auch der Monarchist Hindenburg, der vor, während und nach dem Kriege seinen höchsten Ehrgeiz darin fand, sich als den allergetreuesten Soldaten seines allerhöchsten Kriegsherrn Wiilhelm II. zu bekennen, kam, nach der Meinung Unbefangener, in einen seltsamen Widerspruch mit sich, als er sich durch die Annahme der Wahl in die Notwendigkeit versetzte, den Eid auf die Verfassung der Republik zu leisten. Die Geschichte der älteren und auch der neueren Zeit kennt