Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 14-15 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Nt. 14/15 D1C WAßRjHCIT Seite 21 Die Protokolle der Weisen'"?on Zion.*) 1. Wie entsteht so ein Buch? — Irgend ein Mensch muß sich doch vor seinen Schreibtisch gesetzt haben, mit dem Gedanken: „Ich will Material gegen die Juden schaffen, selbst wenn ich fälschen und lügen muß." Wer war das? — Es war nicht ein einzelner, es waren mehrere, eine ganze Gesellschaftsclkiue. II. Rußland. Wir sind im Jahr 1861. Alexander II. hat die Leibeigenschaft aufgehoben. Was ist die Folge? Schwerste Mißstimmung unter den bisherigen Besitzern der Bauern, dem Adel, der Beamtenschaft. Und da diese Adelsgesellschaft, ähnlich wie die Gesellschaft der „Satisfaktionsfähigen" in dem früheren Deutschland, die tatsächliche Macht in den öfters auch etwas korrupten Händen hat, da ihr überdies das Ohr des Herrschers zugänglicher ist als dem Volke, so folgt schnell genug die heftigste Reaktion. Der Polenaufstand 1863, der blutig unterdrückt wird, ist das Signal. Von jetzt ab heißt die Parole: „Im Namen der Selbstherrschaft des echten Glaubens und des Rassentums Kampf den Fremdstämmigen!" Damit wird 40 Prozent der Bevölkerung Rußlands der Krieg erklärt, den Balten, Finnländern, Polen, Ruthenen, Kaukasiern, Litauern. Mohammedanern und Juden. Unerbittlich mordet eine Clique gewissenloser und habsüchtiger hoher Beamter die fremden Völker Rußlands, vor allem das wehrloseste, die Juden. Außerdem paralysieren sie die tatsächliche Durchführung der Bestimmungen über die Leibeigenschaft. Eine Gesellschaft bevorrechteter Unterdrücker, ein ganzes Land voll von Unterdrückten, das ist die Atmosphäre, in der kommunistische und nihilistische Ideen gedeihen. 1866 das erste Attentat auf den Zaren. Zahlreiche Geheimbünde werden aufgedeckt. 1867 ein zweiter. Die Zensur wird wieder hergestellt. Strengste Ueberwachung aller irgendwie Verdächtigen. Eine Zeitlang herrscht Ruhe. Die Gefängnisse sind voll. 1879 ein drittes und viertes Attentat auf den Zaren. 1880 ein mißglückter Versuch, das Winterpalais in die Luft zu sprengen. Das sechste Attentat 1881 gelingt endlich. , III. Alexander II. ist tot. Voll Kummer und Sorgen besteigt sein Sohn Alexander III. den Thron. Ist es nicht doch ratsam, die Zügel etwas zu lockern, dem Volk eine Verfassung zu geben? — Wären es wenigstens Polen, Finnländer oder Juden gewesen, verräterische Fremdstämmige, die den Zaren ermordet. Aber es waren, das ließ sich leider nicht leugnen, vor allem russische, also rechtgläubige Männer und Frauen, die mit der Bombe in der Hand für den Umsturz kämpften. Und das war tief betrübend! Aber es konnte, es durfte nicht stimmen. Das Interesse des herrschenden großen und kleinen Adels gebietet dem Zaren zu beweisen, daß das russische Volk im Grunde unerschütterlich zarentreu *) Vgl. B. Segel, Die Protokolle der Weisen von Zion. Philo-Verlag, Berlin. ist; es müssen Fremdstänimige. voraussichtlich Juden, gewesen sein, die das Volk aufgehetzt. Und es ist notwendig, das dem Zaren sehr unzweideutig zu demonstrieren. Dann wird er einsehen, daß ein zarentreues und rechtgläubiges Volk die Verfassung Parlament und ähnliches Teufelszug. mit dessen Einführung der Zar in Gedanken spielt, — ein Parlament! Wie leicht kann das an die Adelsprivilegien rühren! Man hat Beispiele! Am 1. (13.) März 1881 ist Alexander 11. ermordet worden. Pünktlich anderthalb Monate später beginnen gleichzeitig in den verschiedensten Teilen Rußlands die furchtbarsten Pogrome. Ueberschrift: „Sein gesunder, sicherer Instinkt treibt das zarentreue, rechtgläubige Volk gegen die wirklichen Zarenmörder, die Juden.'" Auf dieses Bild weist man den Zaren mit edler Geste hin. Um dieser Geste willen martert, schändet, mordet man unser Volk. Denn es ist das schwächste, machtloseste, rechtloseste unter den Völkern Rußlands. Ungestraft darf man es peinigen. Aber damit noch nicht genug. Die Geheimpolizei — sie hatte nach dem gelungenen Attentat eine Rehabilitierung dringend nötig — wird auch bald in der Lage sein, schwarz auf weiß durch Dokumente zu belegen, daß die Juden die intellektuellen Urheber des Zarenmordes sind. Natürlich war bekannt, daß die Täter aus der national-russischen Bewegung der Narodniki stammten. Aber war es nötig, den Zaren besonders darauf hinzuweisen? IV. Nun also, man braucht Beweise dafür, daß überhaupt alle Umsturzbewegungen in der Welt aui Machenschaften des internationalen Judentums zurückgehen. Und man sendet folgerichtig einen Beamten der Geheimpolizei nach Paris, damit er dort in aller Ruhe die Beweise finden kann. Und wie konnte es anders sein? — er fand sie. Es existiert ein russisches Buch „Die Weisen von Zion" von Iwis Delewski, das uns mit größter Genauigkeit darüber orientiert, auf welche Weise jenes Dokument, welches die Urheberschaft des internationalen Judentums an Jeder Umsturzbewegung beweisen sollte, langsamvon den verschiedenen Händen komponiert und endlich abgerundet wurde. Wir sehen also, wie jener russische Beamte in Paris mit anerkennenswertem Eifer das jüdische Schrifttum studierte, dazu in den Archiven die Dokumente der französischen Revolution durchforscht. Und er findet natürlich, was er will: hier ein Wörtchen, dort ein Sätzchen, das man nur noch ein klein wenig zu wenden, zu drehen braucht, um den Bewreis wider die Feinde des Zaren in Händen zu zu haben. Leider aber war dieser sorgfältigen Arbeit — wir wissen nicht, warum — der verdiente Erfolg zunächst noch nicht beschieden. Das Dokument blieb im Archiv der russischen Geheimpolizei liegen bis wieder eine ähnliche Situation eintrat. V. 1897. Wieder ist es notwendig, einem Zaren zu beweisen, daß auf Umsturz im heiligen Ruißland nur die Fremdstämmigen ausgehen. Diese These bildet nämlich eines der wichtigsten Dogmen des inzwischen großgewordenen Verbandes der altrussichen Männer, in dem kein Fremdstämmiger etwas zu suchen hat. Sie gibt ihm seine Existenz-