Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 10 (13.3.1925)
- Date
- 1925-03-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Auch Bürgerliche hatten Eingang gefunden, hauptsächlich Söhne von Industriellem und vermögenden Kaufleuten. „Freilich trugen viele von diesen Bürgerlichen das „von44 oder einen Barontitel vor ihrem Namen", sagt Prinz Alexander. Denn in den Kreisen dieser Arrivierten sei der Bürgerstolz vor Fürstenthronen längst verschwunden gewesen, umi viele hätten keinen höheren Ehrgeiz gekannt, als ihren Söhnen ein Adelsprädikat zu verschaffen, „das ja notorisch unter dem verflossenen Regime zu kaufen war44, bemerkt Hohenlohe. Demnächst führte der Weg in ein „feudales Korps44. Das der Borussen in Bonn, das der Saxoborussen in Heidelberg umd allenfalls noch das der Sachsen in Göttingen galten als Pflanzstätte künftiger Botschafter und Gesandten. „Wer es dann noch fertig brachte, sein Einjähriges bei einem Gardekavallerieregiment abzudienen und dort Reserveoffizier zu werden, der konnte seine Karriere als gesichert ansehen." Ob er etwas gelernt hatte, das kam erst in zweiter Linie in Frage. Korps und Garde sicherten ihre Protekti<gi. Hohenlohe fährt fort: „Nur eines war ein Hindernis: Jude durite einer nicht sein, und wenn er der Sproß einer so alten Dynastie gewesen wäre.wie der Rothschilds. Aber auch dieses Hindernis war nicht unüberwindlich; denn wenn Vater und Großvater sich hatte taufen lassen — bei einem Rothschild wäre das wohl kaum vorgekommen — und der Sohn womöglich mit seinem ererbten Gelde den verblichenen Glanz irgendeiner adeligen Familie aufgefrischt hatte, indem er eine der Töchter aus einem solchen Hause heiratete, dann wurde über die Rasse, wenn sie in der Gesichtsformation nicht gar zu auffallend hervortrat, hinweggesehen." Diese Schilderung wird in der Hauptsache zutreffend sein. Gewiß sind manche deutsche Diplomaten aus der Großindustrie hervorgegangen, wie schon der Name v. Stumm bezeugt. Gewiß auch betrachteten die „feudalen Korps" das Auswärtige Amt als ihre Domäne und bildeten Männer wie Hamniann, Raschdau, Zimmermann, vor ihnen schon Lothar Bucher Ausnahmen von der Art, die die Regel bestätigt. Auch heute noch ist der Einfluß der „Borussen" in der Wilhelmstraße nicht gering. Vollends daß für den ungetauiten Juden über der Pforte zum Auswärtigen Amt die Worte standen: „Lasciate ogni speranza", wie über der ganzen Verwaltung, ist nur zu bekannt, im Gegensatz zu manchen anderen Mächten, wo Juden, wenn sie fähig waren, zu den höchsten Aemtem aufsteigen konnten. Hat doch Italien einen jüdischen Ministerpräsidenten, Kriegsminister, Finanzminister gehabt; Amerika einen jüdischen Botschafter, Morgentau, England mehrfach jüdische Minister, wie Sir Rufus Isaacs, den Oberkommissar für Palästina Sir Herbert Samuel, den Vizekönig von Indien Montague, nicht zu vergessen den von Bismarck besonders geschätzten Premier Benjamin Disraeli Earl of Beaconsfield, der trotz der Taufe nichts dagegen hatte, als Jude angesprochen zu werden. Auch in Frankreich hat es jüdische Minister, wie Creniieux, gegeben und in Oesterreich-Ungarn jüdische Generale, was in Preußen undenkbar gewesen wäre. Und doch, auch dort hat sich einmal einem Juden das Tor zur Diplomatie geöffnet, nicht bloß, wie Albert Ballin, zu vertraulichen außeramtlichen Verhandlungen, mit denen ihn der Kaiser betraute, sondern zur „Karriere", und just einem Mitglied der Familie Rothschild, was dem Prinzen Hohenlohe entgangen zu sein scheint. Freilich, es hatte damit eine besondere Bewandtnis, worüber der frühere Hofmarschall Graf Robert Zediitz- Trützschler unter dem 18. Januar 1908 berichtet: „Neulich sprach Fürst Bülow mit meinem Vater (dem früheren Kultusminister und späteren Oberpräsidenten) über den jetzt in die diplomatische Karriere aufgenommenen Goldschmidt-Rothschild und sagte ungefähr folgendes: „Nun haben wir diesen netten und arbeitsamen Menschen in der diplomatischen Karriere. Ich habe ihn nach London geschickt, und er hat immer die besten Informationen, aber zum Reserveoffizier kann man ihn in Deutschland nicht machen." Der Fürst hat sehr recht mit diesem wirklich krassen Fall; aber wenn man unseren Militärchauvinisten mit dem Vorschlage kommt, dann geraten die außer sich, daß ein Jude Reserveoffizier werden könnte. Dabei hat es in ernsten Zeiten in Preußen jüdische Offiziere gegeben, die vor dem Feinde mit Auszeichnung gefochten haben. In dieser Beziehung regiert aber heute bei uns der reaktionärste Chauvinismus. Mein Vater hat sich nämlich früher als Oberpräsident von Hessen-Nassau dafür interessiert, daß dieser junge Goldschmidt-Rothschild, da er einer der letzten Repräsentanten des Hauses Rothschild in Deutschland ist, Reserveoffizier werden möchte, weil er ein sehr gebildeter, strebsamer, wohlerzogener und gut aussehender Mensch ist Daß er Jude geblieben ist. beweist nur Charakter sowohl von seiner Seite wie auch von der seiner Familie. yawdfcag? z. ^s^-S i