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Die Wahrheit · 1925-03-06 · Heft 9 (6.3.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 9 (6.3.1925)
Date
1925-03-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WAHRHEIT fteufsclrösferreiclilsclie Wodiensdirin für tfldlstiie Interessen fllt ütm Seibiatf; Veröffenüicii&ngen der ..Union tieatscftösterreidiisdier Joden* Redaktion und Administration - IVIen üelnesfraA« 13. — Fernruf 42-2-18 XLL Jahrgang Wien, 6. März 1925 Nummer 9 An unsere Abonnenten! Die Administration der „Wahrheit" ist derzeit mit der Neuanlegung des Adressenkatasters beschäftigt und bittet Adressenänderungen, resp. Richtigstellungen umgehend bekanntzugeben. Administration der „Wahrheit" Wien, IL, Heinestraße 13. P urimbet räch tun gen. Wieder ist das alte jüdische Freudenfest angebrochen, das besonders in diesen schweren, Zeiten in den grauen Alltag der Sorgen und Entbehrungen gleich einer Oase in der Wüste winkt und deshalb eine Art seelischer Ruhepunkt in all dem Treiben und Hasten des gegenwärtig doppelt schweren Existenzkampfes bedeutet. Purim will wohl in erster Linie als ein Vergnügungsfest angesehen und begangen werden (deshalb auch die vielen schönen P u r i m f e i e r n), aber es enthält auch einen tieferen Sinn, der sich in dem Buche Esther dem aufmerksamen Leser offenbart. Eigentümlich und wunderbar vollzieht sich darin eine Schicksalstragödie, die vielleicht vom Verfasser unbeabsichtigt den tiefen Ernst des Geschehens mit komischem Einschlag verbindet und Haman, den anfangs alle Schrecken und Schauer des mächtigen, einflußreichen, judenfeindlichen Staatsmannes umwittern, während des Verlaufes und namentlich zum Schluß eines Abschnittes aus der Geschichte des exilierten Judentums als lustige Figur erscheinen läßt. Dieser Umstand, sowie das freudige Erinnern an die Abwendung einer großen Gefahr geben dem Purimfeste seinen fröhlichen Charakter. Haman und sein verruchter Plan ist die sinnfällige Ausdeutung des Sprichwortes, daß, wer anderen eine Grube gräbt, selbst hineinfällt. Das ist wohl das Tröstlichste an diesem Fest, das uns lehrt, daß wir nicht unter dem Einfluß der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erlahmen sollen, wenn menschliche Tücke und Bosheit, wenn die ruchlosen Pläne hochstehender Machthaber oder Ratgeber zu einem vernichtenden Streiche gegen das Volk der Juden ausholen. Und noch ein anderes Moment spricht belehrend und erbauend aus dem Buch Esther zu dem denkenden Juden. Das treibende Motiv an der plötzlichen, geradezu überraschenden Wendung, welches den schon im Geiste triumphierenden Häman in die tiefsten Abgründe des eigenen Verderbens stürzte, war der von ihm aus verletzter Eitelkeit so tief gehaßte und verachtete Jude Mordechai, das Vorbild des treuen Staatsbürgers, wie er ja jederzeit den Typus des Juden dargestellt hat. Das Buch Esther behandelt eine der gefährlichsten Episoden der Juden im Exil. Wenn aber die Vergangenheit ein Spiegel der Zukunft ist, so bietet uns dieser Abschnitt aus der Leidensgeschichte der Juden im Exil einen Ausblick auf die Weiterentwicklung und Zukunft unseres schwer geprüften Volkes. Fast in jedem Lande und zu jeder Zeit haben neu entstandene Hamans den Juden Verderben und Untergang gedroht, aber immer blieb es nur bei der verruchten Absicht und dem teuflischen Plan. Es war nicht immer eine anmutige Frauengestalt, nicht immer eine Königin Esther, die die Hamans entlarvt und der wohlverdienten Strafe zugeführt hat. Aber es fehlte der Vorsehung nie an „Boten", die das Rettungswerk besorgt haben. Immer wieder sehen wir, daß die wunderbare Elastizität unseres mannigfach heimgesuchten Volkes durch Gottes Hilfe und den Geist der Geschichte die gefährlichsten Krisen überwunden hat, ja in vielen Fällen sogar verjüngt und neu gestärkt daraus hervorgegangen ist. Immer wieder dankte jubelnd das befreite Volk seinem Gotte „für die Wunder und für die Großtaten", die E r geübt „in jenen Tagen, in dieser Zeit!'' Auch jetzt fehlt es nicht, namentlich in unseren Nachbarländern Deutschland und Ungarn, an wiedererstandenen Hamans, die ihren angeborenen Haß zu üben versuchen. Aber hoffentlich wiederholt sich auch dort bald das Beispiel daß diese modernen Hamans mit ihren Piänen zu Schanden werden und daß das ewige, unveräußerliche Recht der bedrückten Menschheit obsiegt. Das Purimfest ist nach dem Sinne des Sprachgebrauches ein Fest des Loses und wie überall sind es die schwarzen und die heiteren Lose, die sich nach dem Walten der Vorsehung durchzusetzen haben. Bald ist es der Glaube, bald die Rasse der Juden, bald die soziale Gefahr, die für die öffentliche Gesellschaft aus dieser Religionsgenossenschaft von ihren Feinden betont wird, die zu einschränkenden Maßregeln aufruft oder in den Ländern mit rückständiger Kultur zu offener brutaler Gewalt, Verfolgung und Vernichtung greift. Aber durch alle diese schweren Nöte und Drangsale hat sich der jüdische Geist und die jüdische Seele erfolgreich durchgesetzt. Darum bleibt auch das Purimfest nicht nur ein Tag der Freude, sondern auch der Hoffnung, daß nach all diesem Trübsal, das die moderne Kultur so reichlich auf uns Juden heraufbeschworen hat sich die Erkenntnis des Besseren bald durchsetzen wird. L. H.

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