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Die Wahrheit · 1925-02-20 · Heft 7 (20.2.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 7 (20.2.1925)
Date
1925-02-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Deufschdsterrelchlsclie Wochenschrift fttr Jüdische Interessen rill dem Deitolatt; Verdifentlitiiangen der „Union dentschösterrekhlscher Juden** Redaktion und Administration - Wien HL. Btet«»«5»<-r«»Ä« 13. - Fernruf 42-2-16 XLK Jahrgang Wien, 20. Februar 1925 Nummer 7 Die Krankenpflege bei den Juden. Eine Reminiszenz. Von: Dr. M. Spanier, Magdeburg. ""' Es ist eine bekannte Tatsache, daß dk- Voreingenommenheit gegen das Judeiütunn auch bei' hervorragenden christlidhen Gelehrten freisiraiig-ar Observanz vorherrschen«! ist und! d)aß: von ei;ner der UrteiMällung vorangehenden fachgemäßer, objektiven' Priifunigi der Materie — wie das z. B. der Botamitker Schleiden tat — nicht die Rede sein kann. Wir denkeni an Ha ecke!, den vor wenigen Jahren verstorbenen großen Naturforscher, und an die noch lebenden. Gelehrten, wte O s: w a 1 d und Verwegen. Auieh -dem berühmten Mediziner Virchow wohnte eine Engherzigkeit inrre, die zu seinem sonstigen Denken in grellem Widerspruch sieht. So hat er seinerzeit die Annahme des Dr. med. A u frecht als Assistent verhindert, nicht weil er Jude ist. sondern aus anderen Gründen. Wir kennen das. Für uns Magdeburger hat der Name Aui- 'recht einen besonders schönen Klang. Geheim rat Professor Dr. Aufrecht war Jahrzehnte hindurch Direktor des hiesigen .altstädtischen Krankenhauses, genoß hohes Ansehen in den weitesten Kreisen der Bevölkerung, in Gelehrtenkreisen bekannt durch seine bakteriologischen Forschungen — schon vor Robert Koch. Der über SO Jahre alte Gelehrte lebt jetzt in Leobenschütz. Virchow — um auf ihn wieder zurückzukommen — hatte in einem 1866 im Berliner Handwerkerverein gehaltenen Vortrag Krankenpflege und Gründung von Hospitälern als Werke ausschließlich christlicher Liebe ins Anspruch genommen. (Siehe Geigers „Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben", 6. Jahrgang, Breslau 1868, Sehe 277 ff.) Weiter hatte er in seinem Archiv für pathologische Anatomie XL1V. 1. S. 138 von „Grausamkeit und Härte der Juden" gesprochen. Virchow wußte nicht, daß die Errichtung von Hospitälern, diese Werke der Bärmherzigkeit, zunächst von der Konfession, der Kirche, ausging und1 auf die Glieder der religiösen Genossenschaft' beschränkt war. Später ist die Krankenpflege Sache der Kommune geworden und lange {laben sie NichtChristen ausgeschlossen. Es ist eine Errungenschaft der neueren- Zeit, daß duie unterschiedslose Humanität in diese Pforte einzog, wenn sich auch, wie Geiger-bemerkt, die Proselitenmacherei an deren Fersen gehängt hat. Die Juden waren genötigt, für ihre Armen und .Kranken ohne Beihilfe des Staates und der Stadt aus eigenen Mitteln zu sorgen, und wenn Veranlassung vorlag, haben sie sich auch der Aufnahme Kranker anderen Glaubens nicht widersetzt. Wie die Uebung der Liebeswerke (GemiJuth Chassadim) bei ums Juden gewertet wurde, darüber braucht kein Wort verloren zu werden, jedem Einsichtigen ist es bekannt. (Auf der ersten Seite unserer alten Gebetbücher findet sich die aus dem Talmud übernommene Stelle: Dies sind die Dinge, für die es nach gesetzlicher Bestimmung kein bestimmtes Maß gibt: Die Ecke des Feldes, die beim Abmähen für den •Armen stehen bleiben muß, die Ertstiingsfrüchte, dias Opfer beim Erscheinen im Tempel, die Uebung von Liebes werken und die Beschäftigung mit der Gotteslehre.) Die Uebung von Liebeswerken sollte sich auf alle Menschen erstrecken; die oft im Munde geführte „chrisaiche Liebe"* erstrecke sich selbst nicht auf alle Christen — geschweige auf Juden. Wras nun die „Grausamkeit and Härte" der .luden betrifft, so wollen wir als Gegenbeweis folgende Steilen zitieren: 3. B. M. 19, 13: Du sollst deinen Nebenmenschen nicht bedrücken und nicht übervorteilen, behalte nicht den Arbeitslohn des Mietlings bis zum nächsten Morgen zurück. 2. B. M. 22, 20-21: Einen Fremdling sollst du nicht kränken und ihn nicht drücken, denn Fremdlinge wart ihr in Aegypten. Witwen und Waise sollt ihr nicht bedrücken. 2. B. M. 23, 6: Beuge nicht das Recht des Armen in seiner Rechtsache. 5. B. M. 24, 17: Du sollst nicht beugen das Recht eines Fremdlings, einer Waise und nicht pfänden das Kleid einer Witwe. Psafnii 11, 5: Die Bösen und Gewalttätigen haßt Gott. Spr. Sal. 14, 31: Wer den Armen bedrückt, lästert seirroen Schöpfer. 3. B. M. 25, 35: Wenn bei dir dein Bruder verarmt und sein Vermögensstand sinkt, so greife ihm unter die Arme, gleichviel ob Fremdling oder Einheimischer, daß er bei dir lebe. Spr. Sal. 12, 10: Der Gerechte weiß, wie seinem Vieh zumute ist, aber des Frevlers Herz ist grausam. Sapienti sat. Man muß das leider immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen, in Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum obenauf und es ist ihm wohl und behaglich im Gefühle der Majorität, die er auf seiner Seite hat. Aber wir müssen gewappnet sein und mutvoll der lügnerischen Menge die Wahrheit entgegenschieudern.

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