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Die Wahrheit · 1924-12-19 · Heft 51 (19.12.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 51 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT tteatscbOsfeiTelclilsche Wocliensdirtfl für Itidisäie Interessen fflf dem Beiblatt: Veröttenuiaiungen aer „Union deuiscnosierreidiisdier Joden" Redaktion und Administration »■„ Mi«»»v»«Ri»«hr«Btf»4e IS. — Fernruf 42-2-1« XL. Jahrgang Wien, 19. Dezember 1924 Nummer 51 Leuchtfeuer und Lichtzeichen. Worte zum Cbanukahfeste 5685. Von Dr. Adolf- Altmann, Oberrabbiner in Trier. Einst, ehe noch das jüdische 'Kalenderwesen eine festgelegte Norm hatte, war es in Judäa gebräuchlich, daß man am Rausch Chaudesch, auf einer der Höhen Jerusalems, ein Leuchtfeuer anlegte, um von dem Eintritt des Neumondstages weithin Signal zu geben. Sobald man in den umliegenden Orten des Feuerzeichens ansichtig wurde, loderten auf allen umliegenden Bergen ebenfalls Lichtflammen auf. Diese nahmen die weiterliegenden Orte wahr und taten dasselbe auf ihren Höhen und die nöch weiter entfernten Städte and Dörfer wieder dasselbe, bis hinaus sogar über die Grenzen des heiligen Landes in allen Orten der Zerstreuung, wo damals Juden wohnten. In wenigen Stunden an einem und demselben Abend war das ganze weite Gebiet der jüdischen Ansässigkeit wie in ein Flammenmeer gehüllt Ein ganz Israel umspannender Lichtring einte die Gemeinschaft und alle wußten, dachten und besprachen dasselbe: es ist Rausch Chaudesch. An den Abenden des Chanukafestes, dieser lieblichen geschichtlich-religiösen Gedächtnistage, mutet uns das Lichtanzünden ähnlich an. Ein Lichtring schlingt sich von uns weg hinaus und hinüber zu den Juden und Jüdinnen, zu den Brüdern und Schwestern in den nahen und fernen Orten ihrer Ansässigkeit auf der ganzen, weiten Erdenrunde. Ein heilig-religiöses Signal zu ihnen und ein Zeichen des Lichtes wieder von ihnen zu uns. Während wir an einem Orte die Lichtlein anstecken und segnend und singend die Brochoh sagen, tuen dasselbe Millionen der Unsrigen. Licht gesellt sich zu Licht, und die vielgespaltete und in Parteien und Richtungen zerklüftete Judenheit ist für einen Augenblick verbunden und geeint im Zeichen des Lichtes und alle wissen, denken, besprechen nur das eine: es ist Chanukah. Meint man, das wäre nur ein Bild? Nein, es ist der Grundgedanke und der tiefste Sinn der ganzen Chanukahfeier. Das ist der Sinn und Gedanke, der unser Denken weiht, unser Empfinden läutert, unsere Hoffnung stärkt und unsere Entschließungen kräftigt. Durch die Lichtbrücke von den Brüdern zu den Brüdern, die wir bauen, umspannen wir gleichzeitig die Ufer von der Gegenwart zur Vergangenheit und von dieser zu einer erhofften Zukunft Der Strahl, der von der Chanukahmenora ausgeht, bewirkt, die Verbindung zu erkennen, die zwischen der glorreichen Zeit der Almen und der trüben Augenbhckiiehkeit besteht Die Lichrfackel, die aufflammt von einem Jehudi zum cinJcren. und von allen zusammen zu dem einen zurück, soll die Lage beleuchten, in der es sich befinden könnte, wenn der Jude die Zeichen des Lichtringes verstehen wollte, einig zu sein und fest im Lichte des Stammes und Glaubens. Man feindet uns heute wie damals an, als sich die Chanukahgeschichte zutrug. O, das tut weh! Man sucht wie damals nur unsere Fehler, auch solche, die wir nicht haben. Aber damals kamen uns doch die großen Vorzüge, die wir hatten, zu Hilfe, Heute sieht man aber nur die Fehler, doch die Vorzüge kann man auch, wenn mit Fackeln beleuchtet, nicht finden, denn wir verdunkeln sie uns selbst. Wir sind entrüstet, wenn man uns angreift. Mit Recht, denn wir wissen wohl, wir sind um unseres Glaubens willen nicht anzugreifen. Rein und lauter und makellos steht die erhabene Standarte unseres Judentums da vor aller Welt. Aber sind wir auch Juden dieses Judentums, leben wir auch ein Leben dieses Glaubens? Die anderen greifen uns als Juden an, weil sie unser Judentum nicht kennen. Aber Hand aufs Herz, kennen wir es, wie wir es kennen sollten? Was wissen wir vom Judentum, leben wir vom Glauben, den wir verteidigen? Wo sind, und wieviele sind die, denen es um den Glauben geht, wie um ihr eigenes Herzblut? Nein, wir haben nur Chanukah, aber keine Makkabäer, nur Docht sind unsere Herzen, ohne Wachs und Oel der Begeisterung. Und daß dieses sich mehre, ist das Wunder, auf das wir warten, das Wunder, das sich an uns vollziehen müßte. Darum laßt uns Feuer machen auf unseren Höhen. Und diese Höhen sind unsere Gotteshäuser, unsere Schulen, unsere Vereinigungen, unsere Familienkreise. Laßt uns nicht sparen mit Oel und Licht des Herzens für das Judentum. Eines starken Lichtes bedarf es, unsere Dunkelheit, unsere Gleichgültigkeit, unser Nichtwissen zu erleuchten, eines starken Feuers bedarf es, unsere Starrheit, unsere Gefühle zu erwärmen. Und wir sollen so erleuchten unsere Höhen, so entfachen unsere Feuer, daß sie über uns hinaus noch den anderen weithin leuchten und wärmen können. Und sind wir soweit gekommen, daß wir das nicht mehr vermögen, so laßt uns aufmerken in der dunklen Nacht unseres entjüdischten Lebens auf die Leuchtfeuer, die etwa von den Höhen der noch übrigen Brüder weit ausgehen. Vor allem auf die Leuchtfeuer, die ausgehen von der jüdischen Geschichte. „Haus Jakob, komm, laß uns wallen im Lichte des Herrn." Laßt uns die Lichtlein des Chanuka-

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