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Die Wahrheit · 1924-11-18 · Heft 46-47 (18.11.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 46-47 (18.11.1924)
Date
1924-11-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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: WAHRHEIT) >hAc<Prrpf4*hic**h4» I&Arh<»nc<liriH tthr tftrilcfh«» lnffpr«cc«n W Peiilschöslerreichlsclie Wochenschrift für Ittdlsdie Interessen FW dem Beiblatt: Verötteniiichangen der .Union deutschösterreichfsdier Jaden" Redaktion und Administration: Wien H«ancts*v«0« - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 18. November 1924 Nummer 46/47 Die vorliegende Nummer unseres Blattes erscheint wegen des Staatsfeiertages, des Eisenbahnerstreiks und der dadurch bedingten Verzögerung im Materialeinlauf als Doppelnummer etwas verspätet und ist 24 Seiten stark. Die nächste Nummer erscheint Donnerstag, den 27. November. ^mMMMMMMMmMMMMMmMW Die Wiener Knltuswahlen. Sie sind vorüber und, so paradox es klingen mag, daß sie erledigt sind, ist vielleicht das Schönste an ihnen. Denn noch nie wurde ein Wahlkampf um eine jüdische Gemeinde mit solchen!, beinahe brutalen Mitteln geführt und speziell in der Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde und deren Wahlkämpfen ist es wohl noch nie vorgekommen, daß in so erbitterter und gehässiger Form eine Wahlschlacht ausgetragen wurde und jüdische Wählerversammlungen derartige Dimensionen annahmen, daß Wache einschreiten! mußte. Wem haben die an diesen leidigen Vorkommnissen Schuldtragenden — die Schuldfrage wollen wir hier nicht untersuchen — den größten Dienst geleistet? Die Frage ist wohl einwandfrei zu beantworten: den äußeren Feind, dem dieser Bruderzwist im jüdischen Lager nur lebhaftes Gaudium bereitete. Und dabei ist es das Bezeichnendste, daß es zu all dem kam, obwohl von Anfang an das Bestreben obwaltend war, die Wahlen im Zeichen eines allgemeinen Friedens durchzuführen. Dieses Bestreben ging vor allem aus den Kreisen der Majorität des abtretenden Kultusvorstandes aus, was den betreffenden Herren nicht hoch genug angerechnet werden kann, da es wirklich in diesen trostlosen Zeiten kaum nötig erschien, solche immense Summen, wie sie ein Wahlkampf verschlingt — und man munkelt diesmal von Ziffern über 1 Milliarde, die allen Beteiligten die Wahl gekostet haben soll — für Zwecke zu widmen, die, an den heute unumgänglich notwendigen, insbesondere charitativen Bedürfnissen gemessen, beinahe nichtig erscheinen. So hat man denn auch dem „Religiösen Block" 2 Mandate, der Wählergruppe „Achduth Israel" 1 Mandat angeboten, die Herren lehnten ab und errangen mit schwerer Mühe nach heißem Wahlkampfe die gleiche Mandatszahl, wie sie ihnen angetragen war. Diese, übrigens erst zur Wahlzeit hervorgetretenen Vereinigungen hätten also sicher viel Geld gespart. Wenn sie — gut gerechnet hätten. Nur bei der „Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in der KultiDSgemeinde" haben die Antragsteller zu tief gegriffen, sie boten ihr 3 Mandate an, die Herren haben aber mit der uneinigen Dreieinigkeit und deshalb mit mehr Mandaten gerechnet und der Wahlsonntag hat die Richtigkeit ihrer Hoffnungen bestätigt. So viel über die Verhandlungen mit den kleinen Parteien. Aber auch zwischen den großen Parteien kam, und dies ist vom Standpunkte der Kompromißpolitik nur selbstverständlich, eine Vereinbarung zustande, die beinhaltete, daß die drei bisherigen Parteien auf Grund ihrer Stärke im seinerzeitigen Kultusvorstand wieder in den neuen einziehen sollten. Dies war, wie gesagt, vom Standpunkte einer restlosen Kompromißpolitik erklärlich. Aber diesen Standpunkt teilt nun einmal das Gros der Wiener Judenschaft nicht, das es absolut nicht goutiert, daß mit einer Partei zusammengegangen wird, die noch immer, trotz der Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit, auf nationaler Basis steht. Dieses Zusammengehen hat bei den politischen Wahlen schon schlechte Folgen gezeitigt und ebenso war dieses Zusammengehen schuldtragend daran, daß die Kultuswahlbetediligung kaum 40fc betrug und demnach weit hinter der des Sommers 1920 zurückblieb, wo bei den damaligen Kultuswahlen ehrliche Prinzipien im ehrlichen Kampfe sich gegenüberstanden. Nicht das „kalte Wetter" hat, wie ein Wiener jüdisches Tagblatt meint, zu der schwachen Wahlbeteiligung beigetragen — am selben Sonntag wohnten über 50.000 Zuschauer im Freien einem Ländermatch bei — sondern wie dieselbe Zeitung im Nachsatz ganz richtig bemerkt, „das Fehlen jeglichen Kampfmomentes" zwischen denjenigen Parteien, deren Anschauungen sich nun einmal diametral gegenüberstehen und deshalb schwer vereinigen lassen. Man betrachte nur die Zahl der abgegebenen Stimmen im 1. Bezirk, 713!, und wird die Richtigkeit unserer Anschauungen gewiß bestätigt finden! Die schwache Wahlbeteiligung also von seiten des bodenständigen Wiener Judentums war die eine Folge der von der Wiener Judenschaft nicht gutgeheißener, Kompromißpolitik zwischen den großen Parteien, während von den neuaufgetauchten kleinen Parteien mit besonderer Agilität gearbeitet wurde und sie, insbesondere eine durch eine gewisse Parteidisziplin, sämtliche ihrer Leute zur Wahlurne brachten. Die andere Folge ist eine

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